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Mensfelden im 1. Weltkrieg

Autor(en): Markus Streb (2025)


Am 1. August 1914 brachte man ein Plakat an der Mensfelder Post an, auf dem zu lesen war, dass der 2. August der Tag der Mobilmachung sei. Das bedeutete, dass alle Soldaten in Bereitschaft versetzt werden sollten. Reservisten und Landsturmmänner aus Mensfelden hatten da schon ihre Befehle erhalten, bei welchen Truppenteilen / Einheiten sie sich zu melden hatten. Mensfelder Soldaten kämpften in den folgenden Jahren an zahlreichen Fronten, in Galizien genauso wie an der Westfront. Das Gefallenendenkmal auf dem Mensfelder Friedhof nennt für den 1. Weltkrieg 28 Gefallene beziehungsweise Vermisste. Von einigen unter ihnen soll im Weiteren noch die Rede sein.

Wir können davon ausgehen, dass auch in Mensfelden - zumindest anfänglich - die Kriegsbegeisterung sehr groß gewesen ist. Dies betraf besonders Jugendliche und junge Erwachsene. Am 10. Oktober 1914 ist im Limburger Anzeiger zu lesen, dass zur militärischen Vorbereitung der Jugend im Kreis Limburg, eine Einteilung des Kreises in 11 Kompanien vorgenommen wird. Die 9. Kompanie trug den Namen „Mensfelderkopf“ und bestand aus vier Zügen: 1. Zug: Mensfelden, 2. Zug: Heringen, 3. Zug: Neesbach, 4. Zug: Kirberg, Ohren. Sie unterstanden dem Ersatz-Landsturm-Infanterie-Bataillon Limburg und wurden auf den Fronteinsatz vorbereitet. Die Jugendlichen traten auch öffentlich mit Exerzierübungen in Erscheinung. So zum Beispiel am Sonntag, den 3. Januar 1915, wo sich die Jugendkompanien „Stadt Limburg“, „Elz“, „Mensfelder Kopf“ und „Reckenhorst“ auf dem Limburger Marktplatz trafen, zum Kriegerdenkmal am Neumarkt marschierten und dort einer kriegsbegeisterten Rede von Bischof Kilian zuhörten. Im Juni 1915 war außerdem die zweite Kompanie des Landsturm Ersatz Bataillons Limburg zu Gast in Mensfelden. Neben einem kleinen Umtrunk in der Gastwirtschaft Neubeck in der Unterstraße, spielten die Soldaten Musik, die die Mensfelderinnen und Mensfelder laut zeitgenössischen Berichten sehr erfreute.

Die lokalen Zeitungen, besonders der Limburger Anzeiger und der Nassauer Bote, informierten nicht nur über das allgemeine Kriegsgeschehen. Dort fanden sich immer wieder auch kurze Berichte über Einberufungen und Ordensverleihungen sowie Gefallenen- und Vermisstenmeldungen, die Mensfelder betrafen. Man erfuhr dort beispielsweise, dass dem aus Mensfelden stammenden Kirberger Lehrer und Leutnant der Reserve August Lieber, sowie dem Telefonisten Wilhelm Volk, das Eiserne Kreuz verliehen wurde. Auch Lehrer Helfrich kämpfte an der Front und erhielt nach seiner Beförderung zum Leutnant im Infanterie-Regiment Kaiser Wilhelm Nr. 116 im Frühjahr 1915 das Eiserne Kreuz. Als weiterer Würdenträger ist auch Pfarrer Böckel als Vizefeldwebel in den Heeresdienst eingetreten.

Besonderes Interesse weckten die Meldungen von vermissten, verwundeten oder gefallenen Soldaten. So erfuhr man beispielsweise, dass Siegfried Besmann, einer der zahlreichen Mensfelder Juden, die auch an der Front kämpften, am 21. Juli 1916 verwundet wurde. Ende 1916 fiel der Lehrer Karl Reinhardt im Alter von 22 Jahren. Der Nassauer Bote vom 14. Dezember 1916 berichtet, dass er der zweite Sohn innerhalb eines halben Jahres war, der im Krieg zu Tode kam. (Abbildung: 1) Im Limburger Anzeiger vom 16. Mai 1917 ist zu lesen, dass der Musketier Karl Crecelius in einem Feldlazarett „den Heldentod fürs Vaterland“ gestorben ist. Nicht nur in den Familien und Freundeskreisen hinterließen die Gefallenen große Lücken und Trauer. Allein der Turn- und Sportverein 1894 e.V. verlor durch den Krieg 15 Mitglieder.

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Zeitungsbericht: Traueranzeige für den Mensfelder Lehrer Karl Reinhardt, Limburger Anzeiger vom 11. November 1916

Die Gräber von vielen der Mensfelder Gefallenen befinden sich verstreut über die Kriegsschauplätze. Im Oktober 1918 befanden sich nur vier Gräber von Gefallenen auf dem Mensfelder Friedhof, wie der Limburger Anzeiger vom 24. Oktober 1918 berichtet. Lehrer Bernhardt hatte dafür gesorgt, dass für die Gefallenen eine eigene Anlage eingerichtet wird. Er selbst war im Laufe des Krieges an der Westfront gefallen. Sein Grab befand sich kurz nach seinem Tod bereits auf einem Territorium, das wieder von französischen Streitkräften kontrolliert wurde. Heute zeugen auf dem Friedhof in Mensfelden neben dem Gefallenendenkmal, nur wenige Gräber von dieser Zeit.

Kriegsalltag im Dorf

Kurz vor Beginn des 1. Weltkriegs lebten in Mensfelden knapp über 1050 Menschen. Während die Mehrzahl der erwachsenen Männer als Soldaten dienten, lebten in Mensfelden zur Zeit des Krieges, mit wenigen Ausnahmen, vor allem ältere Männer, Frauen und Kinder. Sie füllten die meisten Aufgaben aus, besonders die schwere Arbeit in der Landwirtschaft. Daneben unterstützten die Einwohnerinnen und Einwohner von Mensfelden auf unterschiedliche Weisen die Kriegsbemühungen. Den Lokalzeitungen von damals entnehmen wir, dass die Mensfelder und Mensfelderinnen Spenden an das Rote Kreuz oder für Weihnachtsgaben an die Soldaten sammelten. Gespendet wurden neben Geld auch Lebensmittel wie Obst, Gemüse, Zucker oder Wurst sowie Gebrauchsgüter wie Zigaretten, Tabak, oder Bett- und Verbandszeug. Gespendet haben nicht nur Einzelpersonen, sondern auch Organisationen wie der Sportverein. Bei Gottesdiensten oder in Kneipen wurden Sammeldosen aufgestellt. Auch der Israelitische Frauenverein Dauborn-Heringen, zu dem auch die Jüdinnen aus Mensfelden gehörten, spendete. Eine Meldung im Limburger Anzeiger vom 7. September 1914 unter dem Titel „Liebesgaben aus Mensfelden“ betont die besondere Rolle von Frauen: „für die Verwundeten in Limburg: Frau Müller 6 Täubchen, Frau A. Völker 2 Hähnchen, Frau Helfrich 3 Hähnchen, Frau Opel 2 Hähnchen, Frau Schumacher 3 Hähnchen, Frau Völker 3 Hähnchen, Frau Joh. Karl Schwenk II. Weintrauben.“ Im weiteren Kriegsverlauf gab es die Aktion „Gold geb ich für Eisen“, bei der vor allem Frauen dazu angehalten waren ihren Schmuck zu spenden. Im Gegenzug erhielten die Spenderinnen Eisenschmuck, der oft stolz zur Schau getragen wurde.

Einige Dinge gingen trotz allem ihren gewohnten Lauf. Im Mai 1915 beispielsweise fand die Wahl des Bürgermeisters statt. Nach bereits 28 Jahren im Amt war Philipp Wilhelm Deußer, Kriegsteilnehmer 1870/71, wiedergewählt worden. In vielerlei Hinsicht veränderte sich das Dorfleben aber natürlich stark. Das Vereinsleben kam zum Erliegen, was vor allem Sport und Musik betraf. Daneben prägten Notverordnungen den Alltag der Menschen. Es wurden beispielsweise Karten für Kleidung und Lebensmittel ausgegeben. Zusätzlich mussten Kupferkessel oder die besten Pferde abgegeben werden. Die beiden kleinen Glocken des Kirchturms wurden beschlagnahmt und eingeschmolzen. Die Notzeiten führten zu einer Verarmung der Bevölkerung.

Kriegsgefangene zur Zwangsarbeit in Mensfelden und das Tagebuch von Alfred William Hall

Durch das Heranziehen von Kriegsgefangenen zur Zwangsarbeit sollte die deutsche Bevölkerung, so auch in Mensfelden, entlastet werden. Die Kriegsgefangenen wurden vor allem bei Bauernfamilien und bei Gewerbebetrieben eingesetzt. Die britischen und kanadischen Kriegsgefangenen waren in der Turnhalle in der Remmeltstraße 20 untergebracht. Die französischen Kriegsgefangenen hatte man im Gasthaus Klapper in der damaligen Mittelstraße (heute bekannt als ehemalige Gaststätte „Tiroler Hof“) einquartiert. Wie viele Kriegsgefangene in Mensfelden insgesamt eingesetzt waren, lässt sich aktuell nicht ermitteln. Es dürften aber zumeist mehrere Dutzende gewesen sein.

Alfred William Hall, einer der in Mensfelden zur Zwangsarbeit eingesetzten britischen Kriegsgefangenen, hat umfangreiche Aufzeichnungen aus dieser Zeit hinterlassen. Im Folgenden sollen einige Passagen aus dem 2002 erschienen Buch In Enemy Hands: A British Territorial Soldier in Germany 1915 - 1919  wiedergegeben werden, in dem Halls Erlebnisse in deutscher Kriegsgefangenschaft dokumentiert sind. Darin finden sich auch mehr als 20 Fotografien aus dieser Zeit. Für die Recherchen zu dem Buch bereiste sein Sohn Anfang der 2000er Jahre auch Mensfelden.

Alfred William Hall wurde am 2. Februar 1891 geboren. Bei Ausbruch des 1. Weltkriegs war er also 23 Jahre alt. Er trat im September 1914 in das 12. Bataillon des London Regiment ein, auch bekannt als „The Rangers“. Mit ihnen kämpfte er ab Februar 1915 gegen die Deutschen. Anfang Mai 1915 geriet er schließlich bei der Schlacht um Frezenberg in Gefangenschaft.

Nach einer kurzen Zeit im Kriegsgefangenenlager in Gießen, kam Hall schließlich im August 1915 zusammen mit einigen Männern des englischen Suffolk Regiments nach Mensfelden, um dort in der Landwirtschaft zu arbeiten. Die britischen Kriegsgefangenen, zusammengefasst als Kommando, hatten ihre Unterkunft in der Turnhalle in der Remmeltstraße. Er arbeitete in der Landwirtschaft bei einer Familie Lieber. (Abbildung: 2)

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Foto: Der Kriegsgefangene Alfred William Hall (links stehend) mit Familie Lieber in Mensfelden, November 1915, Quelle: 

Hall war zunächst überfordert von der neuen Situation in einem fremden Land, über das er wenig wusste. Zudem machte ihm die schwere körperliche Arbeit zu schaffen, die er kaum gewohnt war. In seinem Tagebuch geht es viel um den Arbeitsalltag, das Miteinander der Kriegsgefangenen oder das Auskommen mit den Deutschen. Ein etwas längeres Zitat soll einen ersten Einblick in die Situation der Kriegsgefangenen in Mensfelden geben. Am 27. Mai 1916 schreibt Hall: „Es ist eine Weile her seit ich etwas in dieses sogenannte Tagebuch geschrieben habe, da ich sehr beschäftigt bin mit Arbeit von 6 Uhr 30 bis 21 Uhr und dabei vom frühen Morgen bis späten Abend nur kurze Pausen für Mahlzeiten. 15-20 Minuten Frühstück, 20-30 Minuten Mittagessen und 15-20 Minuten Kaffeepause am Nachmittag. Natürlich muss ich mich daran erinnern, dass ich Kriegsgefangener bin und diese Leute mit mir machen können was sie wollen. ABER Alfred ist nicht von gestern. Genug gesagt. […] Es werden immer weniger Engländer in Mensfelden. Letzten August waren hier 42. Gerade ist die Anzahl 14, und über 40 Franzosen. Wir hatten zuletzt sehr heißes Wetter und man merkt es besonders im Feld beim Pflügen, Eggen, Heumachen und Säen. Unentwegt laufen, laufen. Disteln ausreißen ist eine öde Arbeit. Ich muss sagen mir geht es sehr gut, aber der Himmel weiß wie wir Kriegsgefangenen aussehen würden, wenn keine Päckchen aus England kämen. Dennoch glaube ich wir können uns glücklich schätzen auf einem Bauernhof zu arbeiten. Niemand kann 6 Monate in einem Lager leben ohne Päckchen von zuhause und ich weigere mich woanders zu arbeiten als es in der Haager Konvention beschlossen wurde1. Der Zustand dieses Landes ist furchtbar, ich kann mir nicht vorstellen wie der ärmere Teil der Bevölkerung in den Städten existieren kann. Es mangelt an allem. […].“  2

Hall spricht hier die Postsendungen an, die viele der Kriegsgefangenen regelmäßig von ihren Familien, dem Roten Kreuz oder ihnen unbekannten Personen erhielten. Besonders wichtig war dabei der Erhalt zusätzlicher Lebensmittel, denn die Kriegsgefangenen litten neben der deutschen Bevölkerung unter der schlechten Versorgungslage. Die Pakete enthielten oft auch persönliche Briefe, Fotos, zusätzliche Kleidung oder nützliche Alltagsgegenstände.

Hall konnte den Vorstand „seiner“ Mensfelder Familie nicht ausstehen. Im Tagebuch nennt er ihn immer nur „Herr Lieber“. Im September 1915 beispielsweise wurden die beiden beim Lesen der Kartoffel von Starkregen überrascht. Sie suchten Schutz hinter einem der Kartoffelsäcke, bis Hall diesen umwarf. Lieber brach daraufhin in wildes Fluchen aus. Auch als Hall sich im Oktober 1915 weigerte sonntags zu arbeiten, dem einzigen freien Tag, der den Kriegsgefangenen zustand, hatten die beiden eine fürchterliche Auseinandersetzung, wie Hall schreibt. Sie schrien sich an und Lieber drohte damit ihn zurück ins Lager nach Gießen zu schicken. Hall entgegnete, dass es ihm ohnehin egal sei, wo genau er sich in diesem höllischen Land befand. Erst als Frau Lieber ihn eine Woche später anflehte, arbeitete Hall doch an einem Sonntag. Aufschlussreich sind Ausführungen Halls über den „geehrten Arbeitgeber und seine Familie“ vom 17. November 1915: „Herr Lieber ist ein Mann von 55 Jahren. Nicht groß, aber bemerkenswert stark für sein Alter und seine Größe. Sein einziger Gott ist Geld. Um daran zu gelangen, angesichts der verwendeten primitiven Methoden, ist schwere Arbeit nötig, teuflisch schwere Arbeit. Ihm macht es aber nichts aus, er weidet sich an Arbeit und Dreck, vor allem an letzterem. Ich habe nie einen schmutzigeren Schlag Menschen gesehen als die Deutschen. Frau Lieber und Tochter sind genauso schlimm.“ 

Nicht nur über „Herr Lieber“ und seine Familie hatte Hall wenig Gutes zu berichten. Der Kommandoführer des Wachkommandos in Mensfelden war der Gefreite August Zollmann. Dieser war Angehöriger der zweiten Kompanie des Landsturmbattaillons XVIII/28. Von Hall erhielt er den abfälligen Spitznamen „Brickdust“ (etwa „Ziegelmehl“). Er war berüchtigt für die Gewalt, die er gegen die Kriegsgefangenen ausübte. Hall schreibt über die Zeit nach dem Krieg und seine Bestrafungsphantasien Zollmann gegenüber: „Oh, es werden einige Rechnungen beglichen, wenn der Krieg vorbei ist. Brickdust, das Ding, das als Mann durch die Straßen patroulliert und versucht unsere Seelen zu brechen.“ 

Dass die gefangenen Soldaten mit ihrer Situation unzufrieden waren, konnte sich neben solchen Phantasien auf verschiedene andere Art bemerkbar machen. Am 24. September 1915 ist der kanadische Kriegsgefangene George Holland aus dem Arbeitskommando in Mensfelden geflohen. Laut einer Meldung im Frankfurter Nachrichten und Intelligenz-Blatt war Holland zu diesem Zeitpunkt 28 Jahre alt. Bei der Flucht trug er eine graue Zivilhose mit breiten roten Streifen, eine englische Uniformjacke und Schirmmütze. Holland wurde am zweiten Tag seiner Flucht aufgegriffen. H.J. Clarke, ein anderer Kriegsgefangener und ebenfalls Tagebuchschreiber in Mensfelden, kommentiert dazu abfällig: „Holland von den Kanadiern hat sich zum Gespött gemacht, in den etwa 40 Stunden bevor er gefasst wurde, hat er es geschafft etwa vier Kilometer zurückzulegen als er im nächsten Dorf Oberneisen gefunden wurde.“  Im Frühjahr 1917 gab es eine weitere Flucht von drei Kriegsgefangenen aus Mensfelden. Hall hatte sie bei der Vorbereitung auf die Flucht unterstützt.

Neben den Fluchtversuchen kamen vor allem kleinere Formen von Regelbrüchen immer wieder vor. So etwa im Januar 1917, als eine Gruppe Kriegsgefangener Schlitten stahl und einen ganzen Nachmittag damit durch den Schnee tobte.  Neben solchen Ausnahmesituationen gab es immer wieder Theater- und Musikaufführungen der Kriegsgefangenen. Nicht selten entwickelten die Franzosen und Engländer dabei gemeinsame Programme.

All diese Aktivitäten waren zwar willkommene Ablenkungen, konnten aber nicht über die frustrierende Situation hinwegtäuschen, dass die Kriegsgefangenen durch ihre Zwangsarbeit den Feind unterstützten. Hall war zunehmend frustriert und der Streit mit „Herr Lieber“ eskalierte im Sommer 1917. Es kam zu einer Auseinandersetzung, nach der Lieber Hall beschuldigte, dass er ihn geschlagen habe. Hall musste zunächst für mehrere Tage in Mensfelden in eine Strafzelle. Anschließend kam er zurück in das Kriegsgefangenenlager in Gießen von wo aus er in ein Strafkommando geschickt wurde. Er leistete schwere Zwangsarbeit im Kohleabbau. Eine Anhörung Halls fand erst statt, als er bereits mehrere Monate lang seine Strafe verbüßt hatte.

Am 12. Mai 1918 kommt Hall wieder nach Mensfelden. Über diesen zweiten Aufenthalt lässt sich wenig sagen. Die Beziehung zu Lieber dürften nicht besser geworden sein, nach allem was passiert ist. Es entwickelte sich in dieser Zeit aber eine Freundschaft zu Bertha Hehner/„Tante Bertha“ und ihrer Patentochter Minna/Wilhelmine Schwenk, mit denen Hall auch nach dem Krieg noch Briefe schrieb.

Das Kriegsende wurde für einige der Kriegsgefangenen in Mensfelden noch einmal dramatisch. Anfang November 1918, nur wenige Tage vor der Unterzeichnung des Waffenstillstands, starb einer der in Lichfield geborene Charles Kelly in Mensfelden. Er war im Alter von 31 Jahren der Spanischen Grippe erlegen. Laut den Tagebucheinträgen von H.J. Clarke, Mitglied des Suffolk Regiment, war Kelly bereits seit 1914 Kriegsgefangener. Seine letzte Nacht soll besonders schlimm gewesen sein. Er referierte im Fieber britische Geschichte, sang vor sich hin und betete schließlich, bevor er starb. Ein Arzt war erst viel zu spät zur Stelle. Auch in einem der Nachbarorte sollen ein russischer und ein französischer Kriegsgefangener gestorben sein. In Mensfelden errichteten die anderen Kriegsgefangenen einen Grabstein für Kelly, der sich nicht erhalten hat. (Abbildung: 3) Seine Gebeine wurden später auf den britischen Militärfriedhof bei Niederzwehren verlegt. So war Kelly wohl einer der letzten Toten, die in Mensfelden in Zusammenhang mit dem 1. Weltkrieg zu beklagen war. Doch die Kriegsjahre sollten noch vielseitige Auswirkungen haben.

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Foto: Grabstein von Charles P. Kelly auf dem Mensfelder Friedhof. Errichtet von anderen englischen Kriegsgefangenen, undatiert, Quelle: 

Auswirkungen des Krieges

Verstümmelungen, Verwundungen, Traumata, verlorene Familienmitglieder und Armut sind die offensichtlichsten Folgen des Krieges für die Zeit danach. Die Zurückgekehrten waren oft traumatisiert und/oder hatten mit körperlichen Folgen des Krieges zu kämpfen. Kriegsversehrte prägten den Alltag, wie sich viele Mensfelder noch Jahrzehnte später erinnerten.

Auch nach dem Krieg gab es eine Spendenbereitschaft für Soldaten, so zum Beispiel zu Beginn des Jahres 1920 für das Durchgangslager Limburg. Anfang Februar 1920 wurde im Gasthaus Klapper ein Wohltätigkeitsfest statt, „zum Besten der Hinterbliebenen der Gefallenen und der Angehörigen der Kriegsgefangenen“, wie es im Limburger Anzeiger vom 6. Februar 1920 heißt. Die Veranstaltung war ein „Bunter Abend“ mit vielseitigem Programm. Auch auf andere Weise wurde den Gefallenen gedacht: Wie der Limburger Anzeiger vom 13.Oktober 1920 berichtet, enthüllte der Turnverein eine Gedenktafel in der Turnhalle.


  1. konkret bezieht sich Hall auf die Haager Landkriegsordnung von 1907; Anmerkung von Markus Streb↩︎

  2. Diese sowie die folgenden Übersetzungen aus dem englischen Original stammen von Markus Streb↩︎