Mensfelden im 2. Weltkrieg
✍ Autor(en): Markus Streb (2025), David Diefenbach (2025)
Limburg nach dem 1. Weltkrieg
Der Erste Weltkrieg hatte auch in Limburg und der umliegenden Region sichtbare Spuren hinterlassen. Bereits während des Krieges entstand zwischen Limburg und Dietkirchen ein großes Kriegsgefangenenlager, in dem zeitweise bis zu 12.000 Gefangene untergebracht waren. Noch heute erinnert eine Kriegsgräberstätte an der Verbindungsstraße an dieses Lager.
Nach dem Krieg kam es zu einer besonderen Situation: Durch die französische und amerikanische Besetzung entstand zwischen den Brückenköpfen Koblenz und Mainz ein Gebiet, das von den Alliierten nicht kontrolliert wurde. Dieser schmale Streifen umfasste mehrere Gemeinden im Taunus und im Westerwald und erhielt später den Namen „Freistaat Flaschenhals“. Da Limburg die nächstgelegene unbesetzte Stadt war, wurde es zur zentralen Versorgungsstelle für diese Dörfer. Lebensmittel, Waren und sogar Post mussten über Limburg beschafft und weitergeleitet werden. Schmuggel und improvisierte Handelswege gehörten zum Alltag, und die wirtschaftliche Not in der Region wurde durch diese Umstände noch verschärft.
Die politische Lage blieb unruhig. Ab Mai 1923 besetzten französische Truppen schließlich auch Limburg, und Bürgermeister Marcus Krüsmann wurde verhaftet und interniert, ehe er 1924 in sein Amt zurückkehren konnte. Erst mit dem Ende der Besatzung begann ab Mitte der 1920er-Jahre eine Phase der wirtschaftlichen Stabilisierung und Bautätigkeit, die auch das Umland erfasste.
Die Weltwirtschaftskrise von 1929 brachte auch für die Region Limburg erhebliche Belastungen mit sich. Arbeitslosigkeit, wirtschaftliche Unsicherheit und politische Orientierungslosigkeit prägten den Alltag. In dieser Situation gewann die NSDAP zunehmend an Einfluss; bereits 1928 war in Limburg eine Ortsgruppe gegründet worden. Mit der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 setzte sich die nationalsozialistische Herrschaft rasch durch. Am 7. März 1933 wurde am Limburger Rathaus die Hakenkreuzflagge gehisst, und Bürgermeister Marcus Krüsmann sah sich öffentlich gedrängt,den Hitlergruß zu leisten.
Aufstieg des Nationalsozialismus
Eine systematische Auseinandersetzung mit der Zeit des Nationalsozialismus in Mensfelden hat bisher noch nicht stattgefunden. Dies liegt zum einen daran, dass es sich um ein unbequemes, oft scham- oder schuldbehaftetes oder verklärtes Thema handelt, über das von Zeitzeugen und Zeitzeuginnen wie auch von deren Nachkommen nicht gern gesprochen wird. Neben historisch sicher Richtigem kursieren Mythen und Ungereimtheiten. Zum anderen ist die Quellenlage oft lückenhaft. Außerdem hat sich bisher noch niemand gefunden, der sich des Themas umfassend annimmt. Auch alte Dorfchronik blieb hier sehr oberflächlich und teils irreführend. Wir möchten an dieser Stelle einen ersten, knappen und bruchstückhaften Überblick geben und hoffen, dass infolge unseres Beitrags zukünftig eine intensivere Auseinandersetzung und Forschung stattfindet. 1
NSDAP-Organisationen und Aktivitäten
Bereits vor der Machtübertragung auf die NSDAP im Januar 1933 gab es Aktivitäten der Partei in Mensfelden. Am 10. September 1930 um 21 Uhr fand im Saal des Gasthauses Klapper in Mensfelden die erste Veranstaltung der NSDAP statt. Es kamen 250-300 Teilnehmer. Knapp einen Monat später hielt der Mensfelder Albert Schumann vor mehr als 150 Personen im Gasthaus Klapper einen Vortrag für die NSDAP, in dem er auch gegen Juden und Jüdinnen hetzte. Es folgten weitere Veranstaltungen der NSDAP im Gasthaus Klapper, aber auch in den umliegenden Dörfern und Limburg, die von Mensfelderinnen und Mensfeldern besucht wurden – die Teilnahme erfolgte sicher oft auch aus Neugierde und Interesse und nicht bei allen aus voller Überzeugung.
Besonders auffällig sind die Wahlergebnisse der frühen 1930er Jahre, die eine überdurchschnittlich hohe Unterstützung der NSDAP zeigen. Im September 1930 stimmten 20,4% der Wahlberechtigten in Mensfelden für die NSDAP. Am 31. Juli 1932 waren es bereits 70,7% und im November 1932 sogar 76,8%, also mehr als das Doppelte des reichsweiten Ergebnisses, das bei 33,1% lag. Bei den beiden Wahlen zum Reichspräsidenten 1932 erhielt Adolf Hitler 54,3% und 77,2%. Viele der knapp 950 Einwohnerinnen und Einwohner dürften also die Machtübertragung auf die NSDAP Ende Januar 1933 begrüßt haben. Der Nationalsozialismus, seine Symbole und Uniformen gehörten von nun an zum Alltag im Dorf. Für Mensfelden, wie für die meisten Ortschaften im Reichsgebiet auch, existieren zahlreiche Abbildungen, die mit NS-Symbolen wie Hakenkreuzfahnen geschmückte Straßenzüge oder Häuser zeigen. Eines dieser Bilder aus dem Jahr 1934 zeigt ein Haus, das sich gegenüber des jüdischen Betraums an der Ecke Fahlerstraße/Laißstraße (heute Sonntagsstraße) befand. Dieses Haus ist mir schwarz-weiß-roter Fahne, Hakenkreuzwimpeln und einem Hakenkreuz Kranz geschmückt.2 Das Haus eines anderen besonders begeisterten NSDAP-Anhängers war im Dorf als „braunes Haus“ bekannt.
Überliefert sind außerdem zahlreiche Bilder mit Kindern in Uniformen von Jungvolk, Hitlerjugend (HJ) und Bund Deutscher Mädel (BDM) darunter auch solche, auf denen Kinder den Hitlergruß zeigen. In Fotoalben und teilweise auch gerahmt in manchem Wohnzimmer finden sich auch heute noch Bilder der Vorfahren in Wehrmachts- oder Waffen-SS Uniformen, oder verschiedener anderer nationalsozialistischer Organisationen, wie dem Reichsarbeitsdienst oder der NS-Frauenschaft. Auch in Mensfelden gab es eine Ortsgruppe der NSDAP, deren Leiter Adolf Crecelius war. Daneben gab es Mitglieder von SA und SS. Genaue Zahlen liegen allerdings keine vor. Mitglieder dieser Gruppierungen griffen immer wieder in Alltag ein, mit Propaganda, Denunziationen, abschätzigen Kommentaren und Ähnlichem. Besonders die jüdische Bevölkerung war hiervon betroffen: Ab 1933 kam es zu mehreren Denunziationen sowie Angriffen auf die jüdischen Einwohnerinnen und Einwohner oder deren Häuser. Unter den aktenkundig gewordenen Tätern waren vor allem Mitglieder der SA. Auch im Rahmen der Novemberpogrome im Jahr 1938, der so genannten „Reichskristallnacht“, kam es in Mensfelden zu judenfeindlichen Ausschreitungen durch Mensfelderinnen und Mensfelder und auswärtige Mitglieder von Organisationen der Nazis. Im Laufe der 1930er Jahre gelang einigen Jüdinnen und Juden die Flucht ins Ausland oder in nahegelegene größere Städte, vor allem nach Mainz und Frankfurt. Bis zum Jahresende 1939 waren alle jüdischen Familien aus Mensfelden geflohen. Für alle, die bis zu diesem Zeitpunkt nicht ins Ausland entkommen waren, endete der Nationalsozialismus tödlich. Sie wurden entweder in Ghettos oder Konzentrations- und Vernichtungslager verschleppt, starben an den Folgen der Verfolgung oder nahmen sich selbst das Leben. 2
Mindestens ein halbes Dutzend Mensfelder Bürgerinnen und Bürger wurden in den 1930er Jahren durch Beschlüsse eines sogenannten „Erbgesundheitsgerichts“ zwangssterilisiert. Die Unfruchtbarmachung erfolgte in den meisten bekannten Fällen in Diez oder Kirberg. Weitere Forschungen hierzu stehen noch aus, ebenso wie zu der Frage, wie viele Mensfelder oder Mensfelderinnen Opfer der sogenannten NS-Euthanasie waren und in Tötungsanstalten wie der in Hadamar ermordet wurden. Zeitzeuginnen und Zeitzeugen erinnerten sich auf jeden Fall daran, dass man wusste oder mindestens vermutete, was in Hadamar passierte. Vom Mensfelder Kopf aus konnte auch der rauchende Schornstein der Tötungsanstalt gesehen werden.
Selbstverständlich waren nicht alle Bewohnerinnen und Bewohner in Mensfelden gleichermaßen überzeugt vom Nationalsozialismus. Die Motive und die Einstellungen konnten sich auch im Laufe der Zeit verändern. Letztlich muss man jede Person einzeln betrachten, um zu einem differenzierten Urteil kommen zu können. Es lässt sich aber festhalten, dass in Mensfelden über lange Zeit hinweg eine Begeisterung für den Nationalsozialismus vorherrschte.
Im Dorf gab es aber auch Menschen, neben den jüdischen Bewohnern und Bewohnerinnen, die nicht mit dem Nationalsozialismus oder einzelnen Aspekten und Personen einverstanden waren. Der 1875 geborene Maurermeister Johann Georg Nilges II wurde beispielsweise zu einem dreimonatigenn Gefängnisaufenthalt verurteilt, weil er sich im Frühjahr 1934 in der Gastwirtschaft Karl Faust („Fauste“) abfällig über die Ehefrauen von Hermann Göring und Joseph Goebels geäußert hatte. Gegen ihn hatten einige „alter Kämpfer“, also Mensfelder Nazis der ersten Stunde, ausgesagt.
Segelflugschule der Hitlerjugend / Flugplatz Blumenrod
Eine Besonderheit in Mensfelden war die Präsenz einer Segelflugschule der Hitlerjugend zur vormilitärischen Ausbildung auf dem Mensfelder Kopf. Im Jahr 1937/38 wurde auf Antrag der Gruppe 11 des Nationalsozialistischen Flieger Korps (NSFK) eine Flugzeughalle erbaut. Die Segelflieger schliefen zunächst in einer Baracke auf dem Mensfelder Kopf. Später wurde am Ortsrand eine eigene Halle zur Unterbringung gebaut. Diese Halle diente nach dem Krieg als erste Unterkunft für die Heimatvertriebenen. 3 Die Versorgung der Segelflieger fand auf dem Mensfelder Kopf oder im Gasthaus Faust statt. Auch Absolventen der im nahegelegenen Diez befindlichen Nationalpolitischen Erziehungsanstalt nutzten die Ausbildung auf dem Mensfelder Kopf. Sie kamen etwa für einwöchige oder wöchentlich stattfindende Segelflugkurse, die beispielsweise unter Anleitung des NSFK-Sturmführers Franz Neumann, oder kurz vor Kriegsende bei Obertruppführer Urbahn, Unteroffizier Wollbrandt oder Unteroffizier Dornbusch stattfanden. Harald Schäfer, ein Napola-Schüler4 in Diez-Oranienstein, schrieb zur Ausbildung auf dem „Meko“ Anfang 1945, also kurz vor Kriegsende: „In all diesem Trubel ist es eine geradezu unverantwortliche Farce, daß ein Teil von uns im Januar und Februar 1945 in schneeweißen Schulgleitern mit knalligen Hakenkreuzemblemen seine Segelflugausbildung auf dem nahegelegenen Mensfelder Kopf bei Limburg beginnt. Mißmutige, ordensdekorierte Flieger der Luftwaffe sind die Ausbilder, ihre wenigen, veralteten Maschinen stehen getarnt im nahen Wald.“ Zu diesen Flugzeugen zählten beispielsweise drei Fieseler Fi 156 „Storch“ und eine Messerschmitt Bf 108 „Taifun“.
Vor allem aber diente der Mensfelder Kopf als Ausbildungsstätte für Mitglieder der Flieger-HJ. Dazu zählte beispielsweise der damals 15-jährige Werner Loew aus Limburg, der 1942 auf den Mensfelder Kopf kam. In seinen Erinnerungen an die Zeit des Nationalsozialismus beschreibt er seine Ausbildung, die vor allem an den Schulgleitern „SG 38“ stattfand. Anfangs kam er nur wochenends auf den Mensfelder Kopf. Nach einem längeren Einsatz als Luftwaffenhelfer kam er 1944 wieder. Er erinnerte sich: „In Mensfelden gab es jetzt eine Baracke für Freizeit, Essen und Schlafen und eine Halle für sechs Schulgleiter […].“ Für Werner Loew, wie für viele andere, war der Mensfelder Kopf eine von vielen Stationen auf dem Weg zum Piloten. 5
Insgesamt wurden mindestens 700 Teilnehmer auf dem Mensfelder Kopf ausgebildet, das geht aus einem Flug- und Lagerbuch der Segelflugschule hervor. Die Seiten enthalten eine heterogene Mischung aus formalen, tabellarischen Teilnehmerlisten, offiziellen Berichten über Rekordflüge, persönlichen Gedichten und Liedern, humorvollen Anekdoten und Zeichnungen sowie ideologisch gefärbten Kommentaren und Parolen. Die Teilnehmer stammten überwiegend aus der näheren und weiteren Umgebung des Mensfelder Kopfes. Städte wie Limburg, Rüsselsheim, Frankfurt am Main, Wiesbaden und Offenbach sind stark vertreten. Teilweise gab es hier Lehrgänge die ausschließlich für Mitglieder der Napola Oranienstein gehalten wurden.
Neben dem Segelflugbetrieb befanden sich auch Stellungen mit Flugabwehrkanonen (Flak) auf dem Mensfelder Kopf. In diesem Zusammenhang ist auch interessant zu erwähnen, dass sich bis Kriegsende ein Fliegerhorst der Luftwaffe nahe des Mensfelder Kopfs in Richtung Linter und Blumenrod befand. Dieser war eine beliebte Attraktion, besonders bei den Mensfelder Kindern. Im Jahr 1936 war ins Feld zwischen Mensfelden, Linter und Blumenrod zunächst der Limburger Hilfslandeplatz verlegt worden. Noch vor dem Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde dieser ausgebaut. Spätestens ab November 1939 erfolgte die Stationierung von Flugzeugstaffeln. Vor allem ab Herbst 1944 wurde der Flugplatz von zahlreichen unterschiedlichen Einheiten belegt. Neben Aufklärungsflugzeugen waren Jagd- und besonders auch Nachtjagdflugzeuge stationiert. Im Herbst 1944 wurde außerdem ein Rollweg zum Segelfluggelände am Mensfelder Kopf gebaut. Im Rahmen des geheimen „Silberprogramms“ wurde in dieser Zeit auch eine 1.700m lange und 50m breite Start- und Landebahn gebaut, die den Start der ersten in Serie gebauten Düsenflugzeuge wie der Messerschmitt Me 262 ermöglichen sollten. Zu einer entsprechenden Nutzung kam es jedoch nie. Nach Ende der Kampfhandlungen um Limburg Ende März 1945 wurde der Flugplatz noch kurzzeitig von amerikanischen Truppen genutzt. Bereits am 17. Mai 1945 wurde er aber wieder freigegeben und das Gelände stand wieder für die Landwirtschaft zur Verfügung.
Zweiter Weltkrieg
Im Laufe des Zweiten Weltkrieges, der mit dem deutschen Überfall auf Polen am 1. September 1939 begann, kämpften Einwohnerinnen und Einwohner aus Mensfelden als Soldaten an allen Kriegsschauplätzen oder unterstützen den Kriegsverlauf beispielsweise als Krankenschwestern. Dabei erlebten und sahen sie unfassbares Leid und waren für das Leid anderer verantwortlich. Auch hier lassen sich nur schwer pauschale Aussagen treffen. Erzählungen und Fotos, die noch heute in Familienbesitz sind, zeigen uns aber, dass beispielsweise die rassistische Politik insbesondere Kriegsverbrechen gegen die (jüdische) Bevölkerung Polens und der Sowjetunion bekannt waren und unter den Soldaten sowie zuhause in Mensfelden kommuniziert wurden.
Erfahrungsberichte und Dokumente, die mit dem Kriegseinsatz zu tun haben, wurden bisher noch nicht gesammelt oder ausgewertet. Der Krieg führte neben der Verwundung vieler Soldaten, aber auch Zivilisten und Zivilistinnen, zu traumatischen Erfahrungen, die oft nicht oder kaum aufgearbeitet wurden. Zahlreiche Mensfelder fielen im Krieg oder gelten als vermisst. Das am 23. Februar 1953 errichtete Gefallenendenkmal auf dem Mensfelder Friedhof nennt die Namen von 58 Gefallenen beziehungsweise Vermissten aus dem Zweiten Weltkrieg. 6
Während des Krieges war das Leben im Dorf von Entbehrungen, Rationierungen und zusätzlichen Belastungen geprägt. Walter Schwenk schreibt in der alten Dorfchronik: „Bevor 1940 der Krieg mit Frankreich begann, müssten die Grenzbewohner des Saargebietes ihre Heimat verlassen. Etwa Mitte September wurden 10 Familien mit Pferd und Wagen aus Fellerich (Kreis Saarburg) nach Mensfelden umquartiert.“ Der Alltag im Dorf veränderte sich, allein durch die Abwesenheit vieler Männer. Eine gewisse Normalität wurde jedoch versucht aufrechtzuerhalten. Ämter, wie das des Bürgermeisters oder des NSDAP-Ortsgruppenleiters, blieben besetzt.
Besonders Nachrichten über Einberufungen, Verwundungen oder Vermisst- und Todesmeldungen von Familienmitgliedern, Freunden und Bekannten gehörten zum Alltag. Die anfängliche Begeisterung für den Krieg dürfte bei vielen mit den Wintern 1941/42 und 1942/43, insbesondere aufgrund der Verluste an der Ostfront, auch in Mensfelden zurückgegangen.
Das Vereinsleben war beeinträchtigt, da unter den Gefallenen 43 Mitglieder des Turn- und Sportvereins waren. Außerdem wurden wie auch im Ersten Weltkrieg in der Turnhalle Kriegsgefangene untergebracht. Während des Zweiten Weltkriegs kamen nun auch zivile Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen dazu.
Evakuierungen aus Fellering nach Mensfelden
Im September 1939, kurz nach Beginn des Zweiten Weltkrieges, mussten die rund 300 Einwohner des im Elsass gelegenen Dorfes Fellering ihre Heimat verlassen.7 Sie wurden gezwungen, ihr gesamtes Dorf zu räumen und in verschiedene Regionen des Deutschen Reiches verteilt. Ein Teil der Bevölkerung kam in den Limburger Raum. In Mensfelden fanden mehrere Familien für einige Monate Unterkunft.
Während die Jüngeren und Familien in der Region blieben und dort untergebracht wurden, fuhren die älteren Bewohner mit dem Zug weiter nach Schwerin. In Mensfelden lebten die Evakuierten bis April 1940. Das Dorf nahm sie auf und bot trotz eigener Einschränkungen in der Kriegszeit Wohnraum und Unterstützung. Viele der Felleringer halfen während ihres Aufenthaltes in der Landwirtschaft mit.
Im August 1962 kehrten 25 ehemalige Felleringer nach Mensfelden zurück und besuchten das Dorf, das ihnen in den ersten Monaten des Krieges Zuflucht geboten hatte.
Zwangsarbeiterinnen & Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene
In Mensfelden spielen vor allem die Erinnerungen an französische Kriegsgefangene, die als Zwangsarbeiter im Dorf waren, eine Rolle. Viele von ihnen waren in der Landwirtschaft eingesetzt. Sie halfen aber auch bei der Beseitigung von Schlammmassen, die nach starken Regenfällen die Schlimmstraße hinuntergespült wurden. Die Kriegsgefangenen unterstanden vermutlich dem Kriegsgefangenenlager Stalag XIIa zwischen Limburg und Diez, waren aber zumeist in der Mensfelder Turnhalle untergebracht.
Aus Unterlagen in den Arolsen Archives geht hervor, dass vor allem 1944 und 1945 zahlreiche Menschen aus Polen und der damaligen Sowjetunion in Mensfelden Zwangsarbeit leisteten. Die meisten von ihnen dürften zivile Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter gewesen sein, die ihrer Heimat von Kommandos der Wehrmacht aufgegriffen und zur Zwangsarbeit verschleppt worden waren. Ihr Arbeitseinsatz wurde vermutlich über das Arbeitsamt in Limburg organisiert. In nach dem Krieg von Bürgermeister Schwenk für den Suchdienst des Internationalen Roten Kreuzes aufgestellten Listen, finden sich unter anderem die Namen von sieben Polen und 13 Polinnen, sieben Russen und vier Russinnen (diese konnten u.a. auch aus der Ukraine oder Weißrussland kommen) sowie vier Personen aus Lettland und jeweils eine aus Rumänien und Jugoslawien. Mindestens ein ziviler Zwangsarbeiter kam während seiner Zeit in Mensfelden ums Leben: Peter Krachtus, der im November 1941 einen Dreschmaschinenunfall hatte.
Die Stellung der sogenannten „Ostarbeiter“ war schlecht. Sie hatten weniger Rechte als beispielsweise Personen aus Frankreich und waren auf besondere Weise der rassistischen Diskriminierung ausgesetzt. Dies dürfte einer der Gründe sein, weshalb sie in der Mensfelder Erinnerung weniger präsent gehalten wurden als die französischen Kriegsgefangenen. Hinzu kommt, dass zahlreiche Mensfelder Familien auch nach dem Ende des Krieges, teilweise über Jahrzehnte, Kontakt zu „ihren“ ehemaligen französischen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern hatten. Man tauschte Briefe und Fotos, aber auch wechselseitige Besuche fanden statt. Dies deutet darauf hin, dass man auch während des Krieges miteinander auskam. Es konnte schon ein Akt der Solidarität sein, wenn die Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter gemeinsam mit der Familie am Tisch essen durften. Ein solches Verhalten konnte nämlich, wie beispielsweise im nahegelegenen Dauborn im Jahr 1940 geschehen, auch zu Denunziationen führen. Die Mensfelderin Johanna S. wurde 1944 zu 1,5 Jahren Haft verurteilt, da sie mit einem französischen Kriegsgefangenen Geschlechtsverkehr gehabt haben soll. Über das Strafmaß, das den französischen Kriegsgefangenen traf, liegen derzeit keine Informationen vor.
Foto: Besuch des ehemaligen Zwangsarbeiters „Jean“ in Mensfelden, 1961]Foto: Besuch des ehemaligen Zwangsarbeiters „Jean“ in Mensfelden, 1961, hintere Reihe v.l.: unbekannte Frau, Elisabeth Schumacher, Lieselotte Hasselbach, „Jean“ mit Frau und Tochter, vordere Reihe v.l.: Gerd und Ulrike Hasselbach
Auch hier lassen sich einseitige Pauschalisierungen jedoch kaum vornehmen. Es kam mit aller Wahrscheinlichkeit sowohl zu freundschaftlichem und solidarischem Verhalten wie auch zu abschätziger Behandlung, Diskriminierung und Misshandlungen.
Kriegsende und Nachwirkungen des Krieges
Der Zweite Weltkrieg war in Mensfelden am 27./28. März 1945 vorbei. Es gibt die Geschichte, dass durch das Hissen einer weißen Flagge am Kirchturm amerikanische Truppen davon abgehalten wurden, das Dorf anzugreifen. Im Dorf verteilt waren wenige versprengte Gruppen von Wehrmachtssoldaten, die sich den Erinnerungen von Zeitzeuginnen zufolge entweder ergaben oder für weitere Kämpfe Richtung Frankfurt absetzten. Im Ort selbst scheint es zu keinen Kampfhandlungen gekommen zu sein. Ganz in der Nähe jedoch befanden sich Einheiten der 6. SS Gebirgsdivision „NORD“, die mit dem Aufklären und Aufhalten des Vormarschs der US-amerikanischen Truppen der 9. US-Panzerdivision bei Limburg betraut waren. Vermutlich hatte diese Einheit am 26. März kurzzeitig ihren Divisionsgefechtsstand auf dem Zollhaus eingerichtet. Das Zollhaus wurde an diesem Abend in Folge von Artilleriebeschuss durch die US-Truppen in Brand gesetzt und beschädigt. Nach erfolglosen Versuchen, die amerikanischen Truppen eindeutig zu lokalisieren oder gar aufzuhalten, befanden sich die Einheiten der Waffen-SS ab dem 27./28. März in Rückzugsbewegung entlang der Autobahn Richtung Frankfurt. Abgesehen vom Beschuss des Zollhauses blieb Mensfelden von kriegsbedingten Zerstörungen weitestgehend verschont. Bombenangriffe zielten auf den nahegelegenen Flugplatz der Luftwaffe oder die Einrichtungen auf dem Mensfelder Kopf. Im Nachbardorf Nauheim kam es in Folge eines Bombenangriffs zu Toten und Zerstörungen.
Die Folgen des Krieges waren allerdings weit über den 28. März, beziehungsweise die Kapitulation Deutschlands am 08./09. Mai hinaus, spürbar. Nachrichten über vermisste und/oder gefallene oder gefangengenommene Soldaten erreichten Mensfelden weiterhin. Vor allem die Soldaten, die in sowjetische Kriegsgefangenschaft gerieten, kehrten mitunter erst nach Jahren wieder nach Mensfelden zurück. Traumatisierungen prägten (und prägen) viele Familien langfristig.
In der amerikanischen Besatzungszone, in der Mensfelden lag, startete kurz nach dem Krieg ein Programm zur Entnazifizierung. Neben Entlassungen von Parteimitliedern, die der NSDAP vor dem 1. Mai 1937 beigetreten waren, sind in Mensfelden vor allem die so genannten Entnazifizierungs- oder Spruchkammerverfahren spürbar gewesen. Jeder und jede Deutsche über 18 Jahren musste einen Fragebogen ausfüllen, über den dann ein Gremium, die sogenannte Spruchkammer, beriet und entschied, in welchem Maße die Person als belastet galt. Viele dieser Fragebögen haben sich erhalten und sind im Hessischen Hauptstaatsarchiv in Wiesbaden einsehbar. Eine systematische Auswertung ist bisher noch nicht erfolgt. Die folgenden Ausführungen basieren auf Stichproben, sowie allgemeinen Erkenntnissen über diese Verfahren.
Die meisten Mensfelderinnen und Mensfelder dürften im Rahmen dieser durchaus umstrittenen Verfahren als Mitläufer oder Entlastete eingestuft worden sein, selbst wenn sie vom Nationalsozialismus überzeugt waren. Es war durchaus üblich, dass die Befragten sowohl beim Ausfüllen der Fragebögen, aber auch bei möglichen anschließenden Befragungen logen. Der wegen eines antisemitischen Angriffs 1935 verurteilte SA-Mann Karl Brummer beispielsweise verschwieg diesen Vorfall im Fragebogen zunächst und schrieb: „Ich bin mir keine shuld bewust.“ [sic!].
Außerdem war es üblich, dass man für andere log und ihnen eine Distanz zum Nationalsozialismus bescheinigte. Vom Pfarrer wurde beispielsweise oft so argumentiert, dass eine Person, indem sie ihre Kinder taufen ließ , schon zeigte, dass sie mit dem Nationalsozialismus nicht einverstanden gewesen ist. Diese Verfahren dienten weniger der historischen Wahrheitsfindung oder sorgten dafür, dass sich Menschen ihrer persönlichen Verantwortung stellten. Vielmehr sorgten sie dafür, dass sich eingangs erwähnte Mythen über die Zeit des Nationalsozialismus etablierten und/oder verfestigten. Zumindest haben die Fragebögen dazu geführt, dass sich die Menschen in Mensfelden in den unmittelbaren Nachkriegsjahren mit der eigenen Verantwortung sowie der ihrer Familienmitglieder oder Nachbarinnen und Nachbarn auseinandersetzen mussten.
Auch gab es vor allem bis in die 1960er Jahre hinein Besuche ehemaliger jüdischer Mensfelderinnen und Mensfelder, die oft in Zusammenhang mit Entschädigungsansprüchen standen. Auch sie sorgten dafür, dass es nur schwer möglich war einen „Schlussstrich“ zu ziehen. Eine offene und selbstkritische oder überhaupt eine ausführlichen Beschäftigung mit den Themen Nationalsozialismus und Zweitem Weltkrieg in Mensfelden blieb bisher aber, wie gesagt, aus.
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In Lindenholzhausen gab es beispielsweise eine engagierte Gruppe, die zwischen 2020 und 2023 das Buch “Lindenholzhausen 1933 – 1945. Eine Spurensuche.” erarbeitete.↩︎
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Das Leben der Jüdischen Familien wird ausführlich im Kapitel behandelt, siehe Seite ff.↩︎
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siehe hierzu , ab Seite↩︎
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Die Nationalpolitischen Erziehungsanstalten (NPEA), kurz Napolas, waren Eliteschulen der Nationalsozialisten. Ihr Ziel war es, den nationalsozialistischen Führungsnachwuchs ideologisch und militärisch auszubilden.↩︎
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Fotos von Hitlerjungen bei der Segelflug-Ausbildung in Mensfelden finden sich auch in den Lebenserinnerungen des aus Rettert stammenden Reinhold Kröck. Kröck, Reinhold: Was hatte ich von meiner Jugend; Teil 2 - Lehre, Arbeitsdienst und Soldat - 1925 bis 1949. Online unter: http://www.info.buhr-bau.de/Reinhold/R-Kroeck-2.pdf↩︎
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Ein Foto und die Namen der Gefallenen finden sich im Kapiel , ab Seite↩︎
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Heute liegt das Dorf in Frankreich↩︎
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