III. Leben im Ort Das alte Dorfleben ✍ Autor(en): Walter Schwenk (1975) In unserem Dorf wurde bis zum 19. Jahrhundert die fränkische Bauweise beibehalten, das zeigen die alten Anwesen mit ihren geschlossenen Höfen, die aneinander gereiht, lange Straßen bildeten. Ich liebe meine Heimat, weil sie so viel romantisches an sich hat. . . Der Gesamteindruck, den sie beim Überblick macht, ist nüchtern und alltäglich. Die alten Häuser mit ihren spitzen Giebeln und verblassten Schieferdächern bargen in sich jedoch ein zufriedenes Zusammenleben. Die Leute lebten äußerst einfach. Vor Eintritt des Winters musste für einen gehörigen Vorrat gesorgt sein; im Keller ein Haufen Kartoffel, auf dem Gerüst Äpfel, soviel es tragen konnte, ein gefülltes Fass mit Sauerkraut, ein Ständer mit Bohnen, eingepökeltes Schweinefleisch und auf dem Speicher Roggen und Gerste für Brotmehl und Weizen für den Festtagskuchen. Die Naturalwirtschaft hatte damals auf dem Lande noch breiten Boden. Das Brotmehl wurde aus einer Mischung von Roggen und Gerste bereitet. In Mensfelden, dass selbst keine Mühle hatte, wurde die Brotfrucht von einem Müller aus der Nachbargemeinde zum Vermahlen abgeholt und nach einiger Zeit als Mehl wieder zurückgebracht, nachdem der Naturlohn (Molter) davon abgezogen war. Gewöhnlich erhielt man einen Zentner Mehl, den der Bäcker wieder abholte, um daraus 32 Brotlaibe zu backen. Diese wurden im Oberflur auf einer Brothanke bis zum Verbrauch aufgehoben. Ich erinnere mich, dass die letzten Laibe oft recht hart und zuweilen schimmelig waren. Frisches Brot, so hieß es, sollte nicht gesund sein. Bei jedem Geback gab es ein bis zwei Platte, kuchenartige Plätze, worauf wir Kinder uns besonders freuten. Kuchen gab es nur an Feiertagen oder Festen reichlich. Wenn diese gebacken wurden, gingen die Frauen selbst ins Backhaus, wo jede dafür sorgte, dass ihre Zutaten richtig verwendet und dass ihre eigenen Kuchen durch ein besonders Zeichen von den fremden unterschieden werden konnten. Manchmal kam der Bäcker mitten in der Nacht und klopfte ans Fenster, um die säumige Hausfrau zu wecken, wenn sie an der Reihe war. Die Butter wurde noch selbst gestoßen oder in einem Butterfass geleiert, an welchem wir Kinder die Leier drehen mussten. Das Kochen von Birn- und Zwetschgenkraut zum Brotaufstrich war damals in jedem Haushalt ein großes Ereignis. Zum Schälen der Birnen und zum Auskernen der Zwetschen wurden die Mädchen aus der Nachbarschaft bestellt, und niemand versagte die freiwillige Hilfeleistung, die man ein andermal wieder selbst in Anspruch nahm. Es ging sehr lustig zu in großer Gesellschaft, die sich dann um den großen Esstisch versammelt hatte. Vom Scherzen und Necken kam man zum Singen, wobei die Arbeit rasch von der Hand ging, so dass man schon nach Hause gehen konnte, ehe der Nachtwächter elf Uhr blies. Manchmal wurde auch noch eine Runde durch das Dorf gedreht, wobei man die Burschen mit Zwetscheernen an ihren Fenstern beglückte. Die Kost war reichlich und bestand zumeist aus Vegetabilien. Fleisch vom Metzger, gewöhnlich Rindfleisch, gab es nur an Sonn- und Feiertagen; daneben wurde in der Woche ein bis zweimal geräuchertes Schweinefleisch gereicht, wofür man im Winter ein oder zwei gemästete Schweine schlachtete. Das besorgte der Metzger des Ortes, die meistens als Hausmetzger nebenberuflich arbeiteten. Schon am frühen Morgen erschien der Metzger zum Schlachten, und am Nachmittag wurde die Wurst gemacht. Der Schlachttag, auch Schlachtfest genannt, war ein großes Ereignis, wozu man die Nachbarskinder und nächsten Verwandten einlud. Wie bei der Nahrung war es auch bei der Kleidung das Lohnwerk noch in voller Übung. Der selbstgeerntete Flachs und der Hanf wurden, nachdem die Samenkörner abgenommen waren, auf den eigenen Wiesen geröstet, dann wurde der Flachs, nachdem er richtig ausgetrocknet war, im munteren Takte zwischen den Laden und der Breche gebrochen und von den Holzbestandteilen befreit. Diese sogenannten Ohme fielen zu Boden, während die Fasern erst noch gehechelt werden mussten, um, in Knoten zusammengebunden, mitsamt dem abgefallenen Wergt zur Verspinnung aufgehoben wurden. War dieses während des Winters von den Frauen des Hauses besorgt, so wurde das Garn gekocht und dann dem Leineweber übergeben, der um Ellenlohn Zeug daraus webte. Dazu erhielt er das Schlichtmehl aus dem Kundenhaus und eine gewisse Menge Brot, wohl ein Überrest aus einer früheren Zeit, als er vom Kunden die volle Kost erhielt. Das rohe Gewebe wurde auf der Wiese gebleicht, jeden Tag musste es mehrmals mit Wasser begossen werden, bis es gebleicht war und zu Hemden oder Bett- und Handtüchern verarbeitet wurde. Ein Teil wurde auch zum Blaufärben zu dem Färber nach Kirberg oder Limburg gebracht, wobei der Kunde ein Messingschildchen bekam, damit man das Gewebe wieder erkannte, wenn es aus der Farbe kam und dem Schneider zur Anfertigung von Leinenhosen oder Kitteln übergeben werden konnte. Die wenigen Handwerker, welche man auf dem langen Weg vom rohen Spinnstoff bis zur fertigen Kleidung brauchte, waren Heimwerker, die oft viel, aber oft auch wenig zu tun hatten und für Stücklohn arbeiteten. Der Stoff für bessere Kleidung wurde in einer Tuchhandlung in Limburg gekauft, später konnte man sich auch beim Schneider des Dorfes den Stoff aussuchen, der ihn dann besorgte. Bevor dieser den Anzug machte, kam er ins Haus oder man ging zu ihm zum Maßnehmen. Ähnlich war es auch bei den Frauen und Mädchen. Vom Kauf beim Kleiderhändler in Limburg wurde damals noch wenig Gebrauch gemacht. Als ich noch Kind war, trugen die Bauern blaue Leinenkittel mit einfacher Stickerei auf den Achseln, am Hals geschlossen mit einem Metallhaken, der an einem Messingblech in Form einer Eichel saß. Das war eine sehr kleidsame und praktische Tracht. Im Winter zog man selbstgestrickten Wams darunter und im Sommer konnte man, wenn mans ganz leicht haben wollte, die Weste auslassen. Man sah immer ordentlich im Kittel aus, was bei der jetzt gebräuchlichen nicht immer der Fan ist. Auch mit Schuhen wurde man sehr knapp gehalten. Die Kinder hatten meistens nur ein Paar, dagegen ältere Leute zwei Paar Schuhe, ein Paar für werktags und ein Paar für sonntags besaßen. Sie wurden von einheimischen Schuster gemacht, die jedoch meistens als Flickschuster für die Werktagsschuhe arbeiteten. Die Sonntagsschuhe wurden schon damals in den Limburger Schuhgeschäften gekauft. Bei Erkrankungen wurde selten und nur in höchster Not der Arzt gerufen. Man behalf sich mit den immer zur Verfügung stehenden Hausmitteln. Bei Wunden wurden gekochte I.einsamenumschläge gemacht. Gegen die häufig auftretenden Erkältungskrankheiten wurden Kamillentee und Leinsamen in leinerne Säckchen gegeben und damit Umschläge gemacht; auch Tee wurde reichlich getrunken, z. B. Lindenblüten, Kamillen, oder Wachholdertee. Von all diesen Hausmitteln war immer reichlich im Haus. Besonders gern wurden warme Umschläge gemacht und schweißtreibende Mittel angewandt, wobei manchmal eine Kühlung angebracht war. Ehe man den Arzt holte, damals gab es noch keine Krankenkassen, hat man erst den Kuh- oder Schafhirten oder einen anderen, der als Braucher bekannt war, geholt, der dann mit seinen Händen über die kranke Stelle fuhr und dabei sein Heilsprüchlein aufsagte, welches etwa wie folgt lautete: Weicht ihr Schmerzen, heilt ihr Wunden, wie des Heilands Hände heilen , will ich mit seiner Kraft dir Linderung und Heilung geben, im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes Amen. So dauern die alten Heilsegen und Zaubersprüche im Volke fort und werden ebensowenig auszurotten sein wie das Gesundbeten. Dagegen ist von Gespensterfurcht und Aberglauben wenig zu berichten. Manchen gruselte es in der Dunkelheit, vor allen Dingen denen, die etwas Unrechtes getan hatten. Diese glaubten, böse Geister verfolgen sie. Vom Aberglauben oder Hexenglauben ist mir zur Genüge aus dem Mittelalter und aus der Zeit des dreißigjährigen Krieges durch alte Überlieferungen bekannt. Es gab aber noch in Mensfelden Leute, die bis zum 20. Jahrhundert an ihre Stalltüren nach der Walburgisnacht mit Kreide drei Kreuze oder drei Buchstaben K. M. B. (Kaspar, Melchior, Balthasar) machten, worüber sich die anderen lustig machten. Bei dieser Gepflogenheit handelt es sich aber um eine Sitte, die aus der Zeit vor der Reformation stammt und heute noch Brauch in den katholischen Nachbardörfern ist, wenn am Dreikönigstag die Sternsinger von Haus zu Haus gehen und diese drei Buchstaben mit drei Kreuzen an die Haustür schreiben. Man erzählt sich heute noch, dass es welche gab, die in der Gemarkung oder sonstwo Gespenster gesehen haben wollen, was besonders die Kinder beeindruckte. Immer waren wir stolz auf das Geläute unserer Kirchenglocken, wenn sie im dumpfen Dreiklang zum Gottesdienst riefen, oder wenn eine von ihnen zu Gemeindeanlässen rief, die Tageszeiten anzeigte oder das Sterbeglöckchen uns den Tod eines unserer Mitbürger kündete. Besonders habe ich ihren Zauber empfunden, wenn am Sonntagmorgen ihr lieblicher Schall über Dorf, Fluren Wald erklang, und die Glocken der Nachbargemeinden in weiter Runde miteinstimmten. Es liegt etwas Heimatliches in dem Ton der Kirchenglocken und wer ihn lang nicht gehört hat, dem rufen sie schlummernde Erinnerungen wach. Ohne ihre schwingenden Töne würde uns etwas fehlen in unserem Dorf. Prägt die Zeit auch ihre Menschen, die Erinnerung aber bleibt doch. Jüdische Familien in Mensfelden ✍ Autor(en): Markus Streb (2025) Frühe Quellen Spätestens seit 1673 lebten dauerhaft Jüdinnen und Juden in Mensfelden. Über die Zeit davor lassen sich aktuell kaum Aussagen treffen, da eine Auswertung der im Hessischen Hauptstaatsarchiv in Wiesbaden vorhandenen einschlägigen Quellen noch aussteht. Vom jüdischen Leben im 17. und 18. Jahrhundert wissen wir vor allem aus überlieferten Rechtsstreitigkeiten und Verwaltungsakten. Neben zahlreichen Erbschaftsangelegenheiten, stechen besonders die 1703 bis 1704 geführten Streitigkeiten des Mensfelder Pfarrers Zippelius mit Juden hervor. Dabei ging es um so genannte Schabbes-Mägde und -Knechte. Diese waren nichtjüdische Mägde oder Knechte, die samstags, am jüdischen Sabbat (Schabbes), Arbeiten erledigten, die den Jüdinnen und Juden nach religiösen Vorschriften verboten waren. Dazu zählten Aktivitäten wie Kochen, Feuer machen oder Vieh füttern und melken. Bis in die 1930er Jahre hinein war dies in Mensfelden üblich und oft übernahmen auch Freunde und Freundinnen oder Nachbarn und Nachbarinnen solche Aufgaben. Ab etwa 1750 bildeten die Juden und Jüdinnen aus Mensfelden mit denen aus Dauborn, Heringen und Kirberg eine eigene Kultusgemeinde. Sie wählten einen gemeinsamen Gemeindevorstand. Dieser kümmerte sich vor allem um Angelegenheiten, die jüdische Gottesdienste, den Religionsunterricht für die Kinder oder Sterbefälle betrafen. In den Dörfern sesshaft werden konnten nur die sogenannten Schutzjuden, die von der jeweiligen Regierung ein Niederlassungsrecht erhielten. Für die jüdische Bevölkerung galten gesonderte „Judenordnungen“. 1769 wurde unter dem Titel „Ordnung nach welcher die Juden, so in dem gemeinschaftlichen Amte Kirberg wohnen, oder darinen aufgenommen werden, sich verhalten sollen“ eine solche Verordnung gedruckt. Aus dieser Zeit ist auch eine Liste der ab 1771 in Mensfelden ansässigen Schutzjuden überliefert. Es handelte sich um fünf Menschen, denen mit samt ihren Familien und Beschäftigten Schutz gewährt wurde: Jud Löw Juda, Hertz Heyum, Joseph Wolf, Joel Abraham und Wolf Joel. Erst 1848 galten die Schutzjuden im Herzogtum Nassau, zu dem Mensfelden gehörte, offiziell als gleichgestellte Bürger. Zu dieser Zeit mussten sie auch feste Nachnamen annehmen.1 Leben im 19. Jahrhundert Ab Mitte des 19. Jahrhunderts erlebte die jüdische Gemeinde in Mensfelden eine Blüte. 1843 zählte man hier von insgesamt etwa 1100 Einwohnerinnen und Einwohnern 54 Jüdinnen und Juden. Das Dorf hatte eine der größten jüdischen Bevölkerungen im ganzen Umkreis. Vor allem durch Heirat oder Geschäftsgründung zogen immer wieder Gemeindemitglieder weg. Auch unter den Mensfelder Familien, die im 19. Jh. in die USA auswanderten, waren jüdische Familien. Die Gemeindemitglieder wurden auf dem jüdischen Friedhof in Kirberg, später zwischen Kirberg und Dauborn beigesetzt.2 Die jüdische Bevölkerung in Mensfelden lebte vor allem vom Viehhandel oder bot Manufaktur- und Textilwaren an. Es gab verarmte Einzelpersonen oder Familien, die von der jüdischen Gemeinde, teilweise aber auch von nichtjüdischen Nachbarinnen und Nachbarn, unterstützt wurden. Einige der Familien erlangten vor allem mit ihrem Viehhandel einen gewissen Wohlstand. Die jüdischen Kinder und Jugendlichen besuchten die Volksschule in Mensfelden. Selten gingen sie auf städtische weiterführende Schulen. Daneben gab es für sie einen eigenen Religionsunterricht, der im Wechsel in den vier Ortsteilen stattfand. Hierüber gab es nicht selten Streitigkeiten. Gerade von Seiten der Jüdinnen und Juden aus Mensfelden wurde immer wieder dafür plädiert, dass die Kinder der anderen Ortsteile nach Mensfelden zum Religionsunterricht kommen sollten, weil dort die meisten jüdischen Kinder zu beschulen waren. Über weite Teile des 19. Jahrhunderts besorgte der in Heringen lebende Lehrer Abraham Levi Dickstein den Religionsunterricht. Zum Unterricht gehörten beispielsweise: Glaubens- und Sittenlehre, spezielle Religionsgeschichte, Geschichte des jüdischen Volkes, Geografie Palästinas, Synagogengesang und hebräische Sprache. Der Unterricht wurde in einem Kurs für die 8- bis 10- sowie einem für die 10- bis 14-Jährigen erteilt. Der Unterricht fand unter anderem in einem Betraum der Gemeinde in Mensfelden statt, den es spätestens seit dem frühen 19. Jahrhundert dort gegeben hatte und der auch als Synagoge bezeichnet wurde, da dort die Gottesdienste und Versammlungen stattfanden. Wann dieser Betraum aufgelöst wurde, ist nicht überliefert. Erst in den 1910er Jahren bekam Mensfelden wieder eine eigene kleine Synagoge.3 Jüdische Familien in Mensfelden im 20. Jahrhundert Im November 1939 hatte sich das letzte jüdische Ehepaar aus Mensfelden nach Frankfurt abgemeldet. Ausgrenzung, Boykotte und antisemitische Angriffe machten das Leben auf den Dörfern nahezu unerträglich. Wer nicht ins Ausland fliehen konnte, zog in größere Städte. Insgesamt wurden mindestens 16 jüdische Menschen, die aus Mensfelden kamen, bzw. dort für längere Zeit ihren Lebensmittelpunkt hatten, während des Nationalsozialismus ermordet oder nahmen sich das Leben. Anderen gelang es, oft unter widrigen Bedingungen und unter Aufgabe des bisherigen Lebens, zu überleben und ins Ausland zu entkommen. Die Überlebenden hatten oft noch im Rahmen sogenannter Entschädigungs- und Rückerstattunsgverfahren mit Mensfelden zu tun. Manche von ihnen kamen in den Jahrzehnten nach dem Krieg für kurze Besuche zurück – mit sehr unterschiedlichen Erfahrungen. Manche wollten mit Deutschland im allgemeinen und Mensfelden im besonderen nichts mehr zu tun haben. Andere knüpften sogar neue Freundschaften. Inzwischen gibt es, nicht zuletzt durch die Aktivitäten des Arbeitskreises „Spuren Jüdischen Lebens in Hünfelden“, Kontakte zu Nachfahren der meisten jüdischen Familien aus Mensfelden. Die jüdischen Familien, die in der Zeit zwischen 1900 und 1939 in Mensfelden lebten, trugen die Namen Besmann, Dublon, Markus, Rosenberg, Seemann, Stein und Stern. Sie sollen im Folgenden näher vorgestellt werden. Zum einen, weil diese Menschen im Gedächtnis vieler nichtjüdischer Familien aus Mensfelden und Umgebung bis heute eine Rolle spielen, zum anderen, um an ihre Verfolgung im Nationalsozialismus zu erinnern. Besmann, Albrecht „Albert“ & Johanna (geb. Lichtenstein), Lina Liesel, Hans Herbert und Margot Ilse Fahlerstraße 7 / Fahlerstraße 14 Albert Besmann (*7. Februar 1880) entstammte einer alteingesessenen jüdischen Familie in Mensfelden. Er übernahm den Viehhandel seiner Eltern Bernhardt und Regine in der Fahlerstraße 7. Die Familie hatte dort ein Haus mit Scheune, Ställen und großem Garten. Alberts Bruder Hermann (*28. Juni 1894) gründete seinen eigenen Viehhandel in Limburg. 1907 heiratete Albert die aus Selters/Westerwald stammende Johanna Lichtenstein (*19. April 1882). Die beiden bekamen drei Kinder: Lina Liesel (*15. Juli 1908), Hans Herbert (6. Mai 1913) und Margot (*13. Oktober 1923). Sie alle gingen in Mensfelden zur Schule. Die Familie baute ein Haus in der Fahlerstraße 14, das sie jedoch 1936 verkauften und wieder in die Fahlerstraße 7 zogen. 1938 wurde Albert nach den Novemberpogromen verhaftet und für mehrere Wochen nach Buchenwald gebracht. Die Familie verkaufte das Haus weit unter Wert an die Gemeinde Mensfelden, die hier später ihr Rathaus einrichtete. Johanna und Albert zogen schließlich im September 1939 nach Mainz. Dort starb Albert im Januar 1942. Johanna wurde im März 1942 nach Piaski deportiert und anschließend ermordet. Liesel arbeitete nach der Schule in Mensfelden als Hausmädchen. Da sie unverheiratet ein Kind erwartete, wurde sie Mitte Dezember 1928 in das Neu-Isenburger Heim des Jüdischen Frauenbundes aufgenommen. Ihre Tochter Hannelore wurde zur Adoption freigegeben und als Hannelore Marchand später nach Riga deportiert und ermordet. Liesel zog nach dem Aufenthalt in Neu-Isenburg zurück nach Mensfelden. Ihr gelang im März 1939 die Flucht nach England. Hans Herbert stieg 1926 in den elterlichen Viehhandel ein. 1935 wurde er von SS-Männern verhaftet, da die beim „Bund Deutscher Mädel“ (BDM) aktive Tochter eines Nachbarn ihn denunziert hatte. In Limburg verurteilt, kam er zunächst ins Gefängnis in Freiendiez und danach für mehrere Monate nach Opladen, wo er Zwangsarbeit verrichten musste. Nach kurzer Ausbildung im Hachschara Zentrum „Landwerk Neuendorf“ floh er im Mai 1937 nach Argentinien. Er arbeitete zunächst vor allem in deutschsprachigen Hotels. Später lebte er als Viehzüchter im Dorf Colonia Avigdor und starb 1990 in Buenos Aires. Foto: Johanna, Albert und Margot Besmann, Quelle: Paula Oliver, undatiert Margot war das letzte jüdische Kind, das in Mensfelden zur Schule ging. Sie hatte einige nichtjüdische Freundinnen in Mensfelden, mit denen sie auch nach 1933 in engem Kontakt war. Eine ihrer besten Freundinnen berichtete später, dass sie einmal bei den Besmanns zur Silversterfeier eingeladen war. In der Nachbarschaft feierte der „Raue Wurf“, eine Clique, die den Besmanns als überzeugte Nazis gefürchtet war. Als diese Clique immer lauter und betrunkener wurde, schickte Margots Mutter den nichtjüdischen Gast unter Begleitung der ältesten Tochter Liesel nach Hause, damit wenigstens sie in Sicherheit war. Ob in der Nacht etwas passiert ist, wissen wir aber nicht. Nach kurzer Zeit an der Haushaltsschule in Frankfurt, verließ Margot Mensfelden im Juni 1939 und floh nach England. In den 1950er Jahren besuchte sie Mensfelden, wurde jedoch beleidigt oder ignoriert und brach anschließend alle Kontakte ab. Besmann, Salomon & Berta, Adolf „Abo“, Siefried „Siggi“ und Johanna „Hanni“ Sonntagsstraße 5 (heute Hof Sonntagsstraße 15) Salomon Besmanns (* 20. Juni 1874) Vorfahren lebten seit Generationen in Mensfelden. Nach der Schulzeit in Mensfelden erlernte er das Metzgerhandwerk und wurde Viehhändler. Im Sommer 1903 heiratete er Berta Stern (* 10. August 1875) aus Oberbrechen. Sie hatten drei Kinder: Adolf „Abo“ (*07. April 1904), Siegfried „Siggi“ (*27. April 1905) und Johanna „Hanni“ (*23. August 1907). Foto: Hochzeitsfoto von Bertha und Salomon Besmann, Quelle: Ted Besmann, 1903 Das Haus der Besmanns in der Mensfelder Sonntagsstraße war ein beliebter Treffpunkt für Familie, Freunde und Bekannte. Ab 1933 hatte Salomon große Probleme, Käufer für sein Vieh zu finden. Er erinnerte sich später aber ebenso an die Bauern und Händler, die weiterhin fair, wenn auch oft heimlich, mit ihm handelten. Er und Berta verkauften schließlich Wohnhaus, Schlachthaus und (Grund)Besitz und flohen im September 1938 nach Haifa in Palästina. Sie lebten dort im engen Familienkreis. Berta starb 1961, Salomon 1968. Adolf ging mit zehn Jahren auf eine Schule in Marburg. Er lebte und arbeitete in den folgenden Jahren als Händler und Schumacher in Weilburg, Limburg und Friedberg. Anfang der 1930er kehrte er nach Mensfelden zurück, wo er aktiver Fußballer und Musiker war. 1933 floh Abo aufgrund der zunehmenden Diskriminierung von Mensfelden nach Frankreich. Seine Flucht führte ihn über Paris nach Spanien, wo er im Spanischen Bürgerkrieg gegen die Faschisten kämpfte. Zurück in Frankreich, schloss er sich der Fremdenlegion an. Während des Weltkrieges, nach der Kapitulation Frankreichs, musste er in einem Internierungslager des Vichy-Regimes am Rande der Sahara Zwangsarbeit leisten. 1944 kam er, inzwischen als britischer Soldat, nach Palästina, wo er Schwester und Eltern wieder traf. Er führte zwei kinderlose Ehen und starb 1995. Foto: v.l.: Adolf Besmann, Johanna Neuburger (geb. Besmann), Heinrich Neuburger, unbekannte Freundin, Walter Stern & Siegfried Besmann vor dem Haus in der Sonntagsstraße in Mensfelden, Quelle: Yossi Shachar, frühe 1930er Jahre Siegfried stieg nach der Schulzeit als Viehhändler im elterlichen Betrieb ein. Er spielte in Mensfelden Fußball und Theater. Er heiratete Betty Strauß aus Heringen. 1934 zogen die beiden mit Bettys Bruder Gustav nach Chemnitz, wo Siggi Textilien produzierte. Im Novemberpogrom wurde er verhaftet und für mehrere Wochen im KZ Buchenwald interniert. Anschließend konnte er, mit erzwungenen Umwegen, in die USA fliehen, wo seine Frau kurze Zeit nach ihrer Ankunft starb. Siggi heiratete erneut und gründete eine Familie in Tennessee. Er starb 1993. Johanna machte nach der Schule eine Ausbildung zur Krankenschwester in Köln. Sie lernte später ihren Ehemann Heinrich Neuburger aus Bayern kennen. 1934 wurde Tochter Judith geboren. Sie waren noch oft in Mensfelden, bevor sie 1937 nach Palästina flohen. Dort betrieben sie zunächst ein Restaurant. Später arbeitete Hanni wieder als Krankenschwester. Sie starb 1999.4 Dublon, Heinrich & Elise (geb. Stein), Gertrud „Gerda“, Rosa „Rosel“ und Rudolf „Rudi“ Mittelstraße 6 (heute Sonntagsstraße 6) Elise Stein (*14. Februar 1877) aus Mensfelden heiratete im Oktober 1904 den aus Wittlich stammenden Schuhmacher Henrich Dublon (*25. Februar 1877). Die beiden gründeten in einem kleinen Haus in der Mittelstraße 6 eine Familie. Sie hatten drei Kinder: Gertrud „Gerda“ (*11. September 1905), Rosa „Rosel“ (*19. Mai 1908) und Rudolf „Rudi“ (*12. März 1911). Die Kinder waren in Mensfelden und im Umkreis gut vernetzt. Die Familie gehörte zu den ärmsten in Mensfelden, ihre Situation verschlechtere sich nach 1933 noch. Heinrich und Elise flohen im Juni 1939 nach Frankfurt. Sie mussten Haus und Habseligkeiten verkaufen. Im Oktober 1941 wurden sie von Frankfurt nach Lodz/Litzmannstadt deportiert und ermordet. Gertrud heiratete Salomon „Sally“ Strauß aus dem benachbarten Heringen. Ihre Tochter Beate wurde am 6. September 1936 im Kirberger Krankenhaus geboren. Aufgrund der Verfolgung hatte Gerdas Ehemann Sally häufiger Zusammenbrüche. Er wurde nach den Novemberpogromen 1938 verhaftet und nach Buchenwald verschleppt. Gerda und ihre dreijährige Tochter wurden für einige Tage zusammen mit anderen jüdischen Frauen und Mädchen im Limburger Gerichtsgefängnis festgehalten. Im Juni 1939 gelang ihnen die Flucht nach Frankfurt. Von dort wurde die kleine Familie im Oktober 1941 in das Ghetto Lodz/Litzmannstadt deportiert und anschließend ermordet. Sie hatte zuvor noch Hoffnung, aus Deutschland fliehen zu können und gaben regelmäßig etwas von ihrem knappen Geld für Englischunterricht aus. Foto: Passfotos von Rosa und Rudolf Dublon aus den Einbürgerungsakten, Quelle: National Archives USA, 1937 & 1939 Rosa arbeitete nach der Schule als Haushälterin bei Albert Rieser, einem jüdischen Ladenbesitzer in Limburg. Bis 1935 arbeitete sie in verschiedenen Haushalten in Frankfurt oder Bad Soden. Als sie aufgrund steigender Repression arbeitslos wurde, gelang ihr die Flucht nach England, von wo sie 1937 in die USA floh. 1940 heiratete sie dort Robert Wieseneck. Bis zu ihrem Tod 1985 hatte sie immer wieder Kontakt zu alten Freundinnen wie Minna Klengel in Mensfelden. Rudolf Dublon absolvierte nach der Schule von 1925 bis 1928 eine Kaufmannslehre bei Fritz Oppenheimer in Limburg. Anschließend arbeitete er im Geschäft von Hermann Rosenthal, ebenfalls in Limburg. Zwischen 1930 und 1933 war er als Geschäftsreisender bei seinem Onkel Hermann Stein in Mensfelden beschäftigt. Die Arbeit wurde ihm durch zunehmende Anfeindungen unmöglich. Rudolf Dublon konnte beim nichtjüdischen Nachbarn Karl Wilhelm Müller arbeiten. Er floh im Dezember 1935 nach Palästina. Dort angekommen, gelang ihm keine Geschäftsgründung. Zusätzlich setzte ihm das Klima zu. Mit Unterstützung seiner Schwester Rosa, gelang ihm schließlich die Flucht in die USA. Dort lebte er bis zu seinem Tod im Jahr 1991. Markus, Rosa (Röschen) & Jette (Jettchen) Laistraße 16 (heute Sonntagsstraße 38) Die ledigen Schwestern Rosa (*24. August 1857) und Jette (*15. August 1848) Markus stammten aus einer Familie, die schon lange in Mensfelden sesshaft war. Sie wurden im Dorf auch Röschen und Jettchen genannt. Über die beiden ist nur wenig bekannt. Rosa arbeitete wohl zeitweise als Köchin. Die beiden sind auf einem Foto zu sehen, das Anfang des 20. Jh. in einem Hof in der Nachbarschaft aufgenommen wurde. Rosa starb am 9. April 1924. Jettes Sterbedatum ist nicht bekannt. Im Keller des Hauses der Familie hatte sich vermutlich bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts ein rituelles Tauchbad befunden. Denkmalpflegerische Untersuchungen dazu hat es bisher noch keine gegeben. Foto: Rosa und Jette Markus ganz rechts, Quelle: Sammlung Markus Streb, um 1911 Rosenberg, Amalie & Jettchen Sonntagsstraße 3 (heutiges Grundstück Sonntagsstraße 12) Amalie Rosenberg (*23. März 1858) wurde als Tochter von Gutche und Aron Rosenberg in Mensfelden geboren. Im Dorf war sie später als „Male“ oder „Jurre-Male“ bekannt. Sie hatte noch zwei Schwestern. Johanna, genannt Hannchen, wanderte um 1900 nach New York aus. Amalie lebte mit ihrer ebenfalls ledig gebliebenen Schwester Jettchen in einem kleinen, leicht erhöht gelegenen Häuschen in der Sonntagsstraße 3. Das Haus verfügte über keinen Wasseranschluss oder Brunnen und war über die Jahre stark heruntergekommen. Jettchen starb dort 1919 im Alter von 55 Jahren. Die beiden Rosenberg Schwestern hatten in ärmlichen Verhältnissen gelebt und hielten sich mit Kleinhandel und der Unterstützung ihrer Mitmenschen finanziell über Wasser. Seit Beginn der 1930er Jahre lebte Amalie oft bei Verwandten ihrer Mutter in Braunfels bei Wetzlar. Sie war immer wieder in Mensfelden und bekam so auch mit, wie judenfeindliche Stimmung und Angriffe hier zunahmen. Bei einem ihrer Aufenthalte in Mensfelden starb Amalie Rosenberg am 23. Oktober 1936 im Alter von 78 Jahren, vermutlich an Altersschwäche. Am Trauerzug nahmen jüdische wie auch nichtjüdische Personen teil. Seemann, Israel „Isidor“ & Amalie, Minna und Arthur Neustraße 12 (heute Hehnerstraße 12) Im Jahr 1895 heirateten Israel Seemann (*09. Januar 1866) aus Daisbach und Amalie Rosenberg (*18. Februar 1866) aus Mensfelden. Sie bewohnten ein Haus in der Mensfelder Neustraße 12 (heute Hehnerstraße 12, 1933-1945 Adolf-Hitler-Straße 12). Israel, genannt Isidor, war Viehhändler und Schochet (koscherer Metzger) der jüdischen Gemeinde. Amalie verkaufte Manufakturwaren. Die beiden hatten zwei Kinder: Minna (*15. Mai 1896) und Arthur (*30. November 1899). Israel und Amalie wurden während des Novemberpogroms in Mensfelden schwer misshandelt. Schulkinder und andere Schaulustige aus Mensfelden drangen anschließend in das verwüstete Haus ein. Als letztes jüdisches Ehepaar verließen die beiden im November 1939 Mensfelden und zogen in ein Altersheim in Frankfurt. Im Juli 1940 nahm sich Amalie dort das Leben. Im August 1942 wurde Israel von Frankfurt in das Vernichtungslager Treblinka verschleppt und dort ermordet. Foto: Israel und Amalie Seemann im Hof in Mensfelden, Quelle: Sammlung Markus Streb, späte 1930er Jahre Minna meldete sich im Oktober 1919 nach Laufenselden ab. Sie war mit dem dort lebenden Viehhändler Max Löwenstein verheiratet und gründete mit ihm eine Familie mit drei Kindern: Elsbeth, Hannelore und Kurt. Minna besuchte Mensfelden häufig mit ihren Kindern. Im Zusammenhang mit einem Gerichtsprozess gegen ihn, nahm sich Ehemann Max im Oktober 1935 das Leben bzw. wurde er möglicherweise auch erschossen. Die Familie flüchtete anschließend nach Frankfurt, wo Minna mit Hilfe ihrer Tochter Elsbeth Haushälterin wurde. Kurt und Hannelore lebten in jüdischen Waisenhäusern und wurden schließlich in die Niederlande gebracht. Minna wurde nach Theresienstadt deportiert und anschließend ermordet. Minnas Tochter Elsbeth gelang Anfang 1940 die Flucht in die USA. Sohn Kurt gelangte nach einer Zeit auf der Flucht und im Versteck in den Niederlanden nach Palästina. Tochter Hannelore wurde in Sobibor ermordet. Arthur hatte sich am 14. Oktober 1924 nach Guntersblum abgemeldet, wo er mit seiner Ehefrau Elisabeth Else (geb. David) im Jahr 1929 eine Tochter namens Inge bekam. Er arbeitete als Viehhändler und Weinkommissionär. Nach Haft und schweren Misshandlungen durch die Gestapo in Oppenheim im Oktober 1933, floh die Familie nach kurzem Aufenthalt in Frankfurt 1936/37 in die USA. Arthur lebte bis zu seinem Tod im August 1971 in Hartford, Connecticut und war stets in Kontakt mit ehemaligen jüdischen Mensfelderinnen und Mensfeldern. Stein, Hermann & Lina „Minna“ (geb. Kaufmann), Max und Manfred Laistraße 10 (heute Sonntagsstraße 32) Hermann Stein (*12. Oktober 1878), der aus einer alteingesessenen jüdischen Mensfelder Familie kam, heiratete im August 1906 die aus Hellstein stammende Lina „Minna“ Kaufmann (*30. Mai 1883). Die beiden gründeten anschließend eine Familie in Mensfelden und betrieben in der Laistraße ein Manufakturwarengeschäft und vertrieben selbstgefertigte Textilien. Sie hatten zwei Söhne, Max (*18. Mai 1907) und Manfred „Fred“ (*11. Januar 1911). Mit dem Beginn der Nazi-Herrschaft wird das Geschäft der Familie zunehmend boykottiert. Familie Stein wurde mehrfach Ziel antisemitischer Angriffe. Im November 1934 beispielsweise warf der Mensfelder Karl Kees mit Steinen Fenster ein. Am 19. Oktober 1938, also nur wenige Wochen vor den Novemberpogromen, gelang es dem Ehepaar in die USA zu fliehen. Insbesondere mit Minna Klengel, die das Haus der Familie gekauft hatte, blieben sie in freundschaftlichem Kontakt. Hermann Stein starb im Dezember 1961. Minna überlebte ihren Mann. Max Stein wanderte nach dem Schulabschluss und einer Kaufmannslehre im Sommer 1927 in die USA aus. Über seine genauen Beweggründe ist nichts bekannt. Er lebte zunächst bei der Schwester seiner Mutter, Rika Lammel. Er arbeitete als Buchhalter. Bei einem Besuch in Mensfelden im Mai 1935 werden er und sein Bruder vom Mensfelder Karl Brummer angegriffen und beleidigt. Da er seit 1929 US-Staatsbürger war, kam es zu einer Verhandlung und immerhin symbolischer Verurteilung des Angreifers. 1959 kam Max mit seiner Frau und Sohn Kenneth nach Mensfelden, um alte Freunde zu besuchen. Manfred Stein besuchte nach vier Jahren Schule in Mensfelden das Limburger Gymnasium. Anschließend arbeitete er als Kaufmann. Er spielte in Mensfelden Theater. Manfred war Vorsitzender des Jüdischen Jugendbunds „Aar“, in dem 1935 mehr als 50 junge Erwachsene aus zahlreichen Dörfern zwischen Wiesbaden und Westerwald aktiv waren. Im Israelitischen Familienblatt hieß es im Februar 1935 über ihn: „Der Leiter des Bundes Manfred Stein (Mensfelden) hat es verstanden, eine wirklich neue und ganz besonders wertvolle Form der Kleingemeindenarbeit zu verwirklichen.“ Die Polizei in Limburg hatte 1935 Listen von allen jüdischen Organisationen im Umkreis angefordert. Manfred Stein löste den Jugendbund im September 1935 auf, unmittelbar nachdem er aufgefordert wurde, eine Mitgliederliste zu erstellen. Er weigerte sich außerdem, die Geburtsdaten der Mitglieder aufzulisten. Kurz darauf, im Oktober 1935, konnte Manfred in die USA fliehen. Er lebte in Hartford/Connecticut und gründete dort mit seiner Ehefrau Ilse Leopold eine Familie, sowie in den 1950er Jahren eine Bau- und Immobilienfirma. Er starb im Mai 1991. Foto: Max, Manfred, Minna & Hermann Stein im Hof in Mensfelden, Quelle: Sammlung Doris Cohen, vermutlich 1935 Stein, Jakob & Lina (geb. Burg), Mathilde und Max Schwerzstraße 9 (heute Schwerzstraße 10) Der in Mensfelden geborene Schuhmacher Jakob Stein (*03. September 1861) war im Dorf als „Juddejakob“ oder „Jurrejakob“ bekannt. Am 14. März 1891 heiratete er die aus Fischelbach stammende Lina Burg (*02. Mai 1864). Die beiden hatten zwei Kinder, Mathilde (*24. Februar 1892) und Max (*25. März 1894). Die Familie lebte in ärmlichen Verhältnissen. Lina musste zusätzlich zum Geschäft des Mannes gelegentlich Kurz- und Manufakturwaren verkaufen. Sie waren auf Unterstützung der Nachbarschaft und der jüdischen Gemeinde angewiesen. Ihre Situation verschlimmerte sich während der NS-Herrschaft noch mehr. Manche nichtjüdische Nachbarinnen und Nachbarn übergaben dem alten jüdischen Ehepaar heimlich Essen im Garten. Während der Pogromnacht wurden sie misshandelt. Sie meldeten sich im März 1939 nach Frankfurt ab, zogen allerdings erst im Herbst des Jahres dorthin. Jakob Stein starb nach längerer Krankheit am 20. November 1940 im Krankenhaus der Israelitischen Gemeinde in Frankfurt, vermutlich an Speiseröhrenkrebs. Lina wurde am 15. September 1942 nach Theresienstadt deportiert und dort am 31. März 1943 ermordet. Zeichnung: Das Hauses von Familie Stein in der Schwerzstraße, Quelle: Herbert Wittgen, 1950er Jahre Mathilde arbeitete nach der Schule als Dienstmagd in Frankfurt . Ende 1919 zog sie von Mensfelden nach Kettenbach, um mit Wilhelm / Wolf „Willi“ Grünebaum eine Familie zu gründen. Sie hatten zwei Kinder: Celia „Zilli“ Grünebaum (*1920) und Manfred Grünebaum (*1923). Beiden konnten im Sommer 1939 auswandern. Mathilde wurde im Mai 1942 nach Isbica deportiert und ermordet. Max Stein machte nach der Schule und seiner Zeit als Soldat im 1. Weltkrieg eine Ausbildung als Polsterer. 1920 machte er sich in Mensfelden selbstständig. Nach der Hochzeit mit Irma Nathan verlegte er Geschäft und Wohnsitz nach Nastätten im Taunus. Infolge schwerer Misshandlungen während der Novemberpogrome zogen sie nach Frankfurt. Die beiden wurden am 19. Oktober 1941 von dort nach Lodz/Litzmannstadt deportiert, nachdem die NS-Behörden seine bereits geplante Ausreise verhindert hatten. Max Stein starb am 30. Juli 1942 im Ghetto von Lodz/Litzmannstadt, angeblich an Herzmuskelschwäche. Er hatte keine Nachkommen. Stern, Josef & Elisabeth „Betty“ (geb. Mayer) und Walter Kirchstraße 12 Der aus Oberbrechen stammende Josef Stern (*30. August 1881) war nach seiner Schulzeit in Mensfelden Lehrling bei seinem Schwager Salomon Besmann in Mensfelden. Anschließend betrieb er ein Metzgergeschäft bei Wiesbaden. Er heiratete dort die aus Ober-Olm stammende Elisabeth Mayer (*17. Mai 1881). Kurz nach der Geburt von Sohn Walter (*11. Februar 1915) musste Josef an die Front. Nach dem 1. Weltkrieg bezog die junge Familie zuerst einen kleinen Raum, dann ein eigenes Haus in der Kirchstraße in Mensfelden. Josef war Viehhändler und Elisabeth bot Stoffe und Textilien als Hausiererin an. Unmittelbar nach Beginn der NS-Herrschaft wurde Elisabeth vom damaligen Ortsgruppenleiter Adolf Crecelius denunziert. Walter Stern erinnerte sich später: „Auch das Geschäft meines Vaters ging nach und nach ein, da niemand mehr wagte, mit Juden Geschäfte zu machen“. Im September 1939 meldeten sich die Sterns nach Mainz ab. Sie schrieben an ihren Sohn in Palästina: „Der Abschied von Mensfelden ist uns nicht schwer gefallen“. Elisabeth und Josef Stern wurden am 24. März 1942 von Mainz nach Piaski deportiert und anschließend ermordet. Walter Stern ging in Mensfelden und anschließend in Limburg zur Schule. Von 1931 bis 1934 war er Lehrling im Kaufhaus S. Blumenthal und Co. in Wiesbaden. Aufgrund der „Arisierung“ des Geschäfts wurde ihm gekündigt und er blieb bis zu seiner Flucht im August 1936 im Elternhaus in Mensfelden. In Palästina angekommen, arbeitete er zunächst in einem Kuhstall bei Tel Aviv. Nach kurzer Militärzeit, kam er 1937 nach Haifa und verkaufte Milch an Privathaushalte. Zuerst mit dem Fahrrad, später mit dem Motorrad. Er heiratete 1941 Irmgard Perl und gründete mit ihr eine Familie. Walter Stern weigerte sich zeitlebens, deutsche Produkte zu kaufen und war auch nie wieder in Deutschland. Er stand aber im Austausch mit Lokalforschern aus Hünfelden und Oberbrechen. Walter Stern starb Anfang 2005.5 Foto: Josef und Elisabeth Stern, Quelle: Sammlung Yossi Shachar, undatiert Betraum Spätestens seit Anfang der 1910er Jahre hatten sich Jüdinnen und Juden in Mensfelden in angemieteten Räumen im ersten Stock des Hauses einer nichtjüdischen Familie an der Ecke der Laistraße (heute Sonntagsstraße) und der Fahlerstraße für Gottesdienste und Versammlungen getroffen. Bekannt war diese Einrichtung als Betraum oder Synagoge. Im Dorf wurde das Eckhaus auch „Ecke Haus“ genannt. Heute befindet sich dort ein Garten. Einer nichtjüdischen Mensfelderin sind bei einem Interview im Jahr 2014 besonders die durch das Fenster sichtbaren betenden und singenden Männer im Gedächtnis geblieben. In den 1930er Jahren – vielleicht aber auch schon vorher – machten nichtjüdische Kinder immer wieder Katzenlaute unter den Fenstern, um die Gebete und Gesänge der jüdischen Gottesdienste zu imitieren und/oder zu verspotten. Joseph Stern schrieb am 6. Oktober 1938 an seinen Sohn Walter in Haifa: „Heute morgen haben [wir] die Mensfelder Synagoge endgültig aufgegeben und geräumt.“ Die Räume wurden folglich im Novemberpogrom nicht verwüstet. Foto: Der Betraum der jüdischen Gemeinde befand sich im 1. OG des Hauses, Quelle: Sammlung Walter Kees, nach 1945 Antisemitismus Durch den Aufstieg des Nationalsozialismus wurden antisemitische Stimmen zunehmend lauter. Bei einer der ersten Versammlungen der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) in Mensfelden am 10. Oktober 1930 waren 150-200 Personen anwesend und hörten, wie der Mensfelder Landwirt Albert Schumann unter anderem über die „Judenfrage“ sprach. Im November 1932 entfielen in Mensfelden 76,6% der Stimmen auf die NSDAP. Für Jüdinnen und Juden veränderte sich der Alltag in diesen Jahren spürbar. Im Folgenden werden einige der Vorfälle geschildert, für die es Belege in historischen Dokumenten gibt. Die Zahl der Demütigungen und Angriffe ist vermutlich noch viel höher gewesen. Anfang 1933 stimmten die langjährigen Mitmusiker Adolf Besmanns im Mensfelder Mandolinenclub bei einer Probe ein bekanntes Lied der Nazis an. Dies veranlasste ihn dazu, schon im Juni 1933 nach Frankreich zu fliehen. Im Juni 1933 hatte Adolf Crecelius, Ortsgruppenleiter der NSDAP in Mensfelden, Betty Stern denunziert, weil sie angeblich ohne Gewerbeschein Handel trieb. Im Laufe der 1930er Jahre versuchte Crecelius immer wieder, einzelnen Jüdinnen und Juden zu schaden, indem er sie den Behörden meldete. Im November 1934 warf Karl Kees, Mitglied der Sturmabteilung (SA), mehrere Fensterscheiben im Haus von Hermann, Minna und Manfred Stein in Mensfelden ein. Die Brüder Max und Manfred Stein wurden im Mai 1935 von SA-Mann Karl Brummer in der Nähe der Mensfelder Gaststätte Zum Zollhaus angegriffen und beleidigt. Im gleichen Jahr fand Manfred Stein den jüdischen Religionslehrer Julius Isaak aus Limburg im Straßengraben zwischen Linter und Mensfelden. Dieser war von SA-Leuten angegriffen und am Kopf schwer verletzt worden. Im Sommer 1935 wurde Hans Herbert Besmann aus Mensfelden nach einer Denunziation aus der Nachbarschaft verhaftet, ohne Verhandlung für mehrere Monate in verschiedenen Gefängnissen festgehalten und zur Flucht ins Ausland genötigt. Auch in den umliegenden Orten kam es zu zahlreichen antisemitischen Übergriffen. Ihren vorläufigen traurigen Höhepunkt fand die Judenfeindschaft im Novemberpogrom 1938, der sogenannten Reichspogromnacht. Auch in Mensfelden wurden die verbliebenen Jüdinnen und Juden angegriffen, beleidigt und erniedrigt. Sie wurden im Gasthaus Klapper zusammengetrieben. Anschließend transportierte man die unter 60jährigen Männer über Limburg und Frankfurt in das Konzentrationslager Buchenwald. Einige der Frauen und Mädchen, darunter Gerda Strauß (geb. Dublon) mit ihrer dreijährigen Tochter Beate, brachte man für eine Nacht ins Gefängnis. Die Häuser wurden verwüstet und geplündert. An den Taten beteiligt waren neben dem Bürgermeister Helfrich, dem Ortsgruppenleiter Crecelius und Mensfelder Bürgerinnen und Bürgern, auch zahlreiche Mitglieder von SS und SA aus anderen Ortschaften. Mitglieder nationalsozialistischer Organisationen aus Mensfelden waren an den Ausschreitungen in anderen Orten beteiligt. Widerspruch gegen die Aktionen äußerten wohl nur sehr wenige, aus Angst oder aus Überzeugung. Nach mehreren Wochen in Buchenwald wurden die jüdischen Männer entlassen und erhielten die Auflage, Deutschland so schnell es geht zu verlassen. Albert Besmann beispielsweise musste sich im folgenden zweimal wöchentlich beim Bürgermeister melden und über den Fortschritt seiner Auswanderungsbemühungen berichten. Den meisten, die sich nach den Novemberpogromen noch in Deutschland befanden, gelang die Flucht ins Ausland nicht mehr. Auf sie warteten weitere Diskriminierung, Entrechtung, Zwangsarbeit und schließlich Selbstmord oder Vernichtung. Nachkriegszeit: Rückerstattung, Entschädigung und Besuche Die ehemaligen Mensfelder Jüdinnen und Juden, die rechtzeitig fliehen konnten und überlebten, hatten nach dem Krieg vor allem im Zusammenhang mit sogenannten Rückerstattungsverfahren und Entschädigungsanträgen mit ihrem alten Heimatort zu tun. Körperliche und psychische Probleme in Folge der NS-Zeit, Alter oder Sprachbarrieren erschwerten oft die Erwerbsmöglichkeiten der Überlebenden im Exil. Finanzielle Unterstützung aus Deutschland war für viele dringend notwendig. Andere lehnten diese kategorisch ab. Rückerstattungsverfahren wurden automatisch für die Häuser und Grundstücke eingeleitet, die sich in jüdischem Besitz befunden hatten. Es wurde geprüft, unter welchen Bedingungen und zu welchen Preisen die Grundstücke die Besitzer wechselten. Keine jüdische Familie wollte nach Mensfelden zurückkehren, oder alten Besitz wiedererlangen. In den meisten Fällen kam es zu einer nachträglichen Zahlung an die jüdischen Familien bzw. zu Vergleichen, um die unter dem Verfolgungsdruck und der Ausnutzung der Notsituation zustande gekommenen Kaufpreise aus der NS-Zeit ein wenig zu kompensieren. Manche Anträge wurden wegen der Geringfügigkeit des Objekts zurückgezogen, in anderen Fällen versicherten die Jüdinnen und Juden, dass die Verkäufe in der Nazi-Zeit einvernehmlich und mitunter freundschaftlich getätigt wurden. Bis Mitte der 1950er Jahre waren diese Verfahren in Mensfelden abgeschlossen und die Eigentums- und Zahlungsverhältnisse geklärt. Die genauen Kaufbeträge und Nachzahlungen sind u.a. im Hessischen Hauptstaatsarchiv in Wiesbaden dokumentiert. Langwieriger gestalteten sich die Entschädigungsverfahren. Jüdinnen und Juden aus Mensfelden stellten Entschädigungsanträge für sich selbst oder ermordete Familienmitglieder. Diese sollten bspw. den Verlust von Vermögen, Erwerbsmöglichkeiten oder Schaden an der Gesundheit entschädigen. Die Verfahren konnten sich oft über viele Jahre ziehen. Sie waren ein Anlass für die Vertriebenen, aus dem Exil mit ehemaligen Bekannten und der Verwaltung in Mensfelden zu kommunizieren. Die Entschädigungsbehörden verlangten vor allem in den 1950er Jahren immer wieder Auskünfte vom Mensfelder Bürgermeister über die Lebens- und Vermögensverhältnisse der jüdischen Familien. Dieser korrigierte die Angaben der jüdischen Überlebenden vereinzelt zu ihrem Nachteil oder verzögerte die Verfahren. Die meisten Antragsteller und Antragstellerinnen aus Mensfelden erhielten geringe Einmalzahlungen, nur selten konnten kleinere Renten erstritten werden, wie im Fall von Familie Stein aus der Laistraße oder Familie Besmann aus der Sonntagsstraße. In der Zeit nach dem Holocaust und Krieg kam es immer wieder zu Besuchen ehemaliger Mensfelder Jüdinnen und Juden in ihrer alten Heimat. Teilweise fanden diese Besuche mit den neu gegründeten Familien statt, teils kamen die Überlebenden alleine. Für manche endeten diese Besuche in Enttäuschung und führten zum Kontaktabbruch. Andere hielten alte Freundschaften aufrecht, oder schlossen sogar neue Bekanntschaften. Viel seltener waren Besuche von nichtjüdischen Mensfelderinnen und Mensfeldern Jüdinnen und Juden aus Mensfelden in Israel oder den USA. Inzwischen bestehen, wie bereits erwähnt, durch den Arbeitskreis „Spuren Jüdischen Lebens in Hünfelden“, Kontakte zu Nachfahren jüdischer Familien aus Mensfelden. Im März 2025 besuchten Angehörige der Familie von Bertha und Salomon Besmann die erste Stolpersteinverlegung in Mensfelden. für weitere Informationen zur jüdischen Geschichte der Dörfer des heutigen Hünfeldens, siehe auch: Kurt Nigratschka (Hg.), Kirberg. Einst und Jetzt, Kirberg (Selbstverlag) 2004; Heckelmann, Gerhard: Die letzten Mitglieder der Jüdischen Kultusgemeinde Dauborn, (Selbstverlag) Dauborn 1995.↩︎ siehe auch: Streb, Markus: Der jüdische Friedhof zwischen Kirberg und Dauborn, in: Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Limburg e.V. (Hrsg.): Jüdische Friedhöfe im Kreis Limburg-Weilburg. Eine Aufsatzsammlung, Limburg: Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Limburg e.V. 2021, S. 113–121.↩︎ siehe auch: Streb, Markus: Die Synagoge in Kirberg und die Beträume in Heringen und Mensfelden, in: Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Limburg e. V. (Hrsg.): Die Synagogen im Nassauer Land. Jüdische Kultstätten in den Kreisen Limburg-Weilburg, Rhein-Lahn und Westerwald. Eine Aufsatzsammlung, Limburg: Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Limburg e.V. 2022, S. 133–143.↩︎ siehe auch: Streb, Markus: Von Mensfelden nach Naharija. Das bewegte Leben des Adolf Besmann, in: Schmidt, Karina: Nassauische Annalen. Jahrbuch des Vereins für nassauische Altertumskunde und Geschichtsforschung. Band 127, Neustadt a.d. Aisch: VDS 2016, S. 301–316; Streb, Markus; Klaus, Josefine: Story Map: From Mensfelden to Nahariya. The eventful life of Adolf „Abo“ Besmann, 2020. [online unter: https://storymaps.arcgis.com/stories/494179fef9794d07b27a67cc170cfb9e].↩︎ siehe auch: Streb, Markus: „Der Abschied von Mensfelden ist uns nicht schwer gefallen“ Briefe von Betty und Joseph Stern 1938-1939, in: Rundbrief der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit Limburg e.V. 1/2021 (2021), 16–20; Heckelmann, Gerhard: Die Geschichte von Walter und Irmgard Stern, (Selbstverlag) Dauborn 2008.↩︎ Die Spinnstube ✍ Autor(en): Walter Schwenk (1975) Die alte Spinnstube, wo man mit dem Spinnrad im nachbarlichen oder kameradschaftlichen Kreise in den Wintermonaten sich zusammenfand, ging Anfang des 20. Jh. zu Ende. Bis dahin war es Brauch, dass die Nachbarn, so auch die Mädchen ab 15 Jahren, abends mit ihren Spinnrädern bei ihren Nachbarinnen oder Schulkameradinnen zusammenkamen die Wolle spannen. Jede Woche war in einem anderen Haus Spinnstube bis die durch war, dann ging es wieder von vorne an. Bei spärlichem Petroleumlicht, und flackerndem Ofenfeuer saßen sie in froher Runde und ließen ihre Spinnräder surren. Auf ihrem Schoße lag die gezupfte Wolle, die mit den Fingern fein auseinander gezogen wurde, damit sie durch die des Spinnrades ging, und durch die Umdrehung bis auf die Spule zu einem Faden und von derselben aufgenommen wurde. Das Rad wurde durch die Fußpedale welche von dem rechten Fuß getreten wurde, in Gang gesetzt. Bei den nachbarlichen Zusammenkünften waren meistens auch die Männer dabei, sie zupften ihren Frauen die Wolle, auch gab es welche, die Strümpfe strickten. Ich kann mir gut vorstellen, dass das Arbeitstempo nicht immer so planmäßig ablief. Es wurde auch manche Pause eingelegt, wo die Männer auf der Ofenbank saßen, und die Frauen mit ihren Stühlen um das flackernde Ofenfeuer zusammenrückten und ein Schwätzchen machten. Bei besonderen Anlässen wurde auch mal ein Schnaps getrunken, im übrigen begnügte man Sich mit einem Apfel, den man vorher erst auf die Ofenplatte legte und anbraten ließ. Von dem Spinnen bis zum Stricken gab es noch einige Arbeitsvorgänge; wenn die Spule voll war, wurde das Garn auf eine Haspel aufgehaspelt und anschließend wieder zu einem Knäuel aufgewickelt. Damals gab es noch viele arme Leute, besonders Frauen, die früh ihren Mann verloren hatten und sich kärglich mit ihren Kindern durchs Leben schlagen mussten. Sie haben viel für andere Wolle gesponnen und Strümpfe gestrickt, wofür sie meistens Naturallohn (Lebensmittel) erhielten. Daher dürfte auch die alte Volksweisheit stammen Spinnen am morgen, bringt Kummer Sorgen, was oft mit der lebenden Spinne verwechselt wurde. Auf dem Lande gab es nur wenige, die den Wohlstand genossen. So waren sie von jeher gehalten für den größten Teil ihrer aufzukommen, indem sie Flachs anbauten und Schafe hielten. Es lag was Urgemütliches darin, die Zeit nicht zu überrennen, was uns leider heute fehlt. In den Spinnstuben der Jugend ging es dagegen etwas lustiger zu. Die einzelnen Schuljahrgänge fanden sich abends in einer Wohnung zusammen, wobei man von Woche zu Woche zu einer andern wechselte. Auch die jungen Burschen, die mit ihren Schulkameraden zusammen gingen, fehlten nicht dabei. Es wurde gesungen und gescherzt, dabei bändelte sich auch vielmals ein Liebesverhältnis an, woraus dann mit der Zeit ein festes Verhältnis wurde. Es ist aber auch vorgekommen, dass Burschen aus verschiedenen Kameradschaften an den Mädchen des einen Jahrgangs Interesse hatten, was oft zu Streitereien führte, wobei es manchmal ziemlich hart zuging. Um die Stimmung zu heben, legten die Burschen zusammen, jeder so 10-15 Pfennig und holten dafür Schnaps. In ein kleines Schnapsgläschen wurde ausgeschenkt, das dann die Runde machte, die Mädchen nippten nur leicht daran, wogegen die Burschen sich als ganze Kerle zeigen wollten und es auskippten. Die Stimmung hob sich, ein Volkslied nach dem andern wurde gesungen, doch bevor der Nachtwächter die elfte Stunde ankündigte, ging es eilig nach Hause. Einige begleiteten noch ihr Schätzchen heimwärts, die andern verloren sich in froher Laune in ihren Gassen. Die Mädchen und Burschen, die eine Stelle im Dorf als Mägde oder Knechte oder als Lehrlinge und Gesellen fanden, schlossen sich einer Gesellschaft bzw. Kameradschaft an und gehörten somit dazu. Die Bediensteten wechselten ihre Stelle (Arbeitgeber) meistens nur am Wandertag (das war der Tag nach Weihnachten), dann war die ganze Kameradschaft dabei, die Kiste rücken zu helfen, d. h. die Kleidungskiste von der alten zur neuen Stelle zu tragen. Zogen sie in ein anderes Dorf um, wurde der Umzug mit dem Wagen vorgenommen, dafür musste der Umzügler eine Lage Schnaps spendieren, damit wurde der Abschied leicht gemacht und die Stimmung gehoben. Mit dem Winter endete auch die Spinnstube. In den Wochentagen war dann wenig los, außer, dass die Burschen ihre Vereinsabende besuchten. Man freute sich dann schon auf den Sonntag, wo dann am Sonntagabend die Mädchen und die Burschen sich wieder kameradschaftlich zusammenfanden. Es war so Brauch, dass man die Mädchen, bei denen man die Spinnstuben verlebte, auch einlud, mit aufs Zollhaus zu gehen. Vorweg die Mädchen Arm in Arm und dahinter die Burschen. So zog dann eine Kameradschaft nach der anderen auf das Zollhaus. Hier saß man an langen Tisch beisammen, die Burschen spendierten den Mädchen ein Bier, wogegen die Burschen, soweit sie Geld hatten, eins mehr tranken. Bei fröhlicher Stimmung und Gesang verbrachte man den Abend. So gegen elf Uhr ging es wieder mit Singen dem Dorfe zu. Auch bei Feiertagen und Kirmes hielt man an dem alten Brauch fest, kameradschaftlich mit den Mädchen zusammen zu sitzen, und mit all den Mädchen, die man gut kannte, einen Pflichttanz abzustatten. Trotzdem die alte Spinnstube mit dem Spinnrad nicht mehr war, blieb dennoch bis vor dem zweiten Weltkrieg die Spinnstube erhalten, nur mit dem Unterschied, dass die Mädchen in den Wintermonaten nicht mehr mit dem Spinnrad sondern mit dem Strickstrumpf oder Häkelkasten, kamen, um die alte Tradition des Zusammenseins zu pflegen. Mit dem zweiten Weltkrieg ging dieser schöne Brauch zu Ende und ist danach nicht wieder aufgelebt. So wie sich die Spinnstuben auflösten, ging auch das kameradschaftliche Beisammensein verloren. Heute pflegt jeder auf seine Weise noch die Kameradschaft zu erhalten, die aber bei weitem nicht mehr das bedeutet, - was einst war. Die Mädchengruppe ✍ Autor(en): Hans-Gerhard Beier (2025)\\Helga Dietrich (2025)\\Irmgard Schmidt (2025) Mädchengruppe Mensfelden mit Frl. Enni Stückrath - Ausflug nach Rothenburg ob der Tauber - Juli 1933 Paula Zollmann (verh. Wittgen, Staffel) Lina Schwenk (verh. Zollmann) „Adolfs“ Minna Klapper (verh. Dietrich) Minna Lieber (verh. Klengel) „Volke“ Emma Werner (Dauborn, Schwester von Berta Werner Lieselotte Lieber (Cousine v. Hedwig Schmidt, geb. Reh, Vater - Lehrer in Freiendiez) Hildegard Zollmann (verh. Schumann) Lina Frickhöfer (verh. Schwenk) „Fahlerhelfrichs“ Hilda Völker (verh. m. Aug. Schumann, Pfr.) „Daniels“ Bekannte v. Ehepaar Stückrath aus Freiendiez Wilhelmine Schumacher (ledig) Frau Stückrath (Frau des Lehrers) Luise Röth (verh. Schwenk) “Andrese“ Elisabeth Werner (verh. Kees, später i. LM, Holzheimer Straße) Martha Winter (verh. m. Willi Lieber) Elisabeth Hofmann (?) Minna Müller (verh. Deußer) „Neuwirths“ Emmi Völker (verh. Schumann) „Luis“ Hilda Völker (verh. Schwenk)„Hatzmanns“ Emma Schwenk (ledig) („Hohlers“) Fräulein Enni Stückrath (Schwester des Lehrers) Elisabeth Deußer (verh. Lieber) „Kiefers“ Berta Werner (verh. Weber) „Vollmers“ Frieda Schwenk (verh. Deis) „Sette-Friede“ Hedwig Reh (verh. Schmidt) „Schmidts“ Lina Lanz (verh. Crecelius) „Lanze“ Berta Lanz (verh. Dielmann) „Volke“ Emilie Schmidt (verh. Crecelius) „Hofegourte“ Elisabeth Völker (verh. Schwenk „Pfeiffers“ Hedwig Höpp (verh. Ohl) „Hepps“ Hedwig Höpp (verh. Ohl) „Hepps“ Ein Teil der Gruppe trägt Schnürkleider- hellblau - Bluse auf Rock aufgenäht - abgeleitet von einer alten Mensfelder Tracht, ein anderer Teil trägt kornblumenblaue Kleider - Bluse auf Rock aufgenäht, mit weißem Baumwoll - Kragen (Piqué) (Halbleinen / Baumwolle-Leinen), angefertigt in der Schneiderwerkstatt von Minna Lieber (verh. Klengel) Alte Erinnerungen ✍ Autor(en): Walter Schwenk (1975) Zur Dorfgeschichte gehören auch die alten Erinnerungen, die in ihren lebendigen Bildern uns Älteren noch vor Augen stehen, wie der Nachtwächter, der Kuh- und Schweinehirt, der Ausscheller, der Feldhüter und die Gemeindeschäferei. Der Nachtwächter In den zwanziger Jahren dieses Jahrhunderts machte der letzte Nachtwächter, Wilhelm Winter, ausgerüstet mit Horn und Hund, seine Runden von abends 10 bis nachts 3 Uhr durch das Dorf, und blies die Stundenzahl an. Man war bis dahin der Meinung, dass die Bürger durch einen Nachtwächter ruhiger schlafen könnten, was man jedoch als veraltet und überflüssig einsah, und somit diesen Posten auch aus finanziellen Gründen, zumal der Lohn ziemlich gering war, aufhob. Der Kuh- und Schweinehirt Auch diese beiden Posten bzw. Gemeindeeinrichtungen, welche von den Viehhaltern meistens durch Naturallohn unterhalten wurden, liefen nach dem ersten Weltkrieg aus. Als Erinnerungen sind noch geblieben, dass die beiden Hirten um die Mittagszeit mit ihrem Horn und Hund durchs Dorf gingen und mit tut, tut, tut! die Viehhalter aufriefen, ihr Vieh herauszulassen. Fast aus allen Höfen wurde dann das Vieh auf den Sammelplatz, welcher in der Neustraße war, getrieben, wobei wir Jungen mithalfen und manchem störrischen Biest, welches in die falsche Richtung lief, nachrannten. Abends beim Heimtrieb erklang erneut das Horn, damit die Viehhalter ihre Tiere wieder in Empfang nehmen konnten. Die meisten Tiere waren nach einigen Tagen schon so schlau, dass sie ohne ihre Treiber allein den Weg zum Sammelplatz und auch abends zum Stall fanden. In dieser Zeit, in der es noch keine Viehweiden gab, war diese Einrichtung für das Vieh sehr gesund. Bei dem heutigen Straßenverkehr wäre ein solcher Viehtrieb unmöglich. Als letzte Hirten sind uns noch Wilhelm Koch und Philipp Kröller, sowie der Schweinehirte Johann Philipp Klapper, Hanphilipp genannt, in guter Erinnerung. Der Ausscheller Bis 1955 wurden die Gemeindebekanntmachungen durch die Ortsschelle vom Ortspolizeidiener gemacht. Er brauchte 1 - 2 Stunden, bis er an 25 Stationen die Bekanntmachungen ausgerufen hatte. Wenn um die Mittagszeit die Ortsschelle bimmelte, öffneten sich an allen Häusern Fenster und Türen, auch die Fuhrwerke hielten auf der Straße an, um die Bekanntmachungen zu hören. Als dann der letzte Polizeidiener, Hermann Schnatz, dessen Vorgänger schon sein Vater war, wegen Wegzug zu seinem Sohn nach Daisbach sein Amt niederlegte, beschloss die Gemeindevertretung 1956 eine Ortsrufanlage anzuschaffen, um auf diese Weise den Bürgern alle wichtigen Angelegenheiten mitzuteilen. Der Feldhüter Von jeher hatte die Gemeinde ihren Feldhüter, auch Feldschütz genannt, der über die Flurschäden und Felddiebstähle wachte. Früher trug der Feldhüter eine grüne Schirmmütze, die er später ablegte. Unser letzter Feldschütz war der Schwerkriegsbeschädigte Karl Weil, der lange Jahre getreu mit seinem Hund das Feld hütete. Als die zweite Zusammenlegung 1963 kam ließ man das Amt des Feldhüters fallen. Der Gemeindeschäfer Seit vielen Jahrhunderten wurde in Mensfelden die Schafzucht betrieben. Im 18. und 19. Jh. wurden bis 800 Schafe gezählt, d. h, in fast allen Familien wurden Schafe gehalten. Man hielt sie hauptsächlich wegen der Wolle, und profitierte auch an ihrem Fleisch. Ferner hatten die Bauern eine gute Düngung vom Pferch, welcher beim Mittags- oder Abendläuten auf dem Bürgermeisteramt meistbietend versteigert wurde. In den Wintermonaten waren die Schafe in Stallungen untergebracht und wurden mittags vom Schäfer ausgetrieben. Der Schäfer zog ausgerüstet mit zwei Hunden, die an zwei langen Riemen an einem Schulterriemen befestigt waren, und der Schäferschippe in der Hand durch die Straßen und gab durch einige lange Pfiffe zu verstehen, die Schafe herauszulassen. Wenn in der Neustraße die Herde beisammen war, zog der Schäfer auf die Weide, Abends, wenn er wieder ins Dorf zurückkam, machte er sich wieder durch sein Pfeifen bemerkbar, damit jeder seine Schafe heimholte, was meistens nach paar Austrieben nicht mehr nötig war, da die Tiere schon selbst den Weg zum Stau fanden. Als es nach dem zweiten Weltkrieg, in den fünfziger Jahren es Wirtschaftlich wieder aufwärts ging, und die Wollstoffe reichlich und preisgünstig zu haben waren, ging die Herde von Jahr zu Jahr zurück. Ende der fünfziger Jahre war die Zahl der Schafhalter so zusammengeschmolzen, dass man, trotz des kärglichen Lohnes, den Schäfer fast nicht mehr bezahlen konnte, und sd kam es, dass die Gemeindeschäferei eingestellt wurde. Unser letzter Schäfer war Ludwig Weigelt in der Schlimmstraße, der letzte Schafmeister August Helfrich in der Schwerzstraße. Die Gemeindeschafweide ist seitdem an den Schafhalter Willi Heymann aus Oberneisen verpachtet Der Bauernstand und seine Entwicklung ✍ Autor(en): Walter Schwenk (1975) Die Bewirtschaftung der landwirtschaftlichen Nutzfläche wurde bis ins 19. Jh. in müheseliger Arbeitsweise betrieben. Die Zugtiere waren meistens Kühe und Ochsen, nur größere und besser gestellte Betriebe hatten damals ein Pferd. Die kleinen Parzellen, wie Krautäcker, wurden meistens mit der Hand gegraben. Einzelne, meist kleinere Äcker, welche der arbeitenden Bevölkerung gehörten, wurden durch Gegenleistung von den Bauern mitbewirtschaftet, d. h. jeder hatte seinen Ackermann. Dieses gegenseitige Helfen dauerte noch bis ins 20. Jh. bis die Zusammenlegung kam. Anfangs des 20. Jh. nahm die Pferdebespannung zu, so dass die hundert Bauernbetriebe unseres Dorfes je zur Hälfte Kuh- und Pferdebespannung hatten. Nach dem ersten Weltkrieg wechselten die Gespannverhältnisse 70 zu 30, d. h. 70 Pferde- und 30 Kuhgespanne. Die Betriebsgrößen verteilten sich damals von 3 - 15 ha. Doch bis zum zweiten Weltkrieg, als die Erbhöfe aufkamen, stiegen auch die Betriebsgrößen. Die nahmen immer mehr ab und gingen zum Teil in Nebenerwerbsbetriebe über. Nach dem zweiten Weltkrieg, als die Traktoren aufkamen, wuchsen die Betriebsgrößen immer mehr nach oben, von 8 - 20 ha. Die Pferde- und Kuhgespanne gingen von Jahr zu Jahr zurück, und die kleineren Betriebe lösten sich langsam auf. Bis 1970 waren fast alle Pferde- und Kuhgespanne durch die Traktoren - bis auf ein Pferdegespann - verschwunden. Man zählte 1970 nur noch 52 Bauernbetriebe mit 52 Traktoren, 1972 waren es nur noch 45 Betriebe mit 52 Traktoren und zirka 22 Mähdreschern. Die Traktoren eroberten das Feld. Ihre PS-Zahl nahm von Jahr zu Jahr zu. Es entwickelte sich ein vielseitiger Maschinenpark. Neuzeitliche Anbaumethoden, Saatgut und bessere Düngemittelversorgung brachten eine wesentliche Ertragssteigerung, wozu auch die neuzeitliche Unkraut- und Schädlingsbekämpfung wesentlich beitrug. Die Haupteinnahmen kamen hauptsächlich aus dem Getreideanbau und aus Fleisch- und Milcherzeugung. Früher haben die Bauersleute die Milch der mit Zentrifuge und Butterfass selbst zu Butter verarbeitet. Seit über 40 Jahren übernimmt die Molkerei diese Verarbeitung. Foto: Bauernhof mit Pferdegespann Fahlerstraße, Ruben Knapp, 1958 Von der Sichel zum Mähdrecher ✍ Autor(en): Walter Schwenk (1975) Die technische Entwicklung unseres Dorfes. Bis zum 18. Jahrhundert ging die technische Entwicklung nur langsam voran. Obwohl der Handel blühte, hat man bis zum 19. Jh. mit verhältnismäßig primitiven Mitteln den Ackerbau betrieben. Wir wissen, dass der erste Pflug ein aus Hartholz krummgeformter Ast war, der am unteren Teil eine schräge Spitze hatte, womit der Boden aufgerissen wurde. Es dauerte viele Jahrhunderte bis der Pflugkörper aus Eisenstahl hergestellt wurde. Zuerst war der Pflugkörper, welcher die Ackerkrumme umkippte, ziemlich flach gehalten, daher der Name Porzeller. Im 18. Jh. dürfte dann die bis heute beibehaltene Form der Pflugkörper entstanden sein. Es setzte sich zuerst der Schwingpflug ohne Vorderwagen, dann der Drehpflug mit Vorderwagen, welcher eine leichtere Führung ermöglicht, durch. Neben dem Pflug war die Holzegge im Gebrauch, deren Rahmen und Zinken bis zum 18. Jh. aus Holz waren. Ende des 18. Jh. und besonders im 19. Jh. kamen die Eisenzinken auf. So nahm die Entwicklung ihren Fortgang. Heute sind Pflug und Egge ganz aus Eisen. Auch der Wagen als Transportmittel ist von altersher im Gebrauch. Schon die Germanen kannten den Wagen. Er war aus Holz gefertigt, mit zwei großen Rädern. Später baute man den Wagen mit vier Rädern und beweglicher Vorderachse. Diese drei Geräte waren Jahrhunderte die am meisten gebrauchten Großgeräte. Neben den vielen Kleingeräten, wie Hacken, Schaufeln, Karsten, Gabeln und anderen, nahm in erster Linie die Sichel einen wichtigen Platz ein. Sie ist ein halbkreisförmiges Gerät aus Stahlblech, mit einem Holzgriff versehen, womit man zuerst das Gras und das Getreide schnitt. Bald darauf wurde die Sense geschaffen, ein schmales hohlgeschmiedetes Stahlblech mit einer scharfen Schneide. Dieses säbelartige Gerät wurde an einem langen Holzstiel, Sensenwurf genannt, befestigt. Mit dem Dreschflegel, einem schmalen Hartholzknüppel, welcher mit einem breiten Schweinslederriemen an einem glatten Holzstiel befestigt war, wurde das Getreide in den Wintermonaten ausgedroschen. Beim Dreschen mit drei oder vier Mann musste besonders auf den Takt (Drei bzw. Viertakt) geachtet werden, sonst schlug einer dem anderen auf den Flegel. Nach dem Ausdrusch wurde die Frucht gereinigt, dies geschah noch bis zum 19. Jh. mit der Wurfschaufel aus Holz, später wurde diese aus Stahlblech ersetzt. Die Fruchtreinigung wurde wie folgt vorgenommen: Man schleuderte die Frucht im weiten Bogen durch die Tenne, die Frucht fiel durch ihre Schwerkraft zuerst nieder und die Spreu, welche leichter war, blieb auf der Frucht liegen; so konnte die Spreu. mit einem feinen Reiserbesen abgekehrt werden. Im 19. Jh. wurde dann die Wind- oder Fegmühle erfunden. Nun wurde das Reinigen der Frucht erheblich leichter. Auch dieses Gerät will ich näher beschreiben, damit die kommenden Generationen es sich besser vorstellen können. Es war ein länglich geformter Kasten, der oben einen Trichter hatte zum Einfüllen des ungereinigten Getreides. Vorne waren Siebe, weiter hinten in der Mitte, waren radförmige Holzflügel (Windflügel) angebracht. Durch Handantrieb mit dem Schwengel lief die Frucht über die hin- und her rüttelnden Siebe. Der durch das Drehen erzeugte Wind blies die Spreu nach vorn heraus. Hinten fiel die gereinigte Frucht auf einem schräg liegenden Brett herunter, und wurde dann mit dem Simmern in den Sack gefüllt. Ende des 19. Jh. kam dann die Dreschmaschine mit Göbelantrieb auf. Es war ein mit Zahnrädern versehenes Getriebe, das durch Zugtiere, über einen langen, mit dem Getriebe verbundenen Balken in Bewegung gesetzt wurde. Durch die Übersetzung der Zahnräder wurde die Antriebswelle auf eine gewisse Geschwindigkeit gebracht, die auf die Maschine übertragen wurde und den Dreschvorgang ermöglichte. Doch bevor ich die weitere technische Entwicklung in der Landwirtschaft vom 19. Jh. an in unserem Dorf aufzeichne, soll das goldene Handwerk, welches man dem Ackerbau gleich stellen kann, erwähnt werden. Es hat mit dem Ackerbau seinen Anfang genommen. Schon aus der jüngeren Steinzeit (4000 - 2000 v. Chr.) wird uns berichtet, dass die Menschen gewebte Kleider aus Wolle und Leinen trugen, und Häuser aus Lehm und Bohlen bauten. Somit dürfte auch mit der Entstehung unseres Dorfes der Handwerker darinnen Platz gefunden haben. Davon zeugen alte handwerkliche Hausnamen, welche einzelne Häuser heute noch führen; zum Beispiel: Schneiders, Schusters, Wagners, Schmidts, Zimmermanns, Leinewebers, Schlössers, Kiefers, Bäckers, Schäfers, Sattlers, Spenglers und andere, die inzwischen erloschen sind. Einige Einwohner erlernten das Maurerhandwerk und fanden außerhalb des Dorfes in den Städten Arbeit. Auch von den Dachdeckern früher Strohdeckern, sowie von den Krämern, die Gemischtwaren verkauften, wird heute noch gesprochen. Die Bäcker und die Metzger dürften erst im 19. Jh., das heißt, ab 1870/ 80 ihre Geschäfte in Mensfelden angefangen haben. Mancher Bürger betätigte sich im Winter als Hausmetzger. Von Mensfelden wird berichtet, dass im 18. und 19. Jh. zwei Leineweber für die Bürger Stoffe gewebt haben. In den letzten Jahrzehnten gingen viele Handwerksbetriebe in den kleinen Orten ein. Die Industrie stellte viele Dinge des täglichen Gebrauchs viel billiger und zweckmäßiger her. Wohl dem Dorf, das heute noch einen Handwerker hat. Von jeher war das Handwerk mit der Landwirtschaft in einer Dorfgemeinschaft eng verbunden, auch die Arbeiter und Handwerker, die außerhalb des Dorfes ihren Lebensunterhalt fanden, fühlen sich als untrennbares Glied Ihrer Heimatgemeinde. Gerade weil das 20. Jh. in dieser Beziehung so viel verändert hat, soll die gute, alte ortsgebundene Gemeinschaft noch einmal erwähnt werden. Nun will ich von der Weiterentwicklung, insbesondere der landwirtschaftlichen Maschinen, fortfahren. Durch die Erfindung der Dreschmaschine, welche noch mit einer Dampflokomobil getrieben wurde, trat eine erhebliche Erleichterung beim Dreschen der Frucht ein. Mehrere Bauern unseres Dorfes gründeten eine Gesellschaft und kauften eine mit einem Dampflokomobil angetriebene Dreschmaschine. Brauchte man bis dahin 2 - 3 Wintermonate zum Ausdrusch der Frucht, so konnte man nun mit dieser Maschine in einem Tag die Ernte eines landwirtschaftlichen Betriebes dreschen. Mit 12 - 15 Mann, die sich gegenseitig halfen, wurde gedroschen, wobei das gute Frühstück mit Handkäs und Schnaps nicht fehlen durfte. Etwas später kam schon die zweite Dreschmaschine ins Dorf, welche der Privatmann, Wilhelm Frickhöfer, anschaffte. Interessant war das Rücken der Maschine von Hof zu Hof, mit zwei langen Wagenseilen, die an die Maschine angeknüpft wurden, zogen je nach Steigung 20 - 30 Mann auf das Kommando! ho ruck , (manche schrien auch einen hupp), wurden die schweren Dreschkästen Stück für Stück bis ins nächste Gehöft gezogen. Nach Ende des ersten Weltkrieges ging der Dreschmaschinenbetrieb Wilhelm Frickhöfer ein. Die Maschine wurde verkauft. Da kam der Dreschmaschinenbesitzer Karl Faust aus Oberneissen ins Dorf, wo er auch durch Verheiratung verblieb. Anfang 1930 wechselte auch die Gesellschaftsmaschine ihren Besitzer. Neuer Besitzer wurde Schmiedemeister Christian Schmidt. Obwohl Karl Faust inzwischen schon eine selbstfahrende Lokomobil hatte, kamen beiden auf den Gedanken, einen Lanzbulldog anzuschaffen. Dies brachte großen Vorteil; man brauchte kein Wasser, keine Kohlen für die Heizung und besonders das schwierige Rücken brauchte nicht mehr von Hand vorgenommen werden. Nach dem zweiten Weltkrieg erfolgte eine weitere Verbesserung, indem man Elektromotoren zum Antrieb verwendete. Im Jahre 1907/08 kamen die ersten Mähmaschinen ins Dorf, die von Zugtieren gezogen wurden. Dadurch gab es große körperliche Erleichterungen bei der Getreideernte und beim Grasmähen. Doch die technische Entwicklung in der Landwirtschaft ging laufend weiter. Es folgten bald die Sämaschinen, die Kartoffelmaschinen, für Saat und Ernte, die Heuwender und viele andere Geräte zur Arbeitserleichterung. Eine viel bewunderte Maschine kam damals ins Dorf, es war der Getreideselbstableger. Er legte die Klecken, die man bei der Mähmaschine noch von Hand weglegen musste, ohne menschliche Hilfe maschinell zur Seite. Aber sie fand trotzdem keinen Anklang. Es waren nur zwei Bauern, die einen Getreideableger hatten, Karl Ruß und Wilhelm Lieber. Die Maschine musste von zwei Zugtieren gezogen werden. Da man meistens nur ein Pferd hatte, spannte man eine Kuh dabei. Ende der zwanziger Jahre war auch diese Maschine schon wieder überholt. Der Getreideselbstbinder eroberte das Feld. Man glaubte damals, dass keine vollkommenere Maschine dieser Art ihm mehr folgen würde, aber auch dies war eine Täuschung. Die ersten Getreidebinder in Mensfelden hatten die Bauern, Wilhelm Aug. Schumann und die Gebr. Karl und August Schumann. Die ersten Binder waren noch eisenbereift, aber schon Mitte der dreißiger Jahre gab es die Getreidebinder mit Gummibereifung. Im zweiten Weltkrieg gab es kaum noch Anschaffungen. Aber nach dem Krieg wurde dies nachgeholt so, dass man bis 1960 ca. dreißig Getreidebinder in Mensfelden zählte. Schon vor dem zweiten Weltkrieg kamen die ersten gummibereiften Ackerwagen ins Dorf, die von unseren Dorfschmieden gebaut wurden. Anfangs hat man nur die Achsen mit den Rädern an den alten Bauernwagen ausgewechselt, und von alten Autos die Achsen mit Rädern eingebaut. An den ersten gummibereiften Wagen erinnert mich ein schönes Erlebnis, was ich mit dem inzwischen verstorbenen Schmiedemeister Willi Euler hatte. Kurz vor dem zweiten Weltkrieg kaufte Willi Euler ein altes Fordauto auf dem Westerwald, welches sein erster gummibereifter Wagen werden sollte. Da dasselbe noch fahrbereit und zugelassen war, bat mich Willi Euler, der noch keinen Führerschein Klasse III hatte, denselben vom Westerwald nach Mensfelden zu fahren. Es war für mich ein besonderes Erlebnis von einem kleinen Dixi in einen großen Fordwagen umzusteigen. Als wir beide mit dem großen Personenwagen durch den Westerwald fuhren, wurden wir in allen Dörfern von vielen Neugierigen bewundert. Wir kamen uns vor, als ob wir zu den Kapitalisten zählten. Selbst in Mensfelden wurden wir in der großen Herrschaftskutsche bewundert. Voller Begeisterung stand W. Euler vor seinem großen Wagen, er konnte sich vorerst nicht entschließen, ihn auszuschlachten. So kam es, dass wir mit dieser Herrschaftskutsche, welche schon ganz schön rappelte, noch eine Zeitlang durch die Gegend fuhren, um uns bewundern zu lassen. Damals war die Zeit, da die Zwetschen reif waren. Aber bei uns in Mensfelden gab es keine, nur auf dem Westerwald hingen die Bäume voll. Dies hatten wir auf unserer ersten Fahrt gesehen und den Mensfeldern erzählt. Nun bekamen wir von den Mensfeldern viele Aufträge auf dem Westerwald Zwetschen zu holen. Willi Euler nahm natürlich an. Es reizten ihn nicht die Zwetschen, sondern die Fahrt. Die alte Autokutsche wurde mit Kisten und Körben vollgepackt und schon ging es los auf den Westerwald. Die Leute dort waren froh, dass sie ihre Zwetschen los wurden. Nach ein paar Stunden hatten wir die Staatskarosse vollgeladen. Auf dem Heimweg gab es wieder viele Neugierige, die glaubten, wir wären große Obsthändler aus Frankfurt oder Wiesbaden. Bergauf schnaufte das alte Vehikel und gab seinen Dampf ab, dass man lange unseren Weg verfolgen konnte. Als der Kühler anfing überzukochen, wurde im nächsten Dorf gehalten und Wasser nachgefüllt. Als wir dann mit der Handkurbel den Motor wieder in Gang setzen wollten, fing er an zu mucken, wir glaubten erst, wir hätten kein Benzin mehr, da wir wussten, dass er ziemlich verbrauch hatten wir zur Vorsicht doch vollgetankt. Da baten wir die 5 - 6 Männer, die um uns standen, sie möchten doch mal anschieben, und schon gab es ein paar laute Knalle und der Motor fing an zu knattern und so erreichten wir am späten Nachmittag mit viel Krach und Qualm die Heimat. Alle freuten sich auf die Zwetschen. Auf unsere Benzinkosten sind wir zwar nicht gekommen, aber es hatte sich doch gelohnt. Dies war die letzte Fahrt dieser Staatskarosse. Aus ihr wurde nun der erste, tadellos gelungene gummibereifte Ackerwagen mit Pritschenaufbau, auf den der neue Besitzer, der Bauer Wilhelm Schumann in der Fahlerstraße, schon lange wartete. Er hatte lange Jahre Freude an ihm, und wir beide dachten oft, besonders, wenn er uns begegnete, an seine letzte Fahrt. Obwohl die maschinelle Weiterentwicklung in der Landwirtschaft im zweiten Weltkrieg fast völlig zum Erliegen kam, holte sie umso mehr nach dem Krieg wieder auf. Die Traktoren rollten an, es wurden Melkmaschinen angeschafft, die Vorratsroder und Vollerntemaschinen für den Hackfruchtbau und die Mähdrescher eroberten von Jahr zu Jahr immer mehr das Feld, so dass bis 1965 so viel Mähdrescher da waren, dass die guten alten Dreschmaschinen 1965 das letzte Mal droschen. Den ersten Mähdrescher erstand der Schmiedemeister Euler. Bis 1972 war ihre Zahl auf über zwanzig gestiegen. Sie mähten jährlich über 500 Morgen Frucht in unserer Gemeinde. Die Kuhgespanne sind schon längst verschwunden, und inzwischen die treuen Zugpferde auch. Hier sei noch aus der alten Zeit folgendes vermerkt: 3 Handvoll geschnittene Frucht ergab eine Klecke 3 Klecken waren ein Orwel (armvoll) 3 Orwel waren eine Garbe und sechzig Garben waren ein Fuder. Foto: Emma Crecelius geb. Kremer mit Gespann Unterstraße, Leni Fachinger, 20. Jh. Foto: Holzmachen im Wald Gruppenfoto, Leni Fachinger, 20. Jh. Foto: Dreschmaschine bei Schmidt Unterstraße, Irmgard Schmidt. 20. Jh. Mensfelder Sagen ✍ Autor(en): Walter Schwenk (1975) Das Heiligenhaus und das Siechhaus Nordöstlich vom Mensfelder Kopf erhebt sich eine kleine Anhöhe, die etwa 30 Meter tiefer liegt als der Mensfelder Kopf, der den Namen Hornel trägt. Unterhalb des Hornelberges, in östlicher Richtung, soll bis zum dreißigjährigen Krieg (1618-1648) ein Häuschen gestanden haben, das von zwei Einsiedlern (Mönchen) bewohnt wurde. Das Häuschen war aus Hornelsteinen gebaut. Es hatte ein spitzes Strohdach. Innen waren zwei Räume, die von drei kleinen Fenstern Licht bekamen. Die Eingangstür war aus dicken Eichenbohlen und in der Mitte geteilt. Oben auf dem Dachfirst der Giebelspitze war ein Kreuz aus Birkenholz angebracht. In der Spitze der hohen Giebelwand hing in einer fensterartigen Luke, ein Glöcklein. Jeden Morgen und Abend läutete das Glöcklein, um die Menschen zu ermahnen, ihr Tagwerk mit Gott zu beginnen und zu vollenden. Außerdem läutete es auch bei drohenden Überfällen, damit sich die Menschen auf dem Feld und auf der unterhalb vorbeiführenden Landstraße nach Diez noch rechtzeitig in Sicherheit bringen konnten. Nun zurück zu den Mönchen. Woher sie kamen, weiß man nicht. Man nimmt an, dass sie vorher in Limburg waren und von dort geschickt wurden, um die Aussätzigen im Siechhaus das im Weiderfeld stand, (oberhalb des heutigen Linterer Siechgraben) zu pflegen. So einfach sie sich kleideten, war auch ihre Wohnung eingerichtet. Über ihrer schlichten Kleidung trugen sie eine braune Kutte, die mit einer dicken Schnur zusammengehalten wurde. Ihr Schuhwerk bestand aus derben Sandalen. Ihre Wohnung, war nur mit dem Nötigsten ausgestattet. Im Vorderraum standen auf einem Wandbrett zwei nussbraune Kochtöpfe und zwei Holzteller, darunter hingen zwei zinnerne Henkelbecher. Außerdem waren in dem Raum ein schwerer Eichentisch, einer Lehnebank und zwei Schemeln. Im hinteren Raum hatten die Mönche als Ruhestätte ein Strohlager. Als einziger Schmuck zierte ein schlichtes Holzkreuz die Wand. In einer zweiteiligen Truhe, hatten sie je zur Hälfte ihre aus Wolle und Leinen gewebten Kleider, ein Gebetbuch und Kräuterbuch sowie ihre Heilmittel, die aus Tee, Säften und Heilöl bestanden. Die Kranken, die von Mensfelden und Linter kamen, verblieben im Siechhaus und wurden abwechselnd von den Mönchen betreut. War ihre Heilmethode auch ziemlich einfach und primitiv, so konnten sie doch manchen leidgeprüften Menschen Linderung verschaffen und oftmals sogar die Heilung schenken. Die Heilpflanzen sammelten sie am Abhang des Hornelberges, die dort reichlich wuchsen. Für die Ernährung der Kranken im Siechhaus sorgten meistens deren Angehörige, auch gab es andere Wohltäter, die Kleidung und Nahrung spendeten. Die beiden Mönche ernährten sich von den gesammelten Früchten des Feldes. Für ihre Krankenpflege bekamen sie außerdem Lebensmittel in Form von Brot, Mehl und Fett in ihre Klause gebracht. Sie führten ein gottgefälliges Leben, denn ihr Tagewerk bestand in Gebet und opferbereiter Nächstenliebe. So erfüllten sie lange Jahre ihre Pflicht, bis dann der dreißigjährige Krieg tobte und unzähligen Leid, Verwüstung und Seuchen ins Land brachte. Auch die Mönche waren bald am Ende ihrer Kräfte, denn nicht allein die Aussätzigen füllten das Siechhaus sondern auch die Pestkranken brachte man zu ihnen. Zu dem furchtbaren Leiden kam noch der Hunger. In aufopfernder Liebe sorgten die Einsiedler Tag und Nacht für ihre Kranken und teilten den letzten Bissen mit ihnen. Das einzige, was sie noch erquickte, war das Heilwasser (Mineralwasser), welches sie für sich und die Kranken in schweren Kannen von dem Heilbrunnen, der zwischen dem Pilgerhaus und dem Siechhaus entsprang, (am alten Diezerweg) heranschleppten. Fast alle Kranken starben dahin. Die letzten kamen in den Flammen um, als eine Kriegshorde das Siechhaus in Brand steckte. Eines Tages klopfte ein schwer verwundeter Edelmann an die Tür ihrer Klause und bat um Hilfe und Einlass. Obwohl die beiden Mönche geschwächt und vom Tode gezeichnet waren, nahmen sie ihn auf, legten ihn auf ihre Strohlager und pflegten ihn. Der Edelmann wurde wieder gesund, aber der eine Mönch starb. Als der Edelmann wieder von dannen wollte, bat ihn der letzte Kuttenträger, der auch sein Ende fühlte, ihm noch eine Bitte zu erfüllen. Er sagte: Warte noch einen Tag, dann werde ich daheim sein. Lege dann meinen Leib zu den meiner Brüder; und merke Dir das eine: In diesem heiligen Haus wohnt Gott, der auch Dir geholfen hat. Mache, ehe Du weiterziehst, ein Zeichen an die Tür, damit es nicht geschändet wird! Der Edelmann, der neben dem Sterbenden kniete, drückte seine vom Fieber brennende Hand und gelobte ihm, seine letzte Bitte zu erfüllen. Als der nächste Tag anbrach, hatte auch der letzte Mönch seinen Geist aufgegeben. Er begrubihn neben seine Brüder, die schon oberhalb der Klause in kühler Erde ruhten. Nachdem er ein Vaterunser gesprochen hatte, kehrte er noch einmal in die leere Klause zurück, zündete das Feuer an, und ließ darin den Schürhaken erglühen. Dann brannte er mit dem immer wieder angeglühten Schürhaken die Worte Das Heiligenhaus auf die Tür, holte das kleine Holzkreuz aus der Klause und nagelte es darüber, nahm dann sein Bündel und zog von dannen. Der Name Heiligenhaus ist bis heute erhalten geblieben. Durch unsere nassauische Mundart wurden mit der Zeit die zwei i Verschluckt, so dass daraus der Name Helgenhaus entstand: Zeichnung: Das Heiligenhaus, Roland Schwenk, 1975 Das alte Zollhaus zwischen Mensfelden und Linter (Eine Erzählung aus dem Heimatbuch für den Kreis Limburg von A. Leukel) Da, wo die alte Mainzer Straße (Siegen - Limburg - Wiesbaden - Mainz, die Hühnerstraße) den Höhensattel zwischen dem Mensfelder - und Nauheimer Kopf übersteigt, steht das alte Zollhaus. Heute ist dort eine schmucke Gaststätte, doch die alten Mauerreste, die noch überall zu finden sind, berichten von längst vergangenen Zeiten. Hier war früher der Schlagbaum; Tag und Nacht wachten hier die Zollwächter der Landesherren. An dieser Stelle stießen die Grenzen von Kurtrier und Diez - Oranien zusammen. Manch armes Rößlein quälte sich mühsam durch die tiefausgefahrenen Geleise der schlechten Straße. Bedrohlich schwankte der schwerbeladene Wagen hinter ihm. Wehe, wenn ein Rad brach oder ein Wagen umkippte! Die auf den Boden gefallene Ware gehörte dem Grundherrn des Landes. Vom Diezer Markt kommend, bewegte sich ein hochbeladener Wagen schwerfällig dem Zollhaus zu. Auf der schlechten Straße wankt er hin und her. Diezoranische Reiter kommen hinter ihm her. Sie geben acht auf etwa herabfallende Güter. Die Fuhrleute haben Zeit, sich umzusehen in der Gegend. Noch geht es durch das weite Bucherfeld, noch ist der Weg eben. Später erblicken sie auf dem sanften Hang des Mensfelder Kopfes eine große Schafherde. Auf seiner Schippe gestützt, schaute der Schäfer zu, wie sich die Pferde mühen, den unbeholfenen Wagen den nun beginnenden Hang hinaufzuziehen. laut hallten die ermunternden Zurufe der Fuhrleute durch die stille Gegend. Ein Heiligenhäuschen steht am Wege und zeugt vom frommen Sinn der Bewohner der vielen Einzelgehöfte, die in der Landschaft zerstreut liegen. Tiefe Gräben zu beiden Seiten der Straße machen eine Abweichung von dieser Straße unmöglich. Endlich nähert sich der Wagen dem Zollhaus. Inzwischen ist es Abend geworden, blutrot ist die Sonne untergegangen. Handfeste Männer lassen nun den Schlagbaum herunter. Der Wagen muss halten. Schnell wirft der Fuhrmann den erhitzten Pferden eine Decke über, er weiß, dass die Verzollung nicht so schnell vor sich geht. Zwei Öllampen verbreiten ein spärliches Licht. Peinlich genau ist die Untersuchung, weil der Wagen Marktware, die besonders begehrt ist, geladen hat. Nach einer Stunde ist es soweit, dass der Wagen in den Hof des Gasthauses gefahren wird. Die müden Pferde werden in den Stall gestellt und gefüttert. Eine ganze Reihe Wagen steht schon im Hof, und in der Gaststube herrscht reges Leben. In lebhafter Unterhaltung werden die Erlebnisse erzählt, Erfahrungen ausgetauscht. Von störrischen Pferden, von Achsenbrüchen, räuberischen Überfällen und lästigen Schlagbäumen ist die Rede und - wie man an manchen Stellen im Land die Zollwächter hintergehen kann. Später geht man zur Ruhe. - Beim ersten Hahnenschrei wird es wieder lebendig auf dem Hofe. Pferde werden gefüttert und angeschirrt, und wenn die ersten Strahlen der Morgensonne über den Nauheimer Kopf scheinen, geht die Reise weiter. Mit Hüh und Hott lautem Peitschenknallen verschwinden die Wagen auf den Wegen, die zum Rhein, nach Wiesbaden und Mainz oder nach der Lahn hinführen. Das Mensfelder Kornweibchen (Eine Episode aus dem Heimatbuch für den Kreis Limburg von A. Leukel) Heinrich Völker von Mensfelden war ein kecker Bauernbub. Er wusste wohl, dass man vor der Heumachzeit nicht in die Wiesen geht, tat es aber doch! Er wusste auch, dass man einen Halm für eine Kornpfeife nicht aus der Mitte des Ackers holt. Aber er kümmerte sich nicht darum! Eines Tages erlebte er auf dem Wege nach Nauheim etwas Seltsames: Wieder hielt er Ausschau nach einem schönen Kornhalm, aus welchem er eine Kornpfeife machen wollte. An einem Kornfeld angekommen, sprang er mit einem Satz über den Graben, um sich einen Halm zu holen. Die Halme am Rande des Feldes waren ihm alle nicht gut genug. Also ging er mitten in den Acker hinein und zertrat die Halme rechts und links! Soeben streckte er die Hand nach einem ganz wundervollen Halm aus, da stand einmal ein winzig kleines Weiblein vor ihm. Es trug einen himmelblauen Rock und eine rote Jacke, wie sie die alten Frauen tragen, auf dem Kopfe aber ein weißes Kopftuch. Ihr Gesicht war voller Runzeln. Ei, Heinrich, sagte das Weiblein, willst du Kornpfeifen machen? Heinrich nickte. Komm mit mir, ich zeige dir die besten Halme! sagte es und lachte dabei. Heinrich war erst ein bisschen erschrocken. Als er aber das Weiblein so reden hörte, da lief er gern hinterdrein. Das immer mitten durch die Halme, dass es nur so rauschte. Auf einmal fielen die Blicke Heinrichs auf die Füße des flinken Weibleins, das immer vor ihm herlief. Ei, die Füße waren ja zwei kleine, blaue Flämmchen! Da kam ein großer Schrecken über den Buben. Er dachte, nur schnell fort von dem Weiblein, das meint es gewiss nicht gut mit dir! Er wandte sich um, lief vier Schritte, stolperte über einen Grenzstein, den er im hohen Korn nicht gesehen hatte, und fiel längelang zur Erde. Erst schrie er vor Schrecken, dann aber vor Schmerz, denn auf seinen Rücken prasselten Schläge nieder, wie er sie bis dahin noch nie zu spüren bekommen hatte. Als er sich endlich aufraffte, war weit und breit kein Mensch zu sehen. Der Himmel war schön blau, und die Lerchen sangen. Hätte Heinrich nicht die Striemen auf seinem Buckel greifen können, er hätte an einen Traum geglaubt. Er schlich sich durch das Korn auf die Straße und wollte eben den Graben überspringen, als er auf einmal ein feines lachen hörte. Sieh, da saß das kleine Weiblein im Straßengraben, lachte wie toll und rief: Gelt Büblein, bös Büblein, jetzt gehst du in kein Kornfeld mehr und zertrittst die schöne Brotfrucht! Büblein, bös Büblein, jetzt kennst du auch das Kornweibchen! Dann lachte das Weiblein noch einmal aus vollem Hals, an der Stelle, wo es gewesen, flackerte ein blaues Flämmchen auf. Carl-Philip Hehner ✍ Autor(en): Frank Patermann (2025) Carl-Philip Hehner war Jurist und Politiker und ist vor allem bekannt als einer der Vertreter des Herzogtums Nassau bei der Deutschen Nationalversammlung im Jahr 1848. Diese tagte in der Frankfurter Paulskirche und ging daher auch unter dem Namen Paulskirchenparlament in die Geschichte ein. Die Frankfurter Nationalversammlung Die Zeit um 1848 war geprägt von politischen und gesellschaftlichen Umbrüchen. In weiten Teilen Europas kam es zu revolutionären Bewegungen, die sich gegen die monarchischen Machtverhältnisse richteten. Auch in Deutschland fanden in zahlreichen Städten – etwa in Berlin, Frankfurt oder Wien – Proteste, Aufstände und Tumulte statt. Unter diesem Druck sahen sich viele Fürsten gezwungen, politischen Reformen zuzustimmen. Eine dieser Reformen war die Einberufung der ersten gesamtdeutschen, frei gewählten Volksvertretung – der Nationalversammlung. Zentrale Ziele dieser Versammlung waren: Die Schaffung eines deutschen Nationalstaates anstelle der Vielzahl souveräner Einzelstaaten. Die Einführung einer freiheitlich-demokratischen Verfassung mit Grundrechten für die Bürger. Trotz intensiver Verhandlungen und Debatten konnte sich die Nationalversammlung letztlich nicht gegen die Macht der Fürsten durchsetzen. Das Paulskirchenparlament wurde aufgelöst und seine Beschlüsse blieben zunächst folgenlos. Dennoch gilt die Nationalversammlung nicht als vollständiges Scheitern. Viele der damals entwickelten Ideen und Grundsätze blieben im öffentlichen Bewusstsein erhalten und beeinflussten spätere Entwicklungen maßgeblich: Die Reichsgründung 1871 führte zur Schaffung eines deutschen Nationalstaates. Mit der Weimarer Republik entstand nach dem Ersten Weltkrieg erstmals eine parlamentarische Demokratie in Deutschland. Elemente der 1848 erarbeiteten Grundrechte finden sich bis heute im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland wieder. Die Frankfurter Nationalversammlung von 1848 gilt daher als ein bedeutender Meilenstein in der Geschichte der deutschen Demokratie. Herkunft Carl-Philip Hehners Carl-Philip Hehner wurde in Mensfelden geboren. Über seinen genauen Geburtsort innerhalb des Ortes existieren unterschiedliche Überlieferungen. Eine Version nennt das Haus in der Unterstraße 13, das heutige Gebäude der Familie Hohlwein, auch bekannt als Haus „Scholze“. Eine andere Überlieferung spricht von einem früheren Gebäude an der Stelle der heutigen Unterstraße 11, das im Jahr 1895 einem Brand zum Opfer fiel. Eine Fotografie dieses Hauses ist erhalten geblieben. Foto: Porträt von Carl Hehner, Königl. Atelier Berlin, T. Hauffmann, 1887 Mensfelder Kirmes ✍ Autor(en): Claudia von Mrozek (2025)\\David Diefenbach (2025) Einige kennen sie, die Nassauischen Annalen. In dieser laufenden Aufsatzserie zur Nassauischen Geschichte findet sich im 84. Band aus dem Jahre 1973 folgender Satz: „Von dem seit 1469 gut bezeugten Kirchweihtag, dem Sonntag nach St. Peterstag ad vincula, her, darf man vermuten, dass die Kirche St.Peter geweiht war.“ Seitdem wird in Mensfelden die Kirchweih gefeiert, aus der sich später die Kiäb und unsere heutige Kirmes entwickelte. Gefeiert wurde früher in allen ortsansässigen Gaststätten, und bereits um 1700 wird in alten Akten zur Bewirtschaftung des Zollhauses von einer Schlägerei an der Kirmes berichtet. Auch gibt es einen Bericht aus dem Jahre 1705, damals war es aufgrund des Todes von Kaiser Leopold am 5. Mai 1705 verboten Tanzveranstaltungen mit fröhlicher Musik abzuhalten. Doch die Mensfelder hielten sich nicht daran und luden trotz Verbot einige umherziehenden Spielleute zu sich ein. Hier wird vor allem eine Veranstaltung in Völkers Scheune erwähnt, wo sich viele Mensfelder zum Tanzen und Brandwein trinken trafen. Zuvor hatten verschiedene Bürger bei den Schultheißen und beim Pfarrer angefragt ob sie die Kirmes abhalten dürfen, was Ihnen von diesen verweigert worden war, dem zufolge kam es zu einer Beschwerde des Herrn von Hohenfeld zu Camberg. Zu Kriegszeiten wurde es allerdings auch in Mensfelden ruhig. Bereits im Ersten Weltkrieg waren das sogenannte Abhalten öffentlicher Tanzlustbarkeiten und Vergnügungen verboten. Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges wurden im Herbst 1939 erneut öffentliche Tanzveranstaltungen verboten und ein „Tanzverbot“ verhängt. So wurde erst im Oktober 1946 in Mensfelden wieder Kirmes gefeiert. Mit dem festlich geschmückten Leiterwagen zog die Gesellschaft durch den Ort, und eine Kapelle, die auf dem Wagen mitfuhr, sorgte für musikalische Begleitung. Foto: Der „Club der Weiberfeinde“: die Kirmesgesellschaft 1926 „Neubeck“]Foto: Der „Club der Weiberfeinde“: die Kirmesgesellschaft 1926 „Neubeck“- vermutlich in Anlehnung an die Gaststätte Neubeck, damals zu finden in der Unterstraße. [ Foto: Der „Klub Fidelio“: Die Kirmesburschen 1946]Foto: Der „Klub Fidelio“: Die Kirmesburschen 1946 in der damaligen Mittelstraße (heutige Sonntagsstraße). Links im Hintergrund die Post, heute Backhausstraße 1 [ Kirmes ab 1950 In den 1950er Jahren wurden dann die ersten Kirmesbäume gestellt - allerdings zunächst durch die Wirte selbst. Wann die ersten Kirmesburschen in Mensfelden einen Baum stellten, gilt an dieser Stelle noch herauszufinden, hier sind sich bisher alle befragten Miesfeller noch nicht ganz einig. Dass es sich hierbei um eine Tradition handelt, die heute nicht mehr wegzudenken ist, ist allerdings unumstritten. In den letzten Jahren wurde Rekord um Rekord gebrochen, im Jahre 2014 maß der Baum sogar stolze 30 Meter - und musste dann nach Protesten gekappt und über eine Baumversicherung noch einmal zusätzlich abgesichert werden. Mittlerweile ist das Maß auf 21 Meter beschränkt - der Kirmesbaum würde sonst vermutlich den Windrädern Konkurrenz machen. Foto: Die Kirmesburschen 1961: h.l. Dieter Helfrich, Bernhard Crecelius, Albert Motz, Hermann Hofbauer, Manfred Biebricher - v.l. Gerhard Schmidt, Adolf Diefenbach, Adolf Brummer. Albert Motz und Adolf Diefenbach tragen zwar Hüte, waren aber keine Kirmesburschen. Das Foto entstannt zum Anlass der Musterung Von einer Kirmesverlosung wird schon 1959 berichtet, damals wurden 1000 Lose verkauft zu einem Preis von 0,20 Deutsche Mark. Auch damals wurde schon ein Hammel verlost, allerdings endete der Hammel in früheren Jahren noch nicht auf dem Teller, sondern zunächst beim Gewinner. Manch einer bekam den Hammel von den Kirmesburschen auch direkt durch die Haustür, über die Treppe und schnurgerade ins Wohnzimmer gebracht. Nach einem mehr oder weniger kurzen Aufenthalt bei den jeweiligen Gewinnern wurde der Hammel meist aber zum Schäfer und seiner Herde zurückgeführt. Beim Umzug sollte der Hammel nicht mitgeführt werden, dazu ist in der Genehmigung von 1959 folgender Hinweis zu finden „Wir bitten darauf zu achten, daß der zur Verlosung kommende Hammel nicht im Festzug oder von Haus zu Haus mitgeführt wird.“ In den 1960er Jahren feierte man am Samstag die „Männerkirmes“ - die Frauen und Mädchen blieben der Erzählung nach zu Hause, die Männer feierten alleine, und tags darauf mussten sich die Damen dann zuhauf um die leidenden Männer kümmern. Sonntags feierte die Jugend im damaligen Gasthaus Klapper (vielen noch bekannt als „Tiroler Hof“ oder „Foike‘s“, heute „Miesfeller Hopp“) und montags im Gasthaus „Zum Taunus“ (ehem. Gast. Neubeck, Kröller, Zachau) in der Unterstraße. Die ältere Generation feierte genau umgekehrt Sonntags bei „Kröllersch“ und montags bei „Klappersch“. Foto: Kirmesumzug 1961 an der heutigen Kreuzung Schwerzstraße, Sonntagsstraße und Backhausstraße, rechts im Bild befindet sich heute die Bushaltestelle Kirmesmädchen, wie wir sie heute kennen, gab es damals übrigens noch keine - der eine oder andere brachte zwar seine Herzdame bzw. auserwählte Begleiterin mit. Ab wann es die ersten „richtigen“ Kirmesmädchen gab weiß man nicht genau. Oft kam es zu Ereignissen, an die man sich auch noch viele Jahre später erinnert. Besonders ist hier ein Vorfall aus dem Jahr 1992 zu erwähnen, am Kirmessamstag kletterten zwei der Kirmesburschen zur vorgeschrittener Stunde auf das Dach der damaligen Turnhalle. Darunter auch Christoph Fischer, welcher sich auf dem Schornstein setzte. Als die beiden wieder in die Halle gehen wollten, sprang Christoph herab. Leider hielt das Dach nicht und Christoph wählte den kürzeren Weg in die Halle. Auch wenn er sich nach dem Sprung wieder aufrappelte, wurde er danach vorsichtshalber ins Krankenhaus gefahren. Zum Glück gab es keine bleibenden Verletzungen. Demzufolge wurde der Kirmesschrei in diesem Jahr leicht abgeändert: „Und wenn die Fischers vom Himmel falle, die Miesfeller Kirmes wird doch gehalle“ Ende der 90er kam die Kirmes ein wenig zum Erliegen, zwar hielten die Mensfelder Sportvereine und Gaststätten die Tradition noch lange hoch, allerdings gab es viele Jahre, in denen es keine Kirmesjahrgänge mehr gab. So hielt im Jahre 1997 Matthias „Tex“ Lange das Zepter der Kirmes hoch und bestritt die Rolle als ein Mann Kirmesbursche. Zur Jahrtausendwende fanden sich dann noch einige junge Mensfelder zusammen und konnten so 2000 und 2001 wieder einen Jahrgang stellen. Kirmes seit 2004 Die Kirmesburschen und -mädchen des Jahrgangs 2004/2005 beendeten diese Ära im Jahr 2004. Seitdem gab es ununterbrochen einen Kirmesjahrgang. Anfangs gab es noch einige Anlaufschwierigkeiten. So hatte man 2004 eine Band engagiert, die das Einmarschlied „Kirmesbursch san lustge Brüder“ nicht spielen konnte. Doch in diesen Jahren wurden viele neue Traditionen geprägt. Auch wurde 2004 eingeführt, dass die Kirmesmädchen ein Wappen auf ihrem Kirmeshemd tragen durften. Dies wurde dann auch von den Nachbarorten der Gemeinde übernommen. Wann die erste Kirmesbeerdigung abgehalten wurde, ist nicht bekannt. Hierbei wird eine Strohpuppe gebaut und am Kirmesmontag, dem letzten Kirmestag, verbrannt. Ab 2004 gab es dann eine kleine Prozession mit Fackeln und Sarg, in dem die Puppe zu Grabe getragen wurde. Anschließend wird noch eine kleine Rede gehalten, in der das Kirmesjahr noch einmal rückblickend betrachtet und allen Beteiligten gedankt wird. Die folgenden Jahre sind von einem großen Umschwung geprägt. Im Jahr 2009 wurde die alte Turnhalle des TuS Mensfelden abgerissen, was zur Folge hatte, dass die Kirmes zwei Jahre lang in der Halle des TV Jahn stattfand. Ab 2011 war die neue Halle dann fertiggestellt. Der TV Jahn, der bis dahin immer den Kirmesfreitag veranstaltet hatte, gab die Veranstaltung ab. So wurden zwei neue Vereine gegründet, die das Bild der heutigen Kirmes sehr geprägt haben: Dies sind ab 2011 der Verein „Zukunft und Kultur Mensfelden“ und ab 2013 der „Verein für angewandte Lebensfreude“. Ab 2011 gab es auch das erste Kirmesheft, auch wenn man die ersten paar Ausgaben eher als Faltblatt beschreiben könnte. In diesem Jahr fand dann auch der erste Rockabend am Freitagabend in der neuen Halle statt. Dabei konnten in den kommenden Jahren einige musikalische Größen nach Mensfelden gebracht werden. Hier sind vor allem die „Dorfrocker“ im Jahr 2016 und die „Rodgau Monotones“ im Jahr 2023 zu erwähnen. Weiterhin zu erwähnen sind die Fassbierspenden, wodurch es möglich war, am Kirmesmontag günstige Getränke auszuschenken, die Verlosung des Kirmesbaumes als Sonderpreis, sowie die Wiedereinführung des Kirmesschnitzels ab 2013 und dann ab 2016 durch den Verein für angewandte Lebensfreude.