Jüdische Familien in Mensfelden
✍ Autor(en): Markus Streb (2025)
Frühe Quellen
Spätestens seit 1673 lebten dauerhaft Jüdinnen und Juden in Mensfelden. Über die Zeit davor lassen sich aktuell kaum Aussagen treffen, da eine Auswertung der im Hessischen Hauptstaatsarchiv in Wiesbaden vorhandenen einschlägigen Quellen noch aussteht.
Vom jüdischen Leben im 17. und 18. Jahrhundert wissen wir vor allem aus überlieferten Rechtsstreitigkeiten und Verwaltungsakten. Neben zahlreichen Erbschaftsangelegenheiten, stechen besonders die 1703 bis 1704 geführten Streitigkeiten des Mensfelder Pfarrers Zippelius mit Juden hervor. Dabei ging es um so genannte Schabbes-Mägde und -Knechte. Diese waren nichtjüdische Mägde oder Knechte, die samstags, am jüdischen Sabbat (Schabbes), Arbeiten erledigten, die den Jüdinnen und Juden nach religiösen Vorschriften verboten waren. Dazu zählten Aktivitäten wie Kochen, Feuer machen oder Vieh füttern und melken. Bis in die 1930er Jahre hinein war dies in Mensfelden üblich und oft übernahmen auch Freunde und Freundinnen oder Nachbarn und Nachbarinnen solche Aufgaben.
Ab etwa 1750 bildeten die Juden und Jüdinnen aus Mensfelden mit denen aus Dauborn, Heringen und Kirberg eine eigene Kultusgemeinde. Sie wählten einen gemeinsamen Gemeindevorstand. Dieser kümmerte sich vor allem um Angelegenheiten, die jüdische Gottesdienste, den Religionsunterricht für die Kinder oder Sterbefälle betrafen.
In den Dörfern sesshaft werden konnten nur die sogenannten Schutzjuden, die von der jeweiligen Regierung ein Niederlassungsrecht erhielten. Für die jüdische Bevölkerung galten gesonderte „Judenordnungen“. 1769 wurde unter dem Titel „Ordnung nach welcher die Juden, so in dem gemeinschaftlichen Amte Kirberg wohnen, oder darinen aufgenommen werden, sich verhalten sollen“ eine solche Verordnung gedruckt. Aus dieser Zeit ist auch eine Liste der ab 1771 in Mensfelden ansässigen Schutzjuden überliefert. Es handelte sich um fünf Menschen, denen mit samt ihren Familien und Beschäftigten Schutz gewährt wurde: Jud Löw Juda, Hertz Heyum, Joseph Wolf, Joel Abraham und Wolf Joel. Erst 1848 galten die Schutzjuden im Herzogtum Nassau, zu dem Mensfelden gehörte, offiziell als gleichgestellte Bürger. Zu dieser Zeit mussten sie auch feste Nachnamen annehmen.1
Leben im 19. Jahrhundert
Ab Mitte des 19. Jahrhunderts erlebte die jüdische Gemeinde in Mensfelden eine Blüte. 1843 zählte man hier von insgesamt etwa 1100 Einwohnerinnen und Einwohnern 54 Jüdinnen und Juden. Das Dorf hatte eine der größten jüdischen Bevölkerungen im ganzen Umkreis. Vor allem durch Heirat oder Geschäftsgründung zogen immer wieder Gemeindemitglieder weg. Auch unter den Mensfelder Familien, die im 19. Jh. in die USA auswanderten, waren jüdische Familien. Die Gemeindemitglieder wurden auf dem jüdischen Friedhof in Kirberg, später zwischen Kirberg und Dauborn beigesetzt.2
Die jüdische Bevölkerung in Mensfelden lebte vor allem vom Viehhandel oder bot Manufaktur- und Textilwaren an. Es gab verarmte Einzelpersonen oder Familien, die von der jüdischen Gemeinde, teilweise aber auch von nichtjüdischen Nachbarinnen und Nachbarn, unterstützt wurden. Einige der Familien erlangten vor allem mit ihrem Viehhandel einen gewissen Wohlstand.
Die jüdischen Kinder und Jugendlichen besuchten die Volksschule in Mensfelden. Selten gingen sie auf städtische weiterführende Schulen. Daneben gab es für sie einen eigenen Religionsunterricht, der im Wechsel in den vier Ortsteilen stattfand. Hierüber gab es nicht selten Streitigkeiten. Gerade von Seiten der Jüdinnen und Juden aus Mensfelden wurde immer wieder dafür plädiert, dass die Kinder der anderen Ortsteile nach Mensfelden zum Religionsunterricht kommen sollten, weil dort die meisten jüdischen Kinder zu beschulen waren.
Über weite Teile des 19. Jahrhunderts besorgte der in Heringen lebende Lehrer Abraham Levi Dickstein den Religionsunterricht. Zum Unterricht gehörten beispielsweise: Glaubens- und Sittenlehre, spezielle Religionsgeschichte, Geschichte des jüdischen Volkes, Geografie Palästinas, Synagogengesang und hebräische Sprache. Der Unterricht wurde in einem Kurs für die 8- bis 10- sowie einem für die 10- bis 14-Jährigen erteilt. Der Unterricht fand unter anderem in einem Betraum der Gemeinde in Mensfelden statt, den es spätestens seit dem frühen 19. Jahrhundert dort gegeben hatte und der auch als Synagoge bezeichnet wurde, da dort die Gottesdienste und Versammlungen stattfanden. Wann dieser Betraum aufgelöst wurde, ist nicht überliefert. Erst in den 1910er Jahren bekam Mensfelden wieder eine eigene kleine Synagoge.3
Jüdische Familien in Mensfelden im 20. Jahrhundert
Im November 1939 hatte sich das letzte jüdische Ehepaar aus Mensfelden nach Frankfurt abgemeldet. Ausgrenzung, Boykotte und antisemitische Angriffe machten das Leben auf den Dörfern nahezu unerträglich. Wer nicht ins Ausland fliehen konnte, zog in größere Städte. Insgesamt wurden mindestens 16 jüdische Menschen, die aus Mensfelden kamen, bzw. dort für längere Zeit ihren Lebensmittelpunkt hatten, während des Nationalsozialismus ermordet oder nahmen sich das Leben. Anderen gelang es, oft unter widrigen Bedingungen und unter Aufgabe des bisherigen Lebens, zu überleben und ins Ausland zu entkommen. Die Überlebenden hatten oft noch im Rahmen sogenannter Entschädigungs- und Rückerstattunsgverfahren mit Mensfelden zu tun. Manche von ihnen kamen in den Jahrzehnten nach dem Krieg für kurze Besuche zurück – mit sehr unterschiedlichen Erfahrungen. Manche wollten mit Deutschland im allgemeinen und Mensfelden im besonderen nichts mehr zu tun haben. Andere knüpften sogar neue Freundschaften. Inzwischen gibt es, nicht zuletzt durch die Aktivitäten des Arbeitskreises „Spuren Jüdischen Lebens in Hünfelden“, Kontakte zu Nachfahren der meisten jüdischen Familien aus Mensfelden.
Die jüdischen Familien, die in der Zeit zwischen 1900 und 1939 in Mensfelden lebten, trugen die Namen Besmann, Dublon, Markus, Rosenberg, Seemann, Stein und Stern. Sie sollen im Folgenden näher vorgestellt werden. Zum einen, weil diese Menschen im Gedächtnis vieler nichtjüdischer Familien aus Mensfelden und Umgebung bis heute eine Rolle spielen, zum anderen, um an ihre Verfolgung im Nationalsozialismus zu erinnern.
Besmann,
Albrecht „Albert“ & Johanna (geb. Lichtenstein), Lina Liesel, Hans
Herbert und Margot Ilse
Fahlerstraße 7 / Fahlerstraße 14
Albert Besmann (*7. Februar 1880) entstammte einer alteingesessenen jüdischen Familie in Mensfelden. Er übernahm den Viehhandel seiner Eltern Bernhardt und Regine in der Fahlerstraße 7. Die Familie hatte dort ein Haus mit Scheune, Ställen und großem Garten. Alberts Bruder Hermann (*28. Juni 1894) gründete seinen eigenen Viehhandel in Limburg. 1907 heiratete Albert die aus Selters/Westerwald stammende Johanna Lichtenstein (*19. April 1882). Die beiden bekamen drei Kinder: Lina Liesel (*15. Juli 1908), Hans Herbert (6. Mai 1913) und Margot (*13. Oktober 1923). Sie alle gingen in Mensfelden zur Schule. Die Familie baute ein Haus in der Fahlerstraße 14, das sie jedoch 1936 verkauften und wieder in die Fahlerstraße 7 zogen. 1938 wurde Albert nach den Novemberpogromen verhaftet und für mehrere Wochen nach Buchenwald gebracht. Die Familie verkaufte das Haus weit unter Wert an die Gemeinde Mensfelden, die hier später ihr Rathaus einrichtete. Johanna und Albert zogen schließlich im September 1939 nach Mainz. Dort starb Albert im Januar 1942. Johanna wurde im März 1942 nach Piaski deportiert und anschließend ermordet.
Liesel arbeitete nach der Schule in Mensfelden als Hausmädchen. Da sie unverheiratet ein Kind erwartete, wurde sie Mitte Dezember 1928 in das Neu-Isenburger Heim des Jüdischen Frauenbundes aufgenommen. Ihre Tochter Hannelore wurde zur Adoption freigegeben und als Hannelore Marchand später nach Riga deportiert und ermordet. Liesel zog nach dem Aufenthalt in Neu-Isenburg zurück nach Mensfelden. Ihr gelang im März 1939 die Flucht nach England.
Hans Herbert stieg 1926 in den elterlichen Viehhandel ein. 1935 wurde er von SS-Männern verhaftet, da die beim „Bund Deutscher Mädel“ (BDM) aktive Tochter eines Nachbarn ihn denunziert hatte. In Limburg verurteilt, kam er zunächst ins Gefängnis in Freiendiez und danach für mehrere Monate nach Opladen, wo er Zwangsarbeit verrichten musste. Nach kurzer Ausbildung im Hachschara Zentrum „Landwerk Neuendorf“ floh er im Mai 1937 nach Argentinien. Er arbeitete zunächst vor allem in deutschsprachigen Hotels. Später lebte er als Viehzüchter im Dorf Colonia Avigdor und starb 1990 in Buenos Aires.
Margot war das letzte jüdische Kind, das in Mensfelden zur Schule ging. Sie hatte einige nichtjüdische Freundinnen in Mensfelden, mit denen sie auch nach 1933 in engem Kontakt war. Eine ihrer besten Freundinnen berichtete später, dass sie einmal bei den Besmanns zur Silversterfeier eingeladen war. In der Nachbarschaft feierte der „Raue Wurf“, eine Clique, die den Besmanns als überzeugte Nazis gefürchtet war. Als diese Clique immer lauter und betrunkener wurde, schickte Margots Mutter den nichtjüdischen Gast unter Begleitung der ältesten Tochter Liesel nach Hause, damit wenigstens sie in Sicherheit war. Ob in der Nacht etwas passiert ist, wissen wir aber nicht. Nach kurzer Zeit an der Haushaltsschule in Frankfurt, verließ Margot Mensfelden im Juni 1939 und floh nach England. In den 1950er Jahren besuchte sie Mensfelden, wurde jedoch beleidigt oder ignoriert und brach anschließend alle Kontakte ab.
Besmann,
Salomon & Berta, Adolf „Abo“, Siefried „Siggi“ und Johanna
„Hanni“
Sonntagsstraße 5 (heute Hof Sonntagsstraße 15)
Salomon Besmanns (* 20. Juni 1874) Vorfahren lebten seit Generationen in Mensfelden. Nach der Schulzeit in Mensfelden erlernte er das Metzgerhandwerk und wurde Viehhändler. Im Sommer 1903 heiratete er Berta Stern (* 10. August 1875) aus Oberbrechen. Sie hatten drei Kinder: Adolf „Abo“ (*07. April 1904), Siegfried „Siggi“ (*27. April 1905) und Johanna „Hanni“ (*23. August 1907).
Das Haus der Besmanns in der Mensfelder Sonntagsstraße war ein beliebter Treffpunkt für Familie, Freunde und Bekannte. Ab 1933 hatte Salomon große Probleme, Käufer für sein Vieh zu finden. Er erinnerte sich später aber ebenso an die Bauern und Händler, die weiterhin fair, wenn auch oft heimlich, mit ihm handelten. Er und Berta verkauften schließlich Wohnhaus, Schlachthaus und (Grund)Besitz und flohen im September 1938 nach Haifa in Palästina. Sie lebten dort im engen Familienkreis. Berta starb 1961, Salomon 1968.
Adolf ging mit zehn Jahren auf eine Schule in Marburg. Er lebte und arbeitete in den folgenden Jahren als Händler und Schumacher in Weilburg, Limburg und Friedberg. Anfang der 1930er kehrte er nach Mensfelden zurück, wo er aktiver Fußballer und Musiker war. 1933 floh Abo aufgrund der zunehmenden Diskriminierung von Mensfelden nach Frankreich. Seine Flucht führte ihn über Paris nach Spanien, wo er im Spanischen Bürgerkrieg gegen die Faschisten kämpfte. Zurück in Frankreich, schloss er sich der Fremdenlegion an. Während des Weltkrieges, nach der Kapitulation Frankreichs, musste er in einem Internierungslager des Vichy-Regimes am Rande der Sahara Zwangsarbeit leisten. 1944 kam er, inzwischen als britischer Soldat, nach Palästina, wo er Schwester und Eltern wieder traf. Er führte zwei kinderlose Ehen und starb 1995.
Siegfried stieg nach der Schulzeit als Viehhändler im elterlichen Betrieb ein. Er spielte in Mensfelden Fußball und Theater. Er heiratete Betty Strauß aus Heringen. 1934 zogen die beiden mit Bettys Bruder Gustav nach Chemnitz, wo Siggi Textilien produzierte. Im Novemberpogrom wurde er verhaftet und für mehrere Wochen im KZ Buchenwald interniert. Anschließend konnte er, mit erzwungenen Umwegen, in die USA fliehen, wo seine Frau kurze Zeit nach ihrer Ankunft starb. Siggi heiratete erneut und gründete eine Familie in Tennessee. Er starb 1993.
Johanna machte nach der Schule eine Ausbildung zur Krankenschwester in Köln. Sie lernte später ihren Ehemann Heinrich Neuburger aus Bayern kennen. 1934 wurde Tochter Judith geboren. Sie waren noch oft in Mensfelden, bevor sie 1937 nach Palästina flohen. Dort betrieben sie zunächst ein Restaurant. Später arbeitete Hanni wieder als Krankenschwester. Sie starb 1999.4
Dublon,
Heinrich & Elise (geb. Stein), Gertrud „Gerda“, Rosa „Rosel“ und
Rudolf „Rudi“
Mittelstraße 6 (heute Sonntagsstraße 6)
Elise Stein (*14. Februar 1877) aus Mensfelden heiratete im Oktober 1904 den aus Wittlich stammenden Schuhmacher Henrich Dublon (*25. Februar 1877). Die beiden gründeten in einem kleinen Haus in der Mittelstraße 6 eine Familie. Sie hatten drei Kinder: Gertrud „Gerda“ (*11. September 1905), Rosa „Rosel“ (*19. Mai 1908) und Rudolf „Rudi“ (*12. März 1911). Die Kinder waren in Mensfelden und im Umkreis gut vernetzt. Die Familie gehörte zu den ärmsten in Mensfelden, ihre Situation verschlechtere sich nach 1933 noch. Heinrich und Elise flohen im Juni 1939 nach Frankfurt. Sie mussten Haus und Habseligkeiten verkaufen. Im Oktober 1941 wurden sie von Frankfurt nach Lodz/Litzmannstadt deportiert und ermordet.
Gertrud heiratete Salomon „Sally“ Strauß aus dem benachbarten Heringen. Ihre Tochter Beate wurde am 6. September 1936 im Kirberger Krankenhaus geboren. Aufgrund der Verfolgung hatte Gerdas Ehemann Sally häufiger Zusammenbrüche. Er wurde nach den Novemberpogromen 1938 verhaftet und nach Buchenwald verschleppt. Gerda und ihre dreijährige Tochter wurden für einige Tage zusammen mit anderen jüdischen Frauen und Mädchen im Limburger Gerichtsgefängnis festgehalten. Im Juni 1939 gelang ihnen die Flucht nach Frankfurt. Von dort wurde die kleine Familie im Oktober 1941 in das Ghetto Lodz/Litzmannstadt deportiert und anschließend ermordet. Sie hatte zuvor noch Hoffnung, aus Deutschland fliehen zu können und gaben regelmäßig etwas von ihrem knappen Geld für Englischunterricht aus.
Rosa arbeitete nach der Schule als Haushälterin bei Albert Rieser, einem jüdischen Ladenbesitzer in Limburg. Bis 1935 arbeitete sie in verschiedenen Haushalten in Frankfurt oder Bad Soden. Als sie aufgrund steigender Repression arbeitslos wurde, gelang ihr die Flucht nach England, von wo sie 1937 in die USA floh. 1940 heiratete sie dort Robert Wieseneck. Bis zu ihrem Tod 1985 hatte sie immer wieder Kontakt zu alten Freundinnen wie Minna Klengel in Mensfelden.
Rudolf Dublon absolvierte nach der Schule von 1925 bis 1928 eine Kaufmannslehre bei Fritz Oppenheimer in Limburg. Anschließend arbeitete er im Geschäft von Hermann Rosenthal, ebenfalls in Limburg. Zwischen 1930 und 1933 war er als Geschäftsreisender bei seinem Onkel Hermann Stein in Mensfelden beschäftigt. Die Arbeit wurde ihm durch zunehmende Anfeindungen unmöglich. Rudolf Dublon konnte beim nichtjüdischen Nachbarn Karl Wilhelm Müller arbeiten. Er floh im Dezember 1935 nach Palästina. Dort angekommen, gelang ihm keine Geschäftsgründung. Zusätzlich setzte ihm das Klima zu. Mit Unterstützung seiner Schwester Rosa, gelang ihm schließlich die Flucht in die USA. Dort lebte er bis zu seinem Tod im Jahr 1991.
Markus,
Rosa (Röschen) & Jette (Jettchen)
Laistraße 16 (heute Sonntagsstraße 38)
Die ledigen Schwestern Rosa (*24. August 1857) und Jette (*15. August 1848) Markus stammten aus einer Familie, die schon lange in Mensfelden sesshaft war. Sie wurden im Dorf auch Röschen und Jettchen genannt. Über die beiden ist nur wenig bekannt. Rosa arbeitete wohl zeitweise als Köchin. Die beiden sind auf einem Foto zu sehen, das Anfang des 20. Jh. in einem Hof in der Nachbarschaft aufgenommen wurde. Rosa starb am 9. April 1924. Jettes Sterbedatum ist nicht bekannt.
Im Keller des Hauses der Familie hatte sich vermutlich bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts ein rituelles Tauchbad befunden. Denkmalpflegerische Untersuchungen dazu hat es bisher noch keine gegeben.
Rosenberg,
Amalie & Jettchen
Sonntagsstraße 3 (heutiges Grundstück Sonntagsstraße 12)
Amalie Rosenberg (*23. März 1858) wurde als Tochter von Gutche und Aron Rosenberg in Mensfelden geboren. Im Dorf war sie später als „Male“ oder „Jurre-Male“ bekannt. Sie hatte noch zwei Schwestern. Johanna, genannt Hannchen, wanderte um 1900 nach New York aus. Amalie lebte mit ihrer ebenfalls ledig gebliebenen Schwester Jettchen in einem kleinen, leicht erhöht gelegenen Häuschen in der Sonntagsstraße 3. Das Haus verfügte über keinen Wasseranschluss oder Brunnen und war über die Jahre stark heruntergekommen. Jettchen starb dort 1919 im Alter von 55 Jahren. Die beiden Rosenberg Schwestern hatten in ärmlichen Verhältnissen gelebt und hielten sich mit Kleinhandel und der Unterstützung ihrer Mitmenschen finanziell über Wasser. Seit Beginn der 1930er Jahre lebte Amalie oft bei Verwandten ihrer Mutter in Braunfels bei Wetzlar. Sie war immer wieder in Mensfelden und bekam so auch mit, wie judenfeindliche Stimmung und Angriffe hier zunahmen.
Bei einem ihrer Aufenthalte in Mensfelden starb Amalie Rosenberg am 23. Oktober 1936 im Alter von 78 Jahren, vermutlich an Altersschwäche. Am Trauerzug nahmen jüdische wie auch nichtjüdische Personen teil.
Seemann,
Israel „Isidor“ & Amalie, Minna und Arthur
Neustraße 12 (heute Hehnerstraße 12)
Im Jahr 1895 heirateten Israel Seemann (*09. Januar 1866) aus Daisbach und Amalie Rosenberg (*18. Februar 1866) aus Mensfelden. Sie bewohnten ein Haus in der Mensfelder Neustraße 12 (heute Hehnerstraße 12, 1933-1945 Adolf-Hitler-Straße 12). Israel, genannt Isidor, war Viehhändler und Schochet (koscherer Metzger) der jüdischen Gemeinde. Amalie verkaufte Manufakturwaren.
Die beiden hatten zwei Kinder: Minna (*15. Mai 1896) und Arthur (*30. November 1899). Israel und Amalie wurden während des Novemberpogroms in Mensfelden schwer misshandelt. Schulkinder und andere Schaulustige aus Mensfelden drangen anschließend in das verwüstete Haus ein. Als letztes jüdisches Ehepaar verließen die beiden im November 1939 Mensfelden und zogen in ein Altersheim in Frankfurt. Im Juli 1940 nahm sich Amalie dort das Leben. Im August 1942 wurde Israel von Frankfurt in das Vernichtungslager Treblinka verschleppt und dort ermordet.
Minna meldete sich im Oktober 1919 nach Laufenselden ab. Sie war mit dem dort lebenden Viehhändler Max Löwenstein verheiratet und gründete mit ihm eine Familie mit drei Kindern: Elsbeth, Hannelore und Kurt. Minna besuchte Mensfelden häufig mit ihren Kindern. Im Zusammenhang mit einem Gerichtsprozess gegen ihn, nahm sich Ehemann Max im Oktober 1935 das Leben bzw. wurde er möglicherweise auch erschossen. Die Familie flüchtete anschließend nach Frankfurt, wo Minna mit Hilfe ihrer Tochter Elsbeth Haushälterin wurde. Kurt und Hannelore lebten in jüdischen Waisenhäusern und wurden schließlich in die Niederlande gebracht. Minna wurde nach Theresienstadt deportiert und anschließend ermordet. Minnas Tochter Elsbeth gelang Anfang 1940 die Flucht in die USA. Sohn Kurt gelangte nach einer Zeit auf der Flucht und im Versteck in den Niederlanden nach Palästina. Tochter Hannelore wurde in Sobibor ermordet.
Arthur hatte sich am 14. Oktober 1924 nach Guntersblum abgemeldet, wo er mit seiner Ehefrau Elisabeth Else (geb. David) im Jahr 1929 eine Tochter namens Inge bekam. Er arbeitete als Viehhändler und Weinkommissionär. Nach Haft und schweren Misshandlungen durch die Gestapo in Oppenheim im Oktober 1933, floh die Familie nach kurzem Aufenthalt in Frankfurt 1936/37 in die USA. Arthur lebte bis zu seinem Tod im August 1971 in Hartford, Connecticut und war stets in Kontakt mit ehemaligen jüdischen Mensfelderinnen und Mensfeldern.
Stein,
Hermann & Lina „Minna“ (geb. Kaufmann), Max und Manfred
Laistraße 10 (heute Sonntagsstraße 32)
Hermann Stein (*12. Oktober 1878), der aus einer alteingesessenen jüdischen Mensfelder Familie kam, heiratete im August 1906 die aus Hellstein stammende Lina „Minna“ Kaufmann (*30. Mai 1883). Die beiden gründeten anschließend eine Familie in Mensfelden und betrieben in der Laistraße ein Manufakturwarengeschäft und vertrieben selbstgefertigte Textilien. Sie hatten zwei Söhne, Max (*18. Mai 1907) und Manfred „Fred“ (*11. Januar 1911). Mit dem Beginn der Nazi-Herrschaft wird das Geschäft der Familie zunehmend boykottiert. Familie Stein wurde mehrfach Ziel antisemitischer Angriffe. Im November 1934 beispielsweise warf der Mensfelder Karl Kees mit Steinen Fenster ein. Am 19. Oktober 1938, also nur wenige Wochen vor den Novemberpogromen, gelang es dem Ehepaar in die USA zu fliehen. Insbesondere mit Minna Klengel, die das Haus der Familie gekauft hatte, blieben sie in freundschaftlichem Kontakt. Hermann Stein starb im Dezember 1961. Minna überlebte ihren Mann.
Max Stein wanderte nach dem Schulabschluss und einer Kaufmannslehre im Sommer 1927 in die USA aus. Über seine genauen Beweggründe ist nichts bekannt. Er lebte zunächst bei der Schwester seiner Mutter, Rika Lammel. Er arbeitete als Buchhalter. Bei einem Besuch in Mensfelden im Mai 1935 werden er und sein Bruder vom Mensfelder Karl Brummer angegriffen und beleidigt. Da er seit 1929 US-Staatsbürger war, kam es zu einer Verhandlung und immerhin symbolischer Verurteilung des Angreifers. 1959 kam Max mit seiner Frau und Sohn Kenneth nach Mensfelden, um alte Freunde zu besuchen.
Manfred Stein besuchte nach vier Jahren Schule in Mensfelden das Limburger Gymnasium. Anschließend arbeitete er als Kaufmann. Er spielte in Mensfelden Theater. Manfred war Vorsitzender des Jüdischen Jugendbunds „Aar“, in dem 1935 mehr als 50 junge Erwachsene aus zahlreichen Dörfern zwischen Wiesbaden und Westerwald aktiv waren. Im Israelitischen Familienblatt hieß es im Februar 1935 über ihn: „Der Leiter des Bundes Manfred Stein (Mensfelden) hat es verstanden, eine wirklich neue und ganz besonders wertvolle Form der Kleingemeindenarbeit zu verwirklichen.“ Die Polizei in Limburg hatte 1935 Listen von allen jüdischen Organisationen im Umkreis angefordert. Manfred Stein löste den Jugendbund im September 1935 auf, unmittelbar nachdem er aufgefordert wurde, eine Mitgliederliste zu erstellen. Er weigerte sich außerdem, die Geburtsdaten der Mitglieder aufzulisten. Kurz darauf, im Oktober 1935, konnte Manfred in die USA fliehen. Er lebte in Hartford/Connecticut und gründete dort mit seiner Ehefrau Ilse Leopold eine Familie, sowie in den 1950er Jahren eine Bau- und Immobilienfirma. Er starb im Mai 1991.
Stein,
Jakob & Lina (geb. Burg), Mathilde und Max
Schwerzstraße 9 (heute Schwerzstraße 10)
Der in Mensfelden geborene Schuhmacher Jakob Stein (*03. September 1861) war im Dorf als „Juddejakob“ oder „Jurrejakob“ bekannt. Am 14. März 1891 heiratete er die aus Fischelbach stammende Lina Burg (*02. Mai 1864). Die beiden hatten zwei Kinder, Mathilde (*24. Februar 1892) und Max (*25. März 1894). Die Familie lebte in ärmlichen Verhältnissen. Lina musste zusätzlich zum Geschäft des Mannes gelegentlich Kurz- und Manufakturwaren verkaufen. Sie waren auf Unterstützung der Nachbarschaft und der jüdischen Gemeinde angewiesen. Ihre Situation verschlimmerte sich während der NS-Herrschaft noch mehr. Manche nichtjüdische Nachbarinnen und Nachbarn übergaben dem alten jüdischen Ehepaar heimlich Essen im Garten. Während der Pogromnacht wurden sie misshandelt. Sie meldeten sich im März 1939 nach Frankfurt ab, zogen allerdings erst im Herbst des Jahres dorthin. Jakob Stein starb nach längerer Krankheit am 20. November 1940 im Krankenhaus der Israelitischen Gemeinde in Frankfurt, vermutlich an Speiseröhrenkrebs. Lina wurde am 15. September 1942 nach Theresienstadt deportiert und dort am 31. März 1943 ermordet.
Mathilde arbeitete nach der Schule als Dienstmagd in Frankfurt . Ende 1919 zog sie von Mensfelden nach Kettenbach, um mit Wilhelm / Wolf „Willi“ Grünebaum eine Familie zu gründen. Sie hatten zwei Kinder: Celia „Zilli“ Grünebaum (*1920) und Manfred Grünebaum (*1923). Beiden konnten im Sommer 1939 auswandern. Mathilde wurde im Mai 1942 nach Isbica deportiert und ermordet.
Max Stein machte nach der Schule und seiner Zeit als Soldat im 1. Weltkrieg eine Ausbildung als Polsterer. 1920 machte er sich in Mensfelden selbstständig. Nach der Hochzeit mit Irma Nathan verlegte er Geschäft und Wohnsitz nach Nastätten im Taunus. Infolge schwerer Misshandlungen während der Novemberpogrome zogen sie nach Frankfurt. Die beiden wurden am 19. Oktober 1941 von dort nach Lodz/Litzmannstadt deportiert, nachdem die NS-Behörden seine bereits geplante Ausreise verhindert hatten. Max Stein starb am 30. Juli 1942 im Ghetto von Lodz/Litzmannstadt, angeblich an Herzmuskelschwäche. Er hatte keine Nachkommen.
Stern,
Josef & Elisabeth „Betty“ (geb. Mayer) und Walter
Kirchstraße 12
Der aus Oberbrechen stammende Josef Stern (*30. August 1881) war nach seiner Schulzeit in Mensfelden Lehrling bei seinem Schwager Salomon Besmann in Mensfelden. Anschließend betrieb er ein Metzgergeschäft bei Wiesbaden. Er heiratete dort die aus Ober-Olm stammende Elisabeth Mayer (*17. Mai 1881). Kurz nach der Geburt von Sohn Walter (*11. Februar 1915) musste Josef an die Front. Nach dem 1. Weltkrieg bezog die junge Familie zuerst einen kleinen Raum, dann ein eigenes Haus in der Kirchstraße in Mensfelden. Josef war Viehhändler und Elisabeth bot Stoffe und Textilien als Hausiererin an. Unmittelbar nach Beginn der NS-Herrschaft wurde Elisabeth vom damaligen Ortsgruppenleiter Adolf Crecelius denunziert. Walter Stern erinnerte sich später: „Auch das Geschäft meines Vaters ging nach und nach ein, da niemand mehr wagte, mit Juden Geschäfte zu machen“. Im September 1939 meldeten sich die Sterns nach Mainz ab. Sie schrieben an ihren Sohn in Palästina: „Der Abschied von Mensfelden ist uns nicht schwer gefallen“. Elisabeth und Josef Stern wurden am 24. März 1942 von Mainz nach Piaski deportiert und anschließend ermordet.
Walter Stern ging in Mensfelden und anschließend in Limburg zur Schule. Von 1931 bis 1934 war er Lehrling im Kaufhaus S. Blumenthal und Co. in Wiesbaden. Aufgrund der „Arisierung“ des Geschäfts wurde ihm gekündigt und er blieb bis zu seiner Flucht im August 1936 im Elternhaus in Mensfelden. In Palästina angekommen, arbeitete er zunächst in einem Kuhstall bei Tel Aviv. Nach kurzer Militärzeit, kam er 1937 nach Haifa und verkaufte Milch an Privathaushalte. Zuerst mit dem Fahrrad, später mit dem Motorrad. Er heiratete 1941 Irmgard Perl und gründete mit ihr eine Familie. Walter Stern weigerte sich zeitlebens, deutsche Produkte zu kaufen und war auch nie wieder in Deutschland. Er stand aber im Austausch mit Lokalforschern aus Hünfelden und Oberbrechen. Walter Stern starb Anfang 2005.5
Betraum
Spätestens seit Anfang der 1910er Jahre hatten sich Jüdinnen und Juden in Mensfelden in angemieteten Räumen im ersten Stock des Hauses einer nichtjüdischen Familie an der Ecke der Laistraße (heute Sonntagsstraße) und der Fahlerstraße für Gottesdienste und Versammlungen getroffen. Bekannt war diese Einrichtung als Betraum oder Synagoge. Im Dorf wurde das Eckhaus auch „Ecke Haus“ genannt. Heute befindet sich dort ein Garten.
Einer nichtjüdischen Mensfelderin sind bei einem Interview im Jahr 2014 besonders die durch das Fenster sichtbaren betenden und singenden Männer im Gedächtnis geblieben. In den 1930er Jahren – vielleicht aber auch schon vorher – machten nichtjüdische Kinder immer wieder Katzenlaute unter den Fenstern, um die Gebete und Gesänge der jüdischen Gottesdienste zu imitieren und/oder zu verspotten.
Joseph Stern schrieb am 6. Oktober 1938 an seinen Sohn Walter in Haifa: „Heute morgen haben [wir] die Mensfelder Synagoge endgültig aufgegeben und geräumt.“ Die Räume wurden folglich im Novemberpogrom nicht verwüstet.
Antisemitismus
Durch den Aufstieg des Nationalsozialismus wurden antisemitische Stimmen zunehmend lauter. Bei einer der ersten Versammlungen der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) in Mensfelden am 10. Oktober 1930 waren 150-200 Personen anwesend und hörten, wie der Mensfelder Landwirt Albert Schumann unter anderem über die „Judenfrage“ sprach. Im November 1932 entfielen in Mensfelden 76,6% der Stimmen auf die NSDAP. Für Jüdinnen und Juden veränderte sich der Alltag in diesen Jahren spürbar. Im Folgenden werden einige der Vorfälle geschildert, für die es Belege in historischen Dokumenten gibt. Die Zahl der Demütigungen und Angriffe ist vermutlich noch viel höher gewesen.
Anfang 1933 stimmten die langjährigen Mitmusiker Adolf Besmanns im Mensfelder Mandolinenclub bei einer Probe ein bekanntes Lied der Nazis an. Dies veranlasste ihn dazu, schon im Juni 1933 nach Frankreich zu fliehen. Im Juni 1933 hatte Adolf Crecelius, Ortsgruppenleiter der NSDAP in Mensfelden, Betty Stern denunziert, weil sie angeblich ohne Gewerbeschein Handel trieb. Im Laufe der 1930er Jahre versuchte Crecelius immer wieder, einzelnen Jüdinnen und Juden zu schaden, indem er sie den Behörden meldete. Im November 1934 warf Karl Kees, Mitglied der Sturmabteilung (SA), mehrere Fensterscheiben im Haus von Hermann, Minna und Manfred Stein in Mensfelden ein. Die Brüder Max und Manfred Stein wurden im Mai 1935 von SA-Mann Karl Brummer in der Nähe der Mensfelder Gaststätte Zum Zollhaus angegriffen und beleidigt. Im gleichen Jahr fand Manfred Stein den jüdischen Religionslehrer Julius Isaak aus Limburg im Straßengraben zwischen Linter und Mensfelden. Dieser war von SA-Leuten angegriffen und am Kopf schwer verletzt worden. Im Sommer 1935 wurde Hans Herbert Besmann aus Mensfelden nach einer Denunziation aus der Nachbarschaft verhaftet, ohne Verhandlung für mehrere Monate in verschiedenen Gefängnissen festgehalten und zur Flucht ins Ausland genötigt. Auch in den umliegenden Orten kam es zu zahlreichen antisemitischen Übergriffen.
Ihren vorläufigen traurigen Höhepunkt fand die Judenfeindschaft im Novemberpogrom 1938, der sogenannten Reichspogromnacht. Auch in Mensfelden wurden die verbliebenen Jüdinnen und Juden angegriffen, beleidigt und erniedrigt. Sie wurden im Gasthaus Klapper zusammengetrieben. Anschließend transportierte man die unter 60jährigen Männer über Limburg und Frankfurt in das Konzentrationslager Buchenwald. Einige der Frauen und Mädchen, darunter Gerda Strauß (geb. Dublon) mit ihrer dreijährigen Tochter Beate, brachte man für eine Nacht ins Gefängnis. Die Häuser wurden verwüstet und geplündert. An den Taten beteiligt waren neben dem Bürgermeister Helfrich, dem Ortsgruppenleiter Crecelius und Mensfelder Bürgerinnen und Bürgern, auch zahlreiche Mitglieder von SS und SA aus anderen Ortschaften. Mitglieder nationalsozialistischer Organisationen aus Mensfelden waren an den Ausschreitungen in anderen Orten beteiligt. Widerspruch gegen die Aktionen äußerten wohl nur sehr wenige, aus Angst oder aus Überzeugung. Nach mehreren Wochen in Buchenwald wurden die jüdischen Männer entlassen und erhielten die Auflage, Deutschland so schnell es geht zu verlassen. Albert Besmann beispielsweise musste sich im folgenden zweimal wöchentlich beim Bürgermeister melden und über den Fortschritt seiner Auswanderungsbemühungen berichten. Den meisten, die sich nach den Novemberpogromen noch in Deutschland befanden, gelang die Flucht ins Ausland nicht mehr. Auf sie warteten weitere Diskriminierung, Entrechtung, Zwangsarbeit und schließlich Selbstmord oder Vernichtung.
Nachkriegszeit: Rückerstattung, Entschädigung und Besuche
Die ehemaligen Mensfelder Jüdinnen und Juden, die rechtzeitig fliehen konnten und überlebten, hatten nach dem Krieg vor allem im Zusammenhang mit sogenannten Rückerstattungsverfahren und Entschädigungsanträgen mit ihrem alten Heimatort zu tun. Körperliche und psychische Probleme in Folge der NS-Zeit, Alter oder Sprachbarrieren erschwerten oft die Erwerbsmöglichkeiten der Überlebenden im Exil. Finanzielle Unterstützung aus Deutschland war für viele dringend notwendig. Andere lehnten diese kategorisch ab.
Rückerstattungsverfahren wurden automatisch für die Häuser und Grundstücke eingeleitet, die sich in jüdischem Besitz befunden hatten. Es wurde geprüft, unter welchen Bedingungen und zu welchen Preisen die Grundstücke die Besitzer wechselten. Keine jüdische Familie wollte nach Mensfelden zurückkehren, oder alten Besitz wiedererlangen. In den meisten Fällen kam es zu einer nachträglichen Zahlung an die jüdischen Familien bzw. zu Vergleichen, um die unter dem Verfolgungsdruck und der Ausnutzung der Notsituation zustande gekommenen Kaufpreise aus der NS-Zeit ein wenig zu kompensieren. Manche Anträge wurden wegen der Geringfügigkeit des Objekts zurückgezogen, in anderen Fällen versicherten die Jüdinnen und Juden, dass die Verkäufe in der Nazi-Zeit einvernehmlich und mitunter freundschaftlich getätigt wurden. Bis Mitte der 1950er Jahre waren diese Verfahren in Mensfelden abgeschlossen und die Eigentums- und Zahlungsverhältnisse geklärt. Die genauen Kaufbeträge und Nachzahlungen sind u.a. im Hessischen Hauptstaatsarchiv in Wiesbaden dokumentiert.
Langwieriger gestalteten sich die Entschädigungsverfahren. Jüdinnen und Juden aus Mensfelden stellten Entschädigungsanträge für sich selbst oder ermordete Familienmitglieder. Diese sollten bspw. den Verlust von Vermögen, Erwerbsmöglichkeiten oder Schaden an der Gesundheit entschädigen. Die Verfahren konnten sich oft über viele Jahre ziehen. Sie waren ein Anlass für die Vertriebenen, aus dem Exil mit ehemaligen Bekannten und der Verwaltung in Mensfelden zu kommunizieren. Die Entschädigungsbehörden verlangten vor allem in den 1950er Jahren immer wieder Auskünfte vom Mensfelder Bürgermeister über die Lebens- und Vermögensverhältnisse der jüdischen Familien. Dieser korrigierte die Angaben der jüdischen Überlebenden vereinzelt zu ihrem Nachteil oder verzögerte die Verfahren. Die meisten Antragsteller und Antragstellerinnen aus Mensfelden erhielten geringe Einmalzahlungen, nur selten konnten kleinere Renten erstritten werden, wie im Fall von Familie Stein aus der Laistraße oder Familie Besmann aus der Sonntagsstraße.
In der Zeit nach dem Holocaust und Krieg kam es immer wieder zu Besuchen ehemaliger Mensfelder Jüdinnen und Juden in ihrer alten Heimat. Teilweise fanden diese Besuche mit den neu gegründeten Familien statt, teils kamen die Überlebenden alleine. Für manche endeten diese Besuche in Enttäuschung und führten zum Kontaktabbruch. Andere hielten alte Freundschaften aufrecht, oder schlossen sogar neue Bekanntschaften. Viel seltener waren Besuche von nichtjüdischen Mensfelderinnen und Mensfeldern Jüdinnen und Juden aus Mensfelden in Israel oder den USA. Inzwischen bestehen, wie bereits erwähnt, durch den Arbeitskreis „Spuren Jüdischen Lebens in Hünfelden“, Kontakte zu Nachfahren jüdischer Familien aus Mensfelden. Im März 2025 besuchten Angehörige der Familie von Bertha und Salomon Besmann die erste Stolpersteinverlegung in Mensfelden.
für weitere Informationen zur jüdischen Geschichte der Dörfer des heutigen Hünfeldens, siehe auch: Kurt Nigratschka (Hg.), Kirberg. Einst und Jetzt, Kirberg (Selbstverlag) 2004; Heckelmann, Gerhard: Die letzten Mitglieder der Jüdischen Kultusgemeinde Dauborn, (Selbstverlag) Dauborn 1995.↩︎
siehe auch: Streb, Markus: Der jüdische Friedhof zwischen Kirberg und Dauborn, in: Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Limburg e.V. (Hrsg.): Jüdische Friedhöfe im Kreis Limburg-Weilburg. Eine Aufsatzsammlung, Limburg: Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Limburg e.V. 2021, S. 113–121.↩︎
siehe auch: Streb, Markus: Die Synagoge in Kirberg und die Beträume in Heringen und Mensfelden, in: Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Limburg e. V. (Hrsg.): Die Synagogen im Nassauer Land. Jüdische Kultstätten in den Kreisen Limburg-Weilburg, Rhein-Lahn und Westerwald. Eine Aufsatzsammlung, Limburg: Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Limburg e.V. 2022, S. 133–143.↩︎
siehe auch: Streb, Markus: Von Mensfelden nach Naharija. Das bewegte Leben des Adolf Besmann, in: Schmidt, Karina: Nassauische Annalen. Jahrbuch des Vereins für nassauische Altertumskunde und Geschichtsforschung. Band 127, Neustadt a.d. Aisch: VDS 2016, S. 301–316; Streb, Markus; Klaus, Josefine: Story Map: From Mensfelden to Nahariya. The eventful life of Adolf „Abo“ Besmann, 2020. [online unter: https://storymaps.arcgis.com/stories/494179fef9794d07b27a67cc170cfb9e].↩︎
siehe auch: Streb, Markus: „Der Abschied von Mensfelden ist uns nicht schwer gefallen“ Briefe von Betty und Joseph Stern 1938-1939, in: Rundbrief der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit Limburg e.V. 1/2021 (2021), 16–20; Heckelmann, Gerhard: Die Geschichte von Walter und Irmgard Stern, (Selbstverlag) Dauborn 2008.↩︎