Der große Riss im Vereins- und Dorfleben ab 1964
✍ Autor(en):
Holger Schmidt (2025)
Die Vereinsabspaltung im Turn- und Sportverein (TuS) im März 1964 hatte tiefgreifende Auswirkungen auf das Dorfleben. Die Gründung des neuen Vereins Turnverein Jahn Mensfelden führte auch in der Folge zu erheblichen Streitigkeiten und zu jahrzehntelangen Spannungen zwischen den Vorständen und Mitgliedern beider Vereine.
Diese Spaltung spiegelte sich in vielen Bereichen des täglichen Dorflebens wider – von der Schulzeit und Freizeitgestaltung der Kinder und Jugendlichen über das organisierte Vereinsleben bis hin zu den Gewerbetreibenden im Dorf. Bei Familientreffen wurde das Thema oftmals vermieden.
Die Hintergründe der Spaltung
Ein zentraler Grund für die Abspaltung war die Verschiebung der Interessen in der jüngeren Generation. Während das traditionsreiche Turnen und das Spielmannswesen rückläufig waren, erfreute sich der Fußball immer größerer Beliebtheit. Die Begeisterung für diesen Sport nahm in den 50er Jahren deutlich zu, insbesondere nach dem Gewinn der Fußballweltmeisterschaft 1954. Man kickte leidenschaftlich gern auf der Straße oder auf dem Fußballplatz und trat im Turn- und Sportverein in die Fußballabteilung ein. Zwei Seniorenmannschaften, eine Jugend- und eine Schülermannschaft nahmen in der Saison 1963/64 an den Punktspielen teil und erzielten gute Leistungen und zogen sonntags auch viele Zuschauer zum Sportplatz am Mensfelder Kopf. Dies führte in Mensfelden zu Konflikten innerhalb des bestehenden Turn- und Sportvereins, da die jungen Fußballer oft den Turnstunden und Proben des Spielmannszugs fernblieben. Insbesondere dem Turnen nahestehende Mitglieder sahen darin eine Bedrohung der Traditionen. Diese Konflikte waren auch in anderen Dörfern der Region nicht selten – den Unterschied zu diesen machte aber das traditionsreiche Bergturnfest des Turngau Mittellahn aus, welches jährlich auf dem Mensfelder Kopf veranstaltet wurde.
Ein entscheidender Moment war die Generalversammlung des TuS am 29. Februar 1964. Dort wurde Lehrer Hans Deubner nach dem angekündigten Rückzug von Hauptlehrer a. D. Wilhelm Stückrath zum neuen Vorsitzenden gewählt. Nur zwei Tage später rief über die Ortsrufanlage eine Gruppe „Freunde des Turnens“ überraschend für viele Mensfeldener zur „Neugründung des alten Turnvereins“ auf. Vielen Dorfbewohnern war nicht bewusst, dass diese Initiative maßgeblich auch von Nicht-Mensfeldener bzw. übergeordneten Institutionen unterstützt wurde, insbesondere durch den damaligen Turngau Mittellahn mit seinem Vorsitzenden K. Schutzbach und seinen Vorstandskollegen sowie einem befreundeten Rechtsanwalt. Der Turngauvorsitzende war ein großer Verehrer von „Turnvater“ Friedrich Ludwig Jahn (1778 – 1852) und hatte bei seinen Bemühungen zum Erhalt des Turnens in der Region stets auch das traditionelle Bergturnfest im Blick, welches der Turngau jährlich auf dem Mensfelder Kopf veranstaltete. Diese einflussreichen Berater propagierten unter den Mensfeldener Turnern die Idee, dass der TuS durch eine „erzwungene“ Fusion des Turnvereins von 1894 und des Sportvereins von 1922 während der NS-Zeit im Jahr 1938 unrechtmäßig entstanden sei, und motivierten Mitglieder der Turnabteilung und des Spielmannszuges, den alten Turnverein von 1894 rechtlich durch Neugründung eines separaten Vereins wieder aufleben zu lassen. Mit diesem Rückenwind des Turngauvorstandes legte man am 08. März 1964 als neugegründeter Turnverein Jahn Mensfelden förmlich Widerspruch beim Grundbuchamt des Amtsgerichtes in Limburg ein und bezeichnete sich als direkter Nachfolger und rechtmäßiger Eigentümer des Grundbesitzes des Turnvereins von 1894 und damit der alten Turnhalle. Untergründiges Ziel war wohl, das Eigentum an der damaligen Turnhalle zu erlangen, um diese dann der Gemeinde für den Bau einer bereits diskutierten Mehrzweckhalle ohne Vorrechte für den Sport zu übertragen. Dieses Unterfangen führte zu großem Unmut im Turn- und Sportverein. Mit Beschluss vom 16. März folgte das Grundbuchamt diesem Widerspruch allerdings nicht und wies diesen ab – der Turn- und Sportverein war der rechtmäßige Nachfolger des Turnvereins von 1894. Auch eine nochmalige Beschwerde hatte vor Gericht keinen Erfolg.
Wäre diese besondere Unterstützung des damaligen Turngauvorstandes nicht gewesen, wäre der Riss im Vereinsleben in Mensfelden wohl nicht entstanden. Dann hätte man, wie andernorts auch, eine vereins- und dorfinterne Lösung gesucht und wohl auch gefunden (Einschätzung des Verfassers Holger Schmidt).
Bürgermeister Walter Schwenk und Hauptlehrer a. D. und Ehrenvorsitzender Wilhelm Stückrath versuchten in den Folgemonaten zu vermitteln, stießen jedoch auf taube Ohren und mussten sogar Verleumdungen und Unterstellungen ertragen. Auch Landrat Wolf und Sportkreisvorsitzender Edgar Roth sowie Pfarrer Debusmann bemühten sich um eine Schlichtung. Trotz eines initiierten Treffens am 4. Mai 1964 auf dem Zollhaus, bei dem eine Rückführung der vom TuS-Vorstand zuvor ausgeschlossenen 16 Mitglieder, welche bei der Gründung des TV Jahn mitgewirkt hatten, diskutiert wurde, konnte keine Einigung erzielt werden. Der TV Jahn nahm das Angebot, bei Einstellung der eigenen Vereinstätigkeit, die Löschung der Austritte durch den TuS nicht mehr an. Das „Kind“ war in den Brunnen gefallen!
Die Bedeutung der Spaltung für das Dorf
Die Auswirkungen der Spaltung waren für Mensfelden weitreichend. Innerhalb von Familien entstanden Spannungen, da Mitglieder unterschiedlichen Lagern angehörten. Geburtstagsfeiern wurden oftmals zur Bewährungsprobe für den familiären Zusammenhalt. Auch das gesellschaftliche Leben im Dorf litt, da Spannungen sich auch in anderen Vereinen (Feuerwehr, Gesangverein, Landfrauen) und auch in der Kommunalpolitik zeigten. Spielmannswesen, Bergturnfest und Kulturveranstaltungen wurden von der Trennung erheblich beeinflusst.
Der Streit führte auch zu juristischen Auseinandersetzungen um das vorhandene Inventar (u.a. Musikinstrumente). Der Konflikt eskalierte, als der Turngau dem neugegründeten TV Jahn im August 1964 die Ausrichtung des traditionsreichen Bergturnfestes zusprach und damit dem TuS entzog, was diesen tief verletzte. Der TuS-Vorstand wandte sich mit einer 12-seitigen Beschwerde an den Hessischen Turnverband – jedoch ohne Erfolg. Das Bergturnfest wurde seitens des TV Jahn ausgerichtet und vom Turngauvorsitzenden dann auch in besonderer Weise zelebriert (belegt durch seine „pathetische Ansprache“ an die Turnerjugend am Sa., 29.08.1964 beim erstmaligen stimmungsvollen Höhenfeuer – siehe Bericht NLZ). Die Fehde wurde nun öffentlich ausgetragen, bis hin zu Wahlkampfparolen bei den anstehenden Kommunalwahlen im Oktober 1964: „Wer Liste 8 wählt, wählt den Bürgerkrieg“ war mit Farbe auf die Straße vor dem Wahllokal geschrieben. Auf der Liste 8 waren namhafte Turner zu finden.
Der Weg zur Versöhnung
Erst im Dezember 1964 kam es auf Einladung von Landrat Wolf zu einem Gespräch, bei dem sich beide Seiten auf ein Nebeneinander verständigten. Die Einigung war jedoch brüchig, und über Jahrzehnte blieben Spannungen bestehen. In den späten 60er Jahren baute der TuS in Eigenleistung eine neue Sporthalle, während der TV Jahn in den 70er das Recht zur Mitnutzung der alten Schule von der Gemeinde erhielt und ebenfalls mit großen Anstrengungen eine kleinere Turnhalle an die alte Schule anbaute. Die Ausrichtung des Bergturnfestes wurde vom Turngau Mittellahn neu überdacht und fortan in einem 2-jährigem Rhythmus an beide Vereine vergeben.
Ein erster Schritt zur Zusammenarbeit erfolgte beim Sportplatzneubau ab 1984 und bei gemeinsamen Jubiläumsbergturnfesten in 1986 und 1996, wenn auch nicht ohne Schwierigkeiten. Gerade für die jüngere Generation blieb es schwierig, da selbst Kirmesburschenjahrgänge sich auf komplizierte Kompromisse einigen mussten, um beiden Vereinen mit ihren z. T. zeitgleichen Veranstaltungen gerecht zu werden. Nicht unerheblich für eine bessere Kommunikation und die Minderung der Spannungen war das ab den 90er Jahren veranstaltete Dorffest des Ortsbeirates unter Beteiligung aller Dorfvereine.
In den 2000er Jahren wurde durch Bürgermeister Norbert Besier die im Dorf entstandene Idee eines Dorfgemeinschaftszentrums im Rahmen des Dorfentwicklungsprogramms in Mensfelden vorangetrieben. Auch wollte die Folgegeneration den Dorfkonflikt und teilweise auch das Engagement in den Vereinen selbst so nicht mehr weiterführen. So musste der TV Jahn aus personellen Gründen die Musikabteilung mit dem Blasorchester und auch die Ausrichtung des Bergturnfestes aufgeben, welche in den 60er zum Streit und zur Vereinsspaltung geführt hatten. Das Turnen insgesamt war in allen Dörfern stark rückläufig. Beim TuS bereitete der Fußball sorgen und man suchte in 2004 die Spielgemeinschaft mit Heringen, um weiterhin den Ball auf dem Meko rollen zu sehen.
2010 entstand nach langwierigen Planungsgesprächen schließlich die neue Erich-Valeske-Halle im Eigentum der Gemeinde, welche die Vereine bei Einbringung ihrer bisherigen Vereinsdomizile fortan für Sport und Geselligkeit gemeinschaftlich nutzen. In dieser Zeit gründeten sich in Mensfelden auch neue Vereine, die auch das kulturelle Leben mitgestalteten (VfaL und ZuKu). Die Übergangszeit zwischen Abriss der TuS-Halle und Neubau des Dorfgemeinschaftszentrums sowie der Einzug in die neue Halle war jedoch von erneuten Spannungen zwischen den beiden Sportvereine geprägt, die erst durch die Vermittlung von Bürgermeisterin Silvia Scheu-Menzer und der Schaffung eines „Regelwerkes für das Miteinander in der Erich-Valeske-Halle“ in 2016 überwunden wurden.
Exkurs: Der gesamte Prozess in Überwindung der Dorfspaltung und das hierfür große Engagement der Mensfeldener in den Vereinen war mithin auch ein wesentlicher Grund für den Gewinn der Goldmedaille im Bundeswettbewerb „Unser Dorf hat Zukunft“ in 2023.
Fazit
Die Vereinsspaltung von 1964 zeigt, wie tiefgreifend Konflikte über Tradition und Veränderung eine Dorfgemeinschaft beeinflussen können. Vor allem das Einmischen von Außenstehenden erwies sich als fatal, da es die Fronten verhärtete. Erst nach Jahrzehnten fanden die Vereine Wege zur Kooperation, wenn auch ohne vollständige Wiedervereinigung. Die Geschichte lehrt, dass Streitigkeiten offen und sachlich geführt werden sollten, um langfristige Gräben zu vermeiden. Wie Hauptlehrer a. D. Wilhelm Stückrath treffend sagte: „Schuld tragen wir alle!“ (Recherchen von Holger Schmidt)