II. Krieg und Vertreibung Kriegs- und Notzeiten vom 16. - 20. Jahrhundert ✍ Autor(en): Walter Schwenk (1975) Am liebsten würde ich dieses Kapitel nicht berühren, weil uns täglich soviel Ungerechtigkeit und Leid in dieser Welt vor Augen geführt wird. Aber gerade deswegen sollen die Zeiten großer Bedrängnis und Not in unserer Geschichte nicht übergangen werden, damit die Nachwelt die sinnlose Vernichtung durch die Kriege erkennt und daraus ihre Lehren zieht. Ganz schlimm war es in der Zeit des dreißigjährigen Krieges 1618 - 1648. Fremde Kriegshorden durchzogen unser Land kreuz und quer. Raub, Mord und Plünderungen waren an der Tagesordnung. Mensfelden hatte auch wie andere Dörfer unserer Heimat in diesen Kriegsjahren viel zu leiden. Deutschland war vor diesem Krieg ein, der Zeit entsprechendes, wohlhabendes erfolgreiches Land gewesen. Nach dem Krieg glich es einer Wüste. Wie in alten geschichtlichen Überlieferungen berichtet wird, sind damals bis zu 70 % der Bevölkerung in diesem Krieg, an dessen Folgen und Seuchen umgekommen. Die Wenigen, die übrig blieben, fanden leer gebrannte Häuser und verwilderte Felder. Es gab kaum noch Nutztiere, und selbst die waren noch von Seuchen und umherziehenden Räuberbanden bedroht. In diesem Zustand ist auch unser Dorf gewesen; es waren nur wenige, die diese Zeit überlebten. Nach alten mündlichen Überlieferungen, sollen in unserer Gemarkung vor dem dreißigjährigen Krieg noch zwei kleine Dörfer gelegen haben. Das eine Dorf, das den Namen Weiden hatte, lag zwischen dem Zollhaus und Linter, in der heutigen Weiderborngewann. Das andere Dorf mit dem Namen Klingen soll untig dem Klingerkopf im Mühlbachtal gewesen sein. Beide Dörfer sind, alten Erzählungen nach, im dreißigjährigen Krieg der Vernichtung und den Seuchen zum Opfer gefallen. Von letzterem sind bis jetzt keine Spuren aufgefunden worden, dagegen sind von dem Dorf Weiden noch ein gemauerter Brunnen und Mauerreste vorhanden. Erwähnenswert sind auch die Revolutionskriege von 1792 - 1799. Es war das französische Revolutionsheer, das schon 1792 und 1795 über den Rhein bis Limburg vorgestoßen war, und erst in Bayern bei Amberg und Würzburg von den Österreichern unter Erzherzog Karl aufgefangen und zurückgeschlagen wurde. Am 10. September 1796 war einer der aufregendsten Tage der Limburger Geschichte. Erzherzog Karl von Österreich hatte sich mit seinen Truppen am Mensfelder Kopf verschanzt und machte von da aus einen gewaltigen Angriff auf Limburg und Diez, indem er die Franzosen über die Lahnbrücken bzw. Lahnübergänge zurückwarf. Das war die große Schlacht um die Lahnübergänge. In einem Bericht vom 1. März 1796 heißt es; bei dem im vorigen Herbst erfolgten Rückzug der Kaiserlichen und bei dem Vorrücken der Franzosen, haben die Mensfelder Unterthanen einen großen Verlust an Pferden, Ochsen und Fuhrwerken, teils auf Vorspann, teils durch Plünderungen erlitten. Es waren 32 Bauern aus Mensfelden, denen man ihre Zugtiere und Wagen abnahm. Ihr Antrag auf Entschädigung bei ihren Landesherren fand nur wenig Gehör. Man wollte nur den Verlust anerkennen, wenn auf Befehl des Schultheißen Gespanne gestellt werden mussten. Plünderungen wurden nicht anerkannt. Durch die jahrelangen Belagerungen und Abgaben kam unsere Heimat wieder in Not und Armut. In den Befreiungskriegen 1812/13 wurde unser Dorf abermals durch Abgaben und Plünderungen von den Franzosen und Russen schwer heimgesucht. Als ich noch ein Schuljunge war, erzählte uns unser Hausvorgänger, Georg Hatzmann, dass sein Vater 1812/13 erlebte, wie die Russen beim Durchmarsch die bunten Scheiben des Gerichtssaales Mittelstraße 11 herausbrachen und mitnahmen. Auch von einer unblutigen Revolution aus dem Jahre 1848 wird berichtet, wobei es zu einigen Aufständen in Berlin, Sachsen und Baden kam, die aber ohne große Verluste bald unterdrückt wurden. Im April und Mai 1848 hat man alle deutschen Länder aufgerufen ihre Vertreter für die Frankfurter Nationalversammlung zu wählen. Bereits am 18. Mai kamen die neugewählten Vertreter des deutschen Volkes zu ihrer ersten Sitzung in der Frankfurter Paulskirche zusammen. Etwa 600 Abgeordnete versammelten sich in der Paulskirche in Frankfurt. Der Bundestag wurde für aufgelöst erklärt und eine Reichsverfassung beraten, nach der das geeinte Deutschland regiert werden sollte. Die Abgeordneten der Nationalversammlung setzte sich aus drei Parteien zusammen; eine demokratische Linke, Rechte und Mitte. Die Bürger des Herzogtums Nassau hatten sechs Abgeordnete gewählt, die als ihre Vertreter an der Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche teilnahmen. Unter den sechs Abgeordneten war der aus Mensfelden stammende Karl Philipp Hehner, der zu dieser Zeit Regierungsrat in Wiesbaden war. Hehner gehörte den Liberalen (demokratischen Mitte) an. Die von der Nationalversammlung beratene Reichsverfassung wurde von den meisten deutschen Staaten nicht angenommen. Die Nationalversammlung löste sich schließlich auf. Ihr Versuch eine Einigung Deutschlands herbeizuführen, war gescheitert. Am Kriege 1866, als die Nassauer an der Seite Österreichs gegen Preußen standen, nahmen auch 9 Bürger aus Mensfelden teil. Lange Zeit lagen die nassauischen Truppen als Verbündete Österreichs bei Zorn und Langenschwalbach. Die hiesigen Einwohner brachten ihren Angehörigen Lebensmittel. Christian Schwenk aus der Schlimmstraße fiel bei Aschaffenburg. Weil es ein Bruderkrieg war, wurde sein Name später nicht mehr genannt. Am Krieg 1870/71, Preußen gegen Frankreich, nahmen 22 Kriegsteilnehmer aus Mensfelden teil, außer Philipp Zollmann, sind alle heimgekehrt. Philipp Zollmann ist am 2. September 1870 in Dijon (Frankreich) an Typhus gestorben. Für ihn hatte man eine Gedenktafel in der Kirche befestigt. Mensfelden im 1. Weltkrieg ✍ Autor(en): Markus Streb (2025) Am 1. August 1914 brachte man ein Plakat an der Mensfelder Post an, auf dem zu lesen war, dass der 2. August der Tag der Mobilmachung sei. Das bedeutete, dass alle Soldaten in Bereitschaft versetzt werden sollten. Reservisten und Landsturmmänner aus Mensfelden hatten da schon ihre Befehle erhalten, bei welchen Truppenteilen / Einheiten sie sich zu melden hatten. Mensfelder Soldaten kämpften in den folgenden Jahren an zahlreichen Fronten, in Galizien genauso wie an der Westfront. Das Gefallenendenkmal auf dem Mensfelder Friedhof nennt für den 1. Weltkrieg 28 Gefallene beziehungsweise Vermisste. Von einigen unter ihnen soll im Weiteren noch die Rede sein. Wir können davon ausgehen, dass auch in Mensfelden - zumindest anfänglich - die Kriegsbegeisterung sehr groß gewesen ist. Dies betraf besonders Jugendliche und junge Erwachsene. Am 10. Oktober 1914 ist im Limburger Anzeiger zu lesen, dass zur militärischen Vorbereitung der Jugend im Kreis Limburg, eine Einteilung des Kreises in 11 Kompanien vorgenommen wird. Die 9. Kompanie trug den Namen „Mensfelderkopf“ und bestand aus vier Zügen: 1. Zug: Mensfelden, 2. Zug: Heringen, 3. Zug: Neesbach, 4. Zug: Kirberg, Ohren. Sie unterstanden dem Ersatz-Landsturm-Infanterie-Bataillon Limburg und wurden auf den Fronteinsatz vorbereitet. Die Jugendlichen traten auch öffentlich mit Exerzierübungen in Erscheinung. So zum Beispiel am Sonntag, den 3. Januar 1915, wo sich die Jugendkompanien „Stadt Limburg“, „Elz“, „Mensfelder Kopf“ und „Reckenhorst“ auf dem Limburger Marktplatz trafen, zum Kriegerdenkmal am Neumarkt marschierten und dort einer kriegsbegeisterten Rede von Bischof Kilian zuhörten. Im Juni 1915 war außerdem die zweite Kompanie des Landsturm Ersatz Bataillons Limburg zu Gast in Mensfelden. Neben einem kleinen Umtrunk in der Gastwirtschaft Neubeck in der Unterstraße, spielten die Soldaten Musik, die die Mensfelderinnen und Mensfelder laut zeitgenössischen Berichten sehr erfreute. Die lokalen Zeitungen, besonders der Limburger Anzeiger und der Nassauer Bote, informierten nicht nur über das allgemeine Kriegsgeschehen. Dort fanden sich immer wieder auch kurze Berichte über Einberufungen und Ordensverleihungen sowie Gefallenen- und Vermisstenmeldungen, die Mensfelder betrafen. Man erfuhr dort beispielsweise, dass dem aus Mensfelden stammenden Kirberger Lehrer und Leutnant der Reserve August Lieber, sowie dem Telefonisten Wilhelm Volk, das Eiserne Kreuz verliehen wurde. Auch Lehrer Helfrich kämpfte an der Front und erhielt nach seiner Beförderung zum Leutnant im Infanterie-Regiment Kaiser Wilhelm Nr. 116 im Frühjahr 1915 das Eiserne Kreuz. Als weiterer Würdenträger ist auch Pfarrer Böckel als Vizefeldwebel in den Heeresdienst eingetreten. Besonderes Interesse weckten die Meldungen von vermissten, verwundeten oder gefallenen Soldaten. So erfuhr man beispielsweise, dass Siegfried Besmann, einer der zahlreichen Mensfelder Juden, die auch an der Front kämpften, am 21. Juli 1916 verwundet wurde. Ende 1916 fiel der Lehrer Karl Reinhardt im Alter von 22 Jahren. Der Nassauer Bote vom 14. Dezember 1916 berichtet, dass er der zweite Sohn innerhalb eines halben Jahres war, der im Krieg zu Tode kam. (Abbildung: 1) Im Limburger Anzeiger vom 16. Mai 1917 ist zu lesen, dass der Musketier Karl Crecelius in einem Feldlazarett „den Heldentod fürs Vaterland“ gestorben ist. Nicht nur in den Familien und Freundeskreisen hinterließen die Gefallenen große Lücken und Trauer. Allein der Turn- und Sportverein 1894 e.V. verlor durch den Krieg 15 Mitglieder. Die Gräber von vielen der Mensfelder Gefallenen befinden sich verstreut über die Kriegsschauplätze. Im Oktober 1918 befanden sich nur vier Gräber von Gefallenen auf dem Mensfelder Friedhof, wie der Limburger Anzeiger vom 24. Oktober 1918 berichtet. Lehrer Bernhardt hatte dafür gesorgt, dass für die Gefallenen eine eigene Anlage eingerichtet wird. Er selbst war im Laufe des Krieges an der Westfront gefallen. Sein Grab befand sich kurz nach seinem Tod bereits auf einem Territorium, das wieder von französischen Streitkräften kontrolliert wurde. Heute zeugen auf dem Friedhof in Mensfelden neben dem Gefallenendenkmal, nur wenige Gräber von dieser Zeit. Zeitungsbericht: Traueranzeige für den Mensfelder Lehrer Karl Reinhardt, Limburger Anzeiger vom 11. November 1916 Kriegsalltag im Dorf Kurz vor Beginn des 1. Weltkriegs lebten in Mensfelden knapp über 1050 Menschen. Während die Mehrzahl der erwachsenen Männer als Soldaten dienten, lebten in Mensfelden zur Zeit des Krieges, mit wenigen Ausnahmen, vor allem ältere Männer, Frauen und Kinder. Sie füllten die meisten Aufgaben aus, besonders die schwere Arbeit in der Landwirtschaft. Daneben unterstützten die Einwohnerinnen und Einwohner von Mensfelden auf unterschiedliche Weisen die Kriegsbemühungen. Den Lokalzeitungen von damals entnehmen wir, dass die Mensfelder und Mensfelderinnen Spenden an das Rote Kreuz oder für Weihnachtsgaben an die Soldaten sammelten. Gespendet wurden neben Geld auch Lebensmittel wie Obst, Gemüse, Zucker oder Wurst sowie Gebrauchsgüter wie Zigaretten, Tabak, oder Bett- und Verbandszeug. Gespendet haben nicht nur Einzelpersonen, sondern auch Organisationen wie der Sportverein. Bei Gottesdiensten oder in Kneipen wurden Sammeldosen aufgestellt. Auch der Israelitische Frauenverein Dauborn-Heringen, zu dem auch die Jüdinnen aus Mensfelden gehörten, spendete. Eine Meldung im Limburger Anzeiger vom 7. September 1914 unter dem Titel „Liebesgaben aus Mensfelden“ betont die besondere Rolle von Frauen: „für die Verwundeten in Limburg: Frau Müller 6 Täubchen, Frau A. Völker 2 Hähnchen, Frau Helfrich 3 Hähnchen, Frau Opel 2 Hähnchen, Frau Schumacher 3 Hähnchen, Frau Völker 3 Hähnchen, Frau Joh. Karl Schwenk II. Weintrauben.“ Im weiteren Kriegsverlauf gab es die Aktion „Gold geb ich für Eisen“, bei der vor allem Frauen dazu angehalten waren ihren Schmuck zu spenden. Im Gegenzug erhielten die Spenderinnen Eisenschmuck, der oft stolz zur Schau getragen wurde. Einige Dinge gingen trotz allem ihren gewohnten Lauf. Im Mai 1915 beispielsweise fand die Wahl des Bürgermeisters statt. Nach bereits 28 Jahren im Amt war Philipp Wilhelm Deußer, Kriegsteilnehmer 1870/71, wiedergewählt worden. In vielerlei Hinsicht veränderte sich das Dorfleben aber natürlich stark. Das Vereinsleben kam zum Erliegen, was vor allem Sport und Musik betraf. Daneben prägten Notverordnungen den Alltag der Menschen. Es wurden beispielsweise Karten für Kleidung und Lebensmittel ausgegeben. Zusätzlich mussten Kupferkessel oder die besten Pferde abgegeben werden. Die beiden kleinen Glocken des Kirchturms wurden beschlagnahmt und eingeschmolzen. Die Notzeiten führten zu einer Verarmung der Bevölkerung. Kriegsgefangene zur Zwangsarbeit in Mensfelden und das Tagebuch von Alfred William Hall Durch das Heranziehen von Kriegsgefangenen zur Zwangsarbeit sollte die deutsche Bevölkerung, so auch in Mensfelden, entlastet werden. Die Kriegsgefangenen wurden vor allem bei Bauernfamilien und bei Gewerbebetrieben eingesetzt. Die britischen und kanadischen Kriegsgefangenen waren in der Turnhalle in der Remmeltstraße 20 untergebracht. Die französischen Kriegsgefangenen hatte man im Gasthaus Klapper in der damaligen Mittelstraße (heute bekannt als ehemalige Gaststätte „Tiroler Hof“) einquartiert. Wie viele Kriegsgefangene in Mensfelden insgesamt eingesetzt waren, lässt sich aktuell nicht ermitteln. Es dürften aber zumeist mehrere Dutzende gewesen sein. Alfred William Hall, einer der in Mensfelden zur Zwangsarbeit eingesetzten britischen Kriegsgefangenen, hat umfangreiche Aufzeichnungen aus dieser Zeit hinterlassen. Im Folgenden sollen einige Passagen aus dem 2002 erschienen Buch In Enemy Hands: A British Territorial Soldier in Germany 1915 - 1919 wiedergegeben werden, in dem Halls Erlebnisse in deutscher Kriegsgefangenschaft dokumentiert sind. Darin finden sich auch mehr als 20 Fotografien aus dieser Zeit. Für die Recherchen zu dem Buch bereiste sein Sohn Anfang der 2000er Jahre auch Mensfelden. Alfred William Hall wurde am 2. Februar 1891 geboren. Bei Ausbruch des 1. Weltkriegs war er also 23 Jahre alt. Er trat im September 1914 in das 12. Bataillon des London Regiment ein, auch bekannt als „The Rangers“. Mit ihnen kämpfte er ab Februar 1915 gegen die Deutschen. Anfang Mai 1915 geriet er schließlich bei der Schlacht um Frezenberg in Gefangenschaft. Nach einer kurzen Zeit im Kriegsgefangenenlager in Gießen, kam Hall schließlich im August 1915 zusammen mit einigen Männern des englischen Suffolk Regiments nach Mensfelden, um dort in der Landwirtschaft zu arbeiten. Die britischen Kriegsgefangenen, zusammengefasst als Kommando, hatten ihre Unterkunft in der Turnhalle in der Remmeltstraße. Er arbeitete in der Landwirtschaft bei einer Familie Lieber. (Abbildung: 2) Foto: Der Kriegsgefangene Alfred William Hall (links stehend) mit Familie Lieber in Mensfelden, November 1915, Quelle: Hall war zunächst überfordert von der neuen Situation in einem fremden Land, über das er wenig wusste. Zudem machte ihm die schwere körperliche Arbeit zu schaffen, die er kaum gewohnt war. In seinem Tagebuch geht es viel um den Arbeitsalltag, das Miteinander der Kriegsgefangenen oder das Auskommen mit den Deutschen. Ein etwas längeres Zitat soll einen ersten Einblick in die Situation der Kriegsgefangenen in Mensfelden geben. Am 27. Mai 1916 schreibt Hall: „Es ist eine Weile her seit ich etwas in dieses sogenannte Tagebuch geschrieben habe, da ich sehr beschäftigt bin mit Arbeit von 6 Uhr 30 bis 21 Uhr und dabei vom frühen Morgen bis späten Abend nur kurze Pausen für Mahlzeiten. 15-20 Minuten Frühstück, 20-30 Minuten Mittagessen und 15-20 Minuten Kaffeepause am Nachmittag. Natürlich muss ich mich daran erinnern, dass ich Kriegsgefangener bin und diese Leute mit mir machen können was sie wollen. ABER Alfred ist nicht von gestern. Genug gesagt. […] Es werden immer weniger Engländer in Mensfelden. Letzten August waren hier 42. Gerade ist die Anzahl 14, und über 40 Franzosen. Wir hatten zuletzt sehr heißes Wetter und man merkt es besonders im Feld beim Pflügen, Eggen, Heumachen und Säen. Unentwegt laufen, laufen. Disteln ausreißen ist eine öde Arbeit. Ich muss sagen mir geht es sehr gut, aber der Himmel weiß wie wir Kriegsgefangenen aussehen würden, wenn keine Päckchen aus England kämen. Dennoch glaube ich wir können uns glücklich schätzen auf einem Bauernhof zu arbeiten. Niemand kann 6 Monate in einem Lager leben ohne Päckchen von zuhause und ich weigere mich woanders zu arbeiten als es in der Haager Konvention beschlossen wurde1. Der Zustand dieses Landes ist furchtbar, ich kann mir nicht vorstellen wie der ärmere Teil der Bevölkerung in den Städten existieren kann. Es mangelt an allem. […].“ 2 Hall spricht hier die Postsendungen an, die viele der Kriegsgefangenen regelmäßig von ihren Familien, dem Roten Kreuz oder ihnen unbekannten Personen erhielten. Besonders wichtig war dabei der Erhalt zusätzlicher Lebensmittel, denn die Kriegsgefangenen litten neben der deutschen Bevölkerung unter der schlechten Versorgungslage. Die Pakete enthielten oft auch persönliche Briefe, Fotos, zusätzliche Kleidung oder nützliche Alltagsgegenstände. Hall konnte den Vorstand „seiner“ Mensfelder Familie nicht ausstehen. Im Tagebuch nennt er ihn immer nur „Herr Lieber“. Im September 1915 beispielsweise wurden die beiden beim Lesen der Kartoffel von Starkregen überrascht. Sie suchten Schutz hinter einem der Kartoffelsäcke, bis Hall diesen umwarf. Lieber brach daraufhin in wildes Fluchen aus. Auch als Hall sich im Oktober 1915 weigerte sonntags zu arbeiten, dem einzigen freien Tag, der den Kriegsgefangenen zustand, hatten die beiden eine fürchterliche Auseinandersetzung, wie Hall schreibt. Sie schrien sich an und Lieber drohte damit ihn zurück ins Lager nach Gießen zu schicken. Hall entgegnete, dass es ihm ohnehin egal sei, wo genau er sich in diesem höllischen Land befand. Erst als Frau Lieber ihn eine Woche später anflehte, arbeitete Hall doch an einem Sonntag. Aufschlussreich sind Ausführungen Halls über den „geehrten Arbeitgeber und seine Familie“ vom 17. November 1915: „Herr Lieber ist ein Mann von 55 Jahren. Nicht groß, aber bemerkenswert stark für sein Alter und seine Größe. Sein einziger Gott ist Geld. Um daran zu gelangen, angesichts der verwendeten primitiven Methoden, ist schwere Arbeit nötig, teuflisch schwere Arbeit. Ihm macht es aber nichts aus, er weidet sich an Arbeit und Dreck, vor allem an letzterem. Ich habe nie einen schmutzigeren Schlag Menschen gesehen als die Deutschen. Frau Lieber und Tochter sind genauso schlimm.“ Nicht nur über „Herr Lieber“ und seine Familie hatte Hall wenig Gutes zu berichten. Der Kommandoführer des Wachkommandos in Mensfelden war der Gefreite August Zollmann. Dieser war Angehöriger der zweiten Kompanie des Landsturmbattaillons XVIII/28. Von Hall erhielt er den abfälligen Spitznamen „Brickdust“ (etwa „Ziegelmehl“). Er war berüchtigt für die Gewalt, die er gegen die Kriegsgefangenen ausübte. Hall schreibt über die Zeit nach dem Krieg und seine Bestrafungsphantasien Zollmann gegenüber: „Oh, es werden einige Rechnungen beglichen, wenn der Krieg vorbei ist. Brickdust, das Ding, das als Mann durch die Straßen patroulliert und versucht unsere Seelen zu brechen.“ Dass die gefangenen Soldaten mit ihrer Situation unzufrieden waren, konnte sich neben solchen Phantasien auf verschiedene andere Art bemerkbar machen. Am 24. September 1915 ist der kanadische Kriegsgefangene George Holland aus dem Arbeitskommando in Mensfelden geflohen. Laut einer Meldung im Frankfurter Nachrichten und Intelligenz-Blatt war Holland zu diesem Zeitpunkt 28 Jahre alt. Bei der Flucht trug er eine graue Zivilhose mit breiten roten Streifen, eine englische Uniformjacke und Schirmmütze. Holland wurde am zweiten Tag seiner Flucht aufgegriffen. H.J. Clarke, ein anderer Kriegsgefangener und ebenfalls Tagebuchschreiber in Mensfelden, kommentiert dazu abfällig: „Holland von den Kanadiern hat sich zum Gespött gemacht, in den etwa 40 Stunden bevor er gefasst wurde, hat er es geschafft etwa vier Kilometer zurückzulegen als er im nächsten Dorf Oberneisen gefunden wurde.“ Im Frühjahr 1917 gab es eine weitere Flucht von drei Kriegsgefangenen aus Mensfelden. Hall hatte sie bei der Vorbereitung auf die Flucht unterstützt. Neben den Fluchtversuchen kamen vor allem kleinere Formen von Regelbrüchen immer wieder vor. So etwa im Januar 1917, als eine Gruppe Kriegsgefangener Schlitten stahl und einen ganzen Nachmittag damit durch den Schnee tobte. Neben solchen Ausnahmesituationen gab es immer wieder Theater- und Musikaufführungen der Kriegsgefangenen. Nicht selten entwickelten die Franzosen und Engländer dabei gemeinsame Programme. All diese Aktivitäten waren zwar willkommene Ablenkungen, konnten aber nicht über die frustrierende Situation hinwegtäuschen, dass die Kriegsgefangenen durch ihre Zwangsarbeit den Feind unterstützten. Hall war zunehmend frustriert und der Streit mit „Herr Lieber“ eskalierte im Sommer 1917. Es kam zu einer Auseinandersetzung, nach der Lieber Hall beschuldigte, dass er ihn geschlagen habe. Hall musste zunächst für mehrere Tage in Mensfelden in eine Strafzelle. Anschließend kam er zurück in das Kriegsgefangenenlager in Gießen von wo aus er in ein Strafkommando geschickt wurde. Er leistete schwere Zwangsarbeit im Kohleabbau. Eine Anhörung Halls fand erst statt, als er bereits mehrere Monate lang seine Strafe verbüßt hatte. Am 12. Mai 1918 kommt Hall wieder nach Mensfelden. Über diesen zweiten Aufenthalt lässt sich wenig sagen. Die Beziehung zu Lieber dürften nicht besser geworden sein, nach allem was passiert ist. Es entwickelte sich in dieser Zeit aber eine Freundschaft zu Bertha Hehner/„Tante Bertha“ und ihrer Patentochter Minna/Wilhelmine Schwenk, mit denen Hall auch nach dem Krieg noch Briefe schrieb. Das Kriegsende wurde für einige der Kriegsgefangenen in Mensfelden noch einmal dramatisch. Anfang November 1918, nur wenige Tage vor der Unterzeichnung des Waffenstillstands, starb einer der in Lichfield geborene Charles Kelly in Mensfelden. Er war im Alter von 31 Jahren der Spanischen Grippe erlegen. Laut den Tagebucheinträgen von H.J. Clarke, Mitglied des Suffolk Regiment, war Kelly bereits seit 1914 Kriegsgefangener. Seine letzte Nacht soll besonders schlimm gewesen sein. Er referierte im Fieber britische Geschichte, sang vor sich hin und betete schließlich, bevor er starb. Ein Arzt war erst viel zu spät zur Stelle. Auch in einem der Nachbarorte sollen ein russischer und ein französischer Kriegsgefangener gestorben sein. In Mensfelden errichteten die anderen Kriegsgefangenen einen Grabstein für Kelly, der sich nicht erhalten hat. (Abbildung: 3) Seine Gebeine wurden später auf den britischen Militärfriedhof bei Niederzwehren verlegt. So war Kelly wohl einer der letzten Toten, die in Mensfelden in Zusammenhang mit dem 1. Weltkrieg zu beklagen war. Doch die Kriegsjahre sollten noch vielseitige Auswirkungen haben. Foto: Grabstein von Charles P. Kelly auf dem Mensfelder Friedhof. Errichtet von anderen englischen Kriegsgefangenen, undatiert, Quelle: Auswirkungen des Krieges Verstümmelungen, Verwundungen, Traumata, verlorene Familienmitglieder und Armut sind die offensichtlichsten Folgen des Krieges für die Zeit danach. Die Zurückgekehrten waren oft traumatisiert und/oder hatten mit körperlichen Folgen des Krieges zu kämpfen. Kriegsversehrte prägten den Alltag, wie sich viele Mensfelder noch Jahrzehnte später erinnerten. Auch nach dem Krieg gab es eine Spendenbereitschaft für Soldaten, so zum Beispiel zu Beginn des Jahres 1920 für das Durchgangslager Limburg. Anfang Februar 1920 wurde im Gasthaus Klapper ein Wohltätigkeitsfest statt, „zum Besten der Hinterbliebenen der Gefallenen und der Angehörigen der Kriegsgefangenen“, wie es im Limburger Anzeiger vom 6. Februar 1920 heißt. Die Veranstaltung war ein „Bunter Abend“ mit vielseitigem Programm. Auch auf andere Weise wurde den Gefallenen gedacht: Wie der Limburger Anzeiger vom 13.Oktober 1920 berichtet, enthüllte der Turnverein eine Gedenktafel in der Turnhalle. konkret bezieht sich Hall auf die Haager Landkriegsordnung von 1907; Anmerkung von Markus Streb↩︎ Diese sowie die folgenden Übersetzungen aus dem englischen Original stammen von Markus Streb↩︎ Mensfelden im 2. Weltkrieg ✍ Autor(en): Markus Streb (2025), David Diefenbach (2025) Limburg nach dem 1. Weltkrieg Der Erste Weltkrieg hatte auch in Limburg und der umliegenden Region sichtbare Spuren hinterlassen. Bereits während des Krieges entstand zwischen Limburg und Dietkirchen ein großes Kriegsgefangenenlager, in dem zeitweise bis zu 12.000 Gefangene untergebracht waren. Noch heute erinnert eine Kriegsgräberstätte an der Verbindungsstraße an dieses Lager. Nach dem Krieg kam es zu einer besonderen Situation: Durch die französische und amerikanische Besetzung entstand zwischen den Brückenköpfen Koblenz und Mainz ein Gebiet, das von den Alliierten nicht kontrolliert wurde. Dieser schmale Streifen umfasste mehrere Gemeinden im Taunus und im Westerwald und erhielt später den Namen „Freistaat Flaschenhals“. Da Limburg die nächstgelegene unbesetzte Stadt war, wurde es zur zentralen Versorgungsstelle für diese Dörfer. Lebensmittel, Waren und sogar Post mussten über Limburg beschafft und weitergeleitet werden. Schmuggel und improvisierte Handelswege gehörten zum Alltag, und die wirtschaftliche Not in der Region wurde durch diese Umstände noch verschärft. Die politische Lage blieb unruhig. Ab Mai 1923 besetzten französische Truppen schließlich auch Limburg, und Bürgermeister Marcus Krüsmann wurde verhaftet und interniert, ehe er 1924 in sein Amt zurückkehren konnte. Erst mit dem Ende der Besatzung begann ab Mitte der 1920er-Jahre eine Phase der wirtschaftlichen Stabilisierung und Bautätigkeit, die auch das Umland erfasste. Die Weltwirtschaftskrise von 1929 brachte auch für die Region Limburg erhebliche Belastungen mit sich. Arbeitslosigkeit, wirtschaftliche Unsicherheit und politische Orientierungslosigkeit prägten den Alltag. In dieser Situation gewann die NSDAP zunehmend an Einfluss; bereits 1928 war in Limburg eine Ortsgruppe gegründet worden. Mit der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 setzte sich die nationalsozialistische Herrschaft rasch durch. Am 7. März 1933 wurde am Limburger Rathaus die Hakenkreuzflagge gehisst, und Bürgermeister Marcus Krüsmann sah sich öffentlich gedrängt,den Hitlergruß zu leisten. Aufstieg des Nationalsozialismus Eine systematische Auseinandersetzung mit der Zeit des Nationalsozialismus in Mensfelden hat bisher noch nicht stattgefunden. Dies liegt zum einen daran, dass es sich um ein unbequemes, oft scham- oder schuldbehaftetes oder verklärtes Thema handelt, über das von Zeitzeugen und Zeitzeuginnen wie auch von deren Nachkommen nicht gern gesprochen wird. Neben historisch sicher Richtigem kursieren Mythen und Ungereimtheiten. Zum anderen ist die Quellenlage oft lückenhaft. Außerdem hat sich bisher noch niemand gefunden, der sich des Themas umfassend annimmt. Auch alte Dorfchronik blieb hier sehr oberflächlich und teils irreführend. Wir möchten an dieser Stelle einen ersten, knappen und bruchstückhaften Überblick geben und hoffen, dass infolge unseres Beitrags zukünftig eine intensivere Auseinandersetzung und Forschung stattfindet. 1 NSDAP-Organisationen und Aktivitäten Bereits vor der Machtübertragung auf die NSDAP im Januar 1933 gab es Aktivitäten der Partei in Mensfelden. Am 10. September 1930 um 21 Uhr fand im Saal des Gasthauses Klapper in Mensfelden die erste Veranstaltung der NSDAP statt. Es kamen 250-300 Teilnehmer. Knapp einen Monat später hielt der Mensfelder Albert Schumann vor mehr als 150 Personen im Gasthaus Klapper einen Vortrag für die NSDAP, in dem er auch gegen Juden und Jüdinnen hetzte. Es folgten weitere Veranstaltungen der NSDAP im Gasthaus Klapper, aber auch in den umliegenden Dörfern und Limburg, die von Mensfelderinnen und Mensfeldern besucht wurden – die Teilnahme erfolgte sicher oft auch aus Neugierde und Interesse und nicht bei allen aus voller Überzeugung. Besonders auffällig sind die Wahlergebnisse der frühen 1930er Jahre, die eine überdurchschnittlich hohe Unterstützung der NSDAP zeigen. Im September 1930 stimmten 20,4% der Wahlberechtigten in Mensfelden für die NSDAP. Am 31. Juli 1932 waren es bereits 70,7% und im November 1932 sogar 76,8%, also mehr als das Doppelte des reichsweiten Ergebnisses, das bei 33,1% lag. Bei den beiden Wahlen zum Reichspräsidenten 1932 erhielt Adolf Hitler 54,3% und 77,2%. Viele der knapp 950 Einwohnerinnen und Einwohner dürften also die Machtübertragung auf die NSDAP Ende Januar 1933 begrüßt haben. Der Nationalsozialismus, seine Symbole und Uniformen gehörten von nun an zum Alltag im Dorf. Für Mensfelden, wie für die meisten Ortschaften im Reichsgebiet auch, existieren zahlreiche Abbildungen, die mit NS-Symbolen wie Hakenkreuzfahnen geschmückte Straßenzüge oder Häuser zeigen. Eines dieser Bilder aus dem Jahr 1934 zeigt ein Haus, das sich gegenüber des jüdischen Betraums an der Ecke Fahlerstraße/Laißstraße (heute Sonntagsstraße) befand. Dieses Haus ist mir schwarz-weiß-roter Fahne, Hakenkreuzwimpeln und einem Hakenkreuz Kranz geschmückt.2 Das Haus eines anderen besonders begeisterten NSDAP-Anhängers war im Dorf als „braunes Haus“ bekannt. Foto: Haus an der Ecke Laistraße/Fahlerstraße, 1934 Überliefert sind außerdem zahlreiche Bilder mit Kindern in Uniformen von Jungvolk, Hitlerjugend (HJ) und Bund Deutscher Mädel (BDM) darunter auch solche, auf denen Kinder den Hitlergruß zeigen. In Fotoalben und teilweise auch gerahmt in manchem Wohnzimmer finden sich auch heute noch Bilder der Vorfahren in Wehrmachts- oder Waffen-SS Uniformen, oder verschiedener anderer nationalsozialistischer Organisationen, wie dem Reichsarbeitsdienst oder der NS-Frauenschaft. Auch in Mensfelden gab es eine Ortsgruppe der NSDAP, deren Leiter Adolf Crecelius war. Daneben gab es Mitglieder von SA und SS. Genaue Zahlen liegen allerdings keine vor. Mitglieder dieser Gruppierungen griffen immer wieder in Alltag ein, mit Propaganda, Denunziationen, abschätzigen Kommentaren und Ähnlichem. Besonders die jüdische Bevölkerung war hiervon betroffen: Ab 1933 kam es zu mehreren Denunziationen sowie Angriffen auf die jüdischen Einwohnerinnen und Einwohner oder deren Häuser. Unter den aktenkundig gewordenen Tätern waren vor allem Mitglieder der SA. Auch im Rahmen der Novemberpogrome im Jahr 1938, der so genannten „Reichskristallnacht“, kam es in Mensfelden zu judenfeindlichen Ausschreitungen durch Mensfelderinnen und Mensfelder und auswärtige Mitglieder von Organisationen der Nazis. Im Laufe der 1930er Jahre gelang einigen Jüdinnen und Juden die Flucht ins Ausland oder in nahegelegene größere Städte, vor allem nach Mainz und Frankfurt. Bis zum Jahresende 1939 waren alle jüdischen Familien aus Mensfelden geflohen. Für alle, die bis zu diesem Zeitpunkt nicht ins Ausland entkommen waren, endete der Nationalsozialismus tödlich. Sie wurden entweder in Ghettos oder Konzentrations- und Vernichtungslager verschleppt, starben an den Folgen der Verfolgung oder nahmen sich selbst das Leben. 2 Foto: Festumzug zum 100 jährigen Jubiläum des Gesangvereins, 1937 Mindestens ein halbes Dutzend Mensfelder Bürgerinnen und Bürger wurden in den 1930er Jahren durch Beschlüsse eines sogenannten „Erbgesundheitsgerichts“ zwangssterilisiert. Die Unfruchtbarmachung erfolgte in den meisten bekannten Fällen in Diez oder Kirberg. Weitere Forschungen hierzu stehen noch aus, ebenso wie zu der Frage, wie viele Mensfelder oder Mensfelderinnen Opfer der sogenannten NS-Euthanasie waren und in Tötungsanstalten wie der in Hadamar ermordet wurden. Zeitzeuginnen und Zeitzeugen erinnerten sich auf jeden Fall daran, dass man wusste oder mindestens vermutete, was in Hadamar passierte. Vom Mensfelder Kopf aus konnte auch der rauchende Schornstein der Tötungsanstalt gesehen werden. Selbstverständlich waren nicht alle Bewohnerinnen und Bewohner in Mensfelden gleichermaßen überzeugt vom Nationalsozialismus. Die Motive und die Einstellungen konnten sich auch im Laufe der Zeit verändern. Letztlich muss man jede Person einzeln betrachten, um zu einem differenzierten Urteil kommen zu können. Es lässt sich aber festhalten, dass in Mensfelden über lange Zeit hinweg eine Begeisterung für den Nationalsozialismus vorherrschte. Im Dorf gab es aber auch Menschen, neben den jüdischen Bewohnern und Bewohnerinnen, die nicht mit dem Nationalsozialismus oder einzelnen Aspekten und Personen einverstanden waren. Der 1875 geborene Maurermeister Johann Georg Nilges II wurde beispielsweise zu einem dreimonatigenn Gefängnisaufenthalt verurteilt, weil er sich im Frühjahr 1934 in der Gastwirtschaft Karl Faust („Fauste“) abfällig über die Ehefrauen von Hermann Göring und Joseph Goebels geäußert hatte. Gegen ihn hatten einige „alter Kämpfer“, also Mensfelder Nazis der ersten Stunde, ausgesagt. Segelflugschule der Hitlerjugend / Flugplatz Blumenrod Eine Besonderheit in Mensfelden war die Präsenz einer Segelflugschule der Hitlerjugend zur vormilitärischen Ausbildung auf dem Mensfelder Kopf. Im Jahr 1937/38 wurde auf Antrag der Gruppe 11 des Nationalsozialistischen Flieger Korps (NSFK) eine Flugzeughalle erbaut. Die Segelflieger schliefen zunächst in einer Baracke auf dem Mensfelder Kopf. Später wurde am Ortsrand eine eigene Halle zur Unterbringung gebaut. Diese Halle diente nach dem Krieg als erste Unterkunft für die Heimatvertriebenen. 3 Die Versorgung der Segelflieger fand auf dem Mensfelder Kopf oder im Gasthaus Faust statt. Auch Absolventen der im nahegelegenen Diez befindlichen Nationalpolitischen Erziehungsanstalt nutzten die Ausbildung auf dem Mensfelder Kopf. Sie kamen etwa für einwöchige oder wöchentlich stattfindende Segelflugkurse, die beispielsweise unter Anleitung des NSFK-Sturmführers Franz Neumann, oder kurz vor Kriegsende bei Obertruppführer Urbahn, Unteroffizier Wollbrandt oder Unteroffizier Dornbusch stattfanden. Harald Schäfer, ein Napola-Schüler4 in Diez-Oranienstein, schrieb zur Ausbildung auf dem „Meko“ Anfang 1945, also kurz vor Kriegsende: „In all diesem Trubel ist es eine geradezu unverantwortliche Farce, daß ein Teil von uns im Januar und Februar 1945 in schneeweißen Schulgleitern mit knalligen Hakenkreuzemblemen seine Segelflugausbildung auf dem nahegelegenen Mensfelder Kopf bei Limburg beginnt. Mißmutige, ordensdekorierte Flieger der Luftwaffe sind die Ausbilder, ihre wenigen, veralteten Maschinen stehen getarnt im nahen Wald.“ Zu diesen Flugzeugen zählten beispielsweise drei Fieseler Fi 156 „Storch“ und eine Messerschmitt Bf 108 „Taifun“. Vor allem aber diente der Mensfelder Kopf als Ausbildungsstätte für Mitglieder der Flieger-HJ. Dazu zählte beispielsweise der damals 15-jährige Werner Loew aus Limburg, der 1942 auf den Mensfelder Kopf kam. In seinen Erinnerungen an die Zeit des Nationalsozialismus beschreibt er seine Ausbildung, die vor allem an den Schulgleitern „SG 38“ stattfand. Anfangs kam er nur wochenends auf den Mensfelder Kopf. Nach einem längeren Einsatz als Luftwaffenhelfer kam er 1944 wieder. Er erinnerte sich: „In Mensfelden gab es jetzt eine Baracke für Freizeit, Essen und Schlafen und eine Halle für sechs Schulgleiter […].“ Für Werner Loew, wie für viele andere, war der Mensfelder Kopf eine von vielen Stationen auf dem Weg zum Piloten. 5 Insgesamt wurden mindestens 700 Teilnehmer auf dem Mensfelder Kopf ausgebildet, das geht aus einem Flug- und Lagerbuch der Segelflugschule hervor. Die Seiten enthalten eine heterogene Mischung aus formalen, tabellarischen Teilnehmerlisten, offiziellen Berichten über Rekordflüge, persönlichen Gedichten und Liedern, humorvollen Anekdoten und Zeichnungen sowie ideologisch gefärbten Kommentaren und Parolen. Die Teilnehmer stammten überwiegend aus der näheren und weiteren Umgebung des Mensfelder Kopfes. Städte wie Limburg, Rüsselsheim, Frankfurt am Main, Wiesbaden und Offenbach sind stark vertreten. Teilweise gab es hier Lehrgänge die ausschließlich für Mitglieder der Napola Oranienstein gehalten wurden. Neben dem Segelflugbetrieb befanden sich auch Stellungen mit Flugabwehrkanonen (Flak) auf dem Mensfelder Kopf. In diesem Zusammenhang ist auch interessant zu erwähnen, dass sich bis Kriegsende ein Fliegerhorst der Luftwaffe nahe des Mensfelder Kopfs in Richtung Linter und Blumenrod befand. Dieser war eine beliebte Attraktion, besonders bei den Mensfelder Kindern. Im Jahr 1936 war ins Feld zwischen Mensfelden, Linter und Blumenrod zunächst der Limburger Hilfslandeplatz verlegt worden. Noch vor dem Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde dieser ausgebaut. Spätestens ab November 1939 erfolgte die Stationierung von Flugzeugstaffeln. Vor allem ab Herbst 1944 wurde der Flugplatz von zahlreichen unterschiedlichen Einheiten belegt. Neben Aufklärungsflugzeugen waren Jagd- und besonders auch Nachtjagdflugzeuge stationiert. Im Herbst 1944 wurde außerdem ein Rollweg zum Segelfluggelände am Mensfelder Kopf gebaut. Im Rahmen des geheimen „Silberprogramms“ wurde in dieser Zeit auch eine 1.700m lange und 50m breite Start- und Landebahn gebaut, die den Start der ersten in Serie gebauten Düsenflugzeuge wie der Messerschmitt Me 262 ermöglichen sollten. Zu einer entsprechenden Nutzung kam es jedoch nie. Nach Ende der Kampfhandlungen um Limburg Ende März 1945 wurde der Flugplatz noch kurzzeitig von amerikanischen Truppen genutzt. Bereits am 17. Mai 1945 wurde er aber wieder freigegeben und das Gelände stand wieder für die Landwirtschaft zur Verfügung. Zweiter Weltkrieg Im Laufe des Zweiten Weltkrieges, der mit dem deutschen Überfall auf Polen am 1. September 1939 begann, kämpften Einwohnerinnen und Einwohner aus Mensfelden als Soldaten an allen Kriegsschauplätzen oder unterstützen den Kriegsverlauf beispielsweise als Krankenschwestern. Dabei erlebten und sahen sie unfassbares Leid und waren für das Leid anderer verantwortlich. Auch hier lassen sich nur schwer pauschale Aussagen treffen. Erzählungen und Fotos, die noch heute in Familienbesitz sind, zeigen uns aber, dass beispielsweise die rassistische Politik insbesondere Kriegsverbrechen gegen die (jüdische) Bevölkerung Polens und der Sowjetunion bekannt waren und unter den Soldaten sowie zuhause in Mensfelden kommuniziert wurden. Erfahrungsberichte und Dokumente, die mit dem Kriegseinsatz zu tun haben, wurden bisher noch nicht gesammelt oder ausgewertet. Der Krieg führte neben der Verwundung vieler Soldaten, aber auch Zivilisten und Zivilistinnen, zu traumatischen Erfahrungen, die oft nicht oder kaum aufgearbeitet wurden. Zahlreiche Mensfelder fielen im Krieg oder gelten als vermisst. Das am 23. Februar 1953 errichtete Gefallenendenkmal auf dem Mensfelder Friedhof nennt die Namen von 58 Gefallenen beziehungsweise Vermissten aus dem Zweiten Weltkrieg. 6 Während des Krieges war das Leben im Dorf von Entbehrungen, Rationierungen und zusätzlichen Belastungen geprägt. Walter Schwenk schreibt in der alten Dorfchronik: „Bevor 1940 der Krieg mit Frankreich begann, müssten die Grenzbewohner des Saargebietes ihre Heimat verlassen. Etwa Mitte September wurden 10 Familien mit Pferd und Wagen aus Fellerich (Kreis Saarburg) nach Mensfelden umquartiert.“ Der Alltag im Dorf veränderte sich, allein durch die Abwesenheit vieler Männer. Eine gewisse Normalität wurde jedoch versucht aufrechtzuerhalten. Ämter, wie das des Bürgermeisters oder des NSDAP-Ortsgruppenleiters, blieben besetzt. Besonders Nachrichten über Einberufungen, Verwundungen oder Vermisst- und Todesmeldungen von Familienmitgliedern, Freunden und Bekannten gehörten zum Alltag. Die anfängliche Begeisterung für den Krieg dürfte bei vielen mit den Wintern 1941/42 und 1942/43, insbesondere aufgrund der Verluste an der Ostfront, auch in Mensfelden zurückgegangen. Das Vereinsleben war beeinträchtigt, da unter den Gefallenen 43 Mitglieder des Turn- und Sportvereins waren. Außerdem wurden wie auch im Ersten Weltkrieg in der Turnhalle Kriegsgefangene untergebracht. Während des Zweiten Weltkriegs kamen nun auch zivile Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen dazu. Evakuierungen aus Fellering nach Mensfelden Im September 1939, kurz nach Beginn des Zweiten Weltkrieges, mussten die rund 300 Einwohner des im Elsass gelegenen Dorfes Fellering ihre Heimat verlassen.7 Sie wurden gezwungen, ihr gesamtes Dorf zu räumen und in verschiedene Regionen des Deutschen Reiches verteilt. Ein Teil der Bevölkerung kam in den Limburger Raum. In Mensfelden fanden mehrere Familien für einige Monate Unterkunft. Während die Jüngeren und Familien in der Region blieben und dort untergebracht wurden, fuhren die älteren Bewohner mit dem Zug weiter nach Schwerin. In Mensfelden lebten die Evakuierten bis April 1940. Das Dorf nahm sie auf und bot trotz eigener Einschränkungen in der Kriegszeit Wohnraum und Unterstützung. Viele der Felleringer halfen während ihres Aufenthaltes in der Landwirtschaft mit. Im August 1962 kehrten 25 ehemalige Felleringer nach Mensfelden zurück und besuchten das Dorf, das ihnen in den ersten Monaten des Krieges Zuflucht geboten hatte. Zwangsarbeiterinnen & Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene In Mensfelden spielen vor allem die Erinnerungen an französische Kriegsgefangene, die als Zwangsarbeiter im Dorf waren, eine Rolle. Viele von ihnen waren in der Landwirtschaft eingesetzt. Sie halfen aber auch bei der Beseitigung von Schlammmassen, die nach starken Regenfällen die Schlimmstraße hinuntergespült wurden. Die Kriegsgefangenen unterstanden vermutlich dem Kriegsgefangenenlager Stalag XIIa zwischen Limburg und Diez, waren aber zumeist in der Mensfelder Turnhalle untergebracht. Aus Unterlagen in den Arolsen Archives geht hervor, dass vor allem 1944 und 1945 zahlreiche Menschen aus Polen und der damaligen Sowjetunion in Mensfelden Zwangsarbeit leisteten. Die meisten von ihnen dürften zivile Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter gewesen sein, die ihrer Heimat von Kommandos der Wehrmacht aufgegriffen und zur Zwangsarbeit verschleppt worden waren. Ihr Arbeitseinsatz wurde vermutlich über das Arbeitsamt in Limburg organisiert. In nach dem Krieg von Bürgermeister Schwenk für den Suchdienst des Internationalen Roten Kreuzes aufgestellten Listen, finden sich unter anderem die Namen von sieben Polen und 13 Polinnen, sieben Russen und vier Russinnen (diese konnten u.a. auch aus der Ukraine oder Weißrussland kommen) sowie vier Personen aus Lettland und jeweils eine aus Rumänien und Jugoslawien. Mindestens ein ziviler Zwangsarbeiter kam während seiner Zeit in Mensfelden ums Leben: Peter Krachtus, der im November 1941 einen Dreschmaschinenunfall hatte. Die Stellung der sogenannten „Ostarbeiter“ war schlecht. Sie hatten weniger Rechte als beispielsweise Personen aus Frankreich und waren auf besondere Weise der rassistischen Diskriminierung ausgesetzt. Dies dürfte einer der Gründe sein, weshalb sie in der Mensfelder Erinnerung weniger präsent gehalten wurden als die französischen Kriegsgefangenen. Hinzu kommt, dass zahlreiche Mensfelder Familien auch nach dem Ende des Krieges, teilweise über Jahrzehnte, Kontakt zu „ihren“ ehemaligen französischen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern hatten. Man tauschte Briefe und Fotos, aber auch wechselseitige Besuche fanden statt. Dies deutet darauf hin, dass man auch während des Krieges miteinander auskam. Es konnte schon ein Akt der Solidarität sein, wenn die Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter gemeinsam mit der Familie am Tisch essen durften. Ein solches Verhalten konnte nämlich, wie beispielsweise im nahegelegenen Dauborn im Jahr 1940 geschehen, auch zu Denunziationen führen. Die Mensfelderin Johanna S. wurde 1944 zu 1,5 Jahren Haft verurteilt, da sie mit einem französischen Kriegsgefangenen Geschlechtsverkehr gehabt haben soll. Über das Strafmaß, das den französischen Kriegsgefangenen traf, liegen derzeit keine Informationen vor. Foto: Besuch des ehemaligen Zwangsarbeiters „Jean“ in Mensfelden, 1961]Foto: Besuch des ehemaligen Zwangsarbeiters „Jean“ in Mensfelden, 1961, hintere Reihe v.l.: unbekannte Frau, Elisabeth Schumacher, Lieselotte Hasselbach, „Jean“ mit Frau und Tochter, vordere Reihe v.l.: Gerd und Ulrike Hasselbach [ Auch hier lassen sich einseitige Pauschalisierungen jedoch kaum vornehmen. Es kam mit aller Wahrscheinlichkeit sowohl zu freundschaftlichem und solidarischem Verhalten wie auch zu abschätziger Behandlung, Diskriminierung und Misshandlungen. Kriegsende und Nachwirkungen des Krieges Der Zweite Weltkrieg war in Mensfelden am 27./28. März 1945 vorbei. Es gibt die Geschichte, dass durch das Hissen einer weißen Flagge am Kirchturm amerikanische Truppen davon abgehalten wurden, das Dorf anzugreifen. Im Dorf verteilt waren wenige versprengte Gruppen von Wehrmachtssoldaten, die sich den Erinnerungen von Zeitzeuginnen zufolge entweder ergaben oder für weitere Kämpfe Richtung Frankfurt absetzten. Im Ort selbst scheint es zu keinen Kampfhandlungen gekommen zu sein. Ganz in der Nähe jedoch befanden sich Einheiten der 6. SS Gebirgsdivision „NORD“, die mit dem Aufklären und Aufhalten des Vormarschs der US-amerikanischen Truppen der 9. US-Panzerdivision bei Limburg betraut waren. Vermutlich hatte diese Einheit am 26. März kurzzeitig ihren Divisionsgefechtsstand auf dem Zollhaus eingerichtet. Das Zollhaus wurde an diesem Abend in Folge von Artilleriebeschuss durch die US-Truppen in Brand gesetzt und beschädigt. Nach erfolglosen Versuchen, die amerikanischen Truppen eindeutig zu lokalisieren oder gar aufzuhalten, befanden sich die Einheiten der Waffen-SS ab dem 27./28. März in Rückzugsbewegung entlang der Autobahn Richtung Frankfurt. Abgesehen vom Beschuss des Zollhauses blieb Mensfelden von kriegsbedingten Zerstörungen weitestgehend verschont. Bombenangriffe zielten auf den nahegelegenen Flugplatz der Luftwaffe oder die Einrichtungen auf dem Mensfelder Kopf. Im Nachbardorf Nauheim kam es in Folge eines Bombenangriffs zu Toten und Zerstörungen. Die Folgen des Krieges waren allerdings weit über den 28. März, beziehungsweise die Kapitulation Deutschlands am 08./09. Mai hinaus, spürbar. Nachrichten über vermisste und/oder gefallene oder gefangengenommene Soldaten erreichten Mensfelden weiterhin. Vor allem die Soldaten, die in sowjetische Kriegsgefangenschaft gerieten, kehrten mitunter erst nach Jahren wieder nach Mensfelden zurück. Traumatisierungen prägten (und prägen) viele Familien langfristig. In der amerikanischen Besatzungszone, in der Mensfelden lag, startete kurz nach dem Krieg ein Programm zur Entnazifizierung. Neben Entlassungen von Parteimitliedern, die der NSDAP vor dem 1. Mai 1937 beigetreten waren, sind in Mensfelden vor allem die so genannten Entnazifizierungs- oder Spruchkammerverfahren spürbar gewesen. Jeder und jede Deutsche über 18 Jahren musste einen Fragebogen ausfüllen, über den dann ein Gremium, die sogenannte Spruchkammer, beriet und entschied, in welchem Maße die Person als belastet galt. Viele dieser Fragebögen haben sich erhalten und sind im Hessischen Hauptstaatsarchiv in Wiesbaden einsehbar. Eine systematische Auswertung ist bisher noch nicht erfolgt. Die folgenden Ausführungen basieren auf Stichproben, sowie allgemeinen Erkenntnissen über diese Verfahren. Die meisten Mensfelderinnen und Mensfelder dürften im Rahmen dieser durchaus umstrittenen Verfahren als Mitläufer oder Entlastete eingestuft worden sein, selbst wenn sie vom Nationalsozialismus überzeugt waren. Es war durchaus üblich, dass die Befragten sowohl beim Ausfüllen der Fragebögen, aber auch bei möglichen anschließenden Befragungen logen. Der wegen eines antisemitischen Angriffs 1935 verurteilte SA-Mann Karl Brummer beispielsweise verschwieg diesen Vorfall im Fragebogen zunächst und schrieb: „Ich bin mir keine shuld bewust.“ [sic!]. Außerdem war es üblich, dass man für andere log und ihnen eine Distanz zum Nationalsozialismus bescheinigte. Vom Pfarrer wurde beispielsweise oft so argumentiert, dass eine Person, indem sie ihre Kinder taufen ließ , schon zeigte, dass sie mit dem Nationalsozialismus nicht einverstanden gewesen ist. Diese Verfahren dienten weniger der historischen Wahrheitsfindung oder sorgten dafür, dass sich Menschen ihrer persönlichen Verantwortung stellten. Vielmehr sorgten sie dafür, dass sich eingangs erwähnte Mythen über die Zeit des Nationalsozialismus etablierten und/oder verfestigten. Zumindest haben die Fragebögen dazu geführt, dass sich die Menschen in Mensfelden in den unmittelbaren Nachkriegsjahren mit der eigenen Verantwortung sowie der ihrer Familienmitglieder oder Nachbarinnen und Nachbarn auseinandersetzen mussten. Auch gab es vor allem bis in die 1960er Jahre hinein Besuche ehemaliger jüdischer Mensfelderinnen und Mensfelder, die oft in Zusammenhang mit Entschädigungsansprüchen standen. Auch sie sorgten dafür, dass es nur schwer möglich war einen „Schlussstrich“ zu ziehen. Eine offene und selbstkritische oder überhaupt eine ausführlichen Beschäftigung mit den Themen Nationalsozialismus und Zweitem Weltkrieg in Mensfelden blieb bisher aber, wie gesagt, aus. In Lindenholzhausen gab es beispielsweise eine engagierte Gruppe, die zwischen 2020 und 2023 das Buch “Lindenholzhausen 1933 – 1945. Eine Spurensuche.” erarbeitete.↩︎ Das Leben der Jüdischen Familien wird ausführlich im Kapitel behandelt, siehe Seite ff.↩︎ siehe hierzu , ab Seite↩︎ Die Nationalpolitischen Erziehungsanstalten (NPEA), kurz Napolas, waren Eliteschulen der Nationalsozialisten. Ihr Ziel war es, den nationalsozialistischen Führungsnachwuchs ideologisch und militärisch auszubilden.↩︎ Fotos von Hitlerjungen bei der Segelflug-Ausbildung in Mensfelden finden sich auch in den Lebenserinnerungen des aus Rettert stammenden Reinhold Kröck. Kröck, Reinhold: Was hatte ich von meiner Jugend; Teil 2 - Lehre, Arbeitsdienst und Soldat - 1925 bis 1949. Online unter: http://www.info.buhr-bau.de/Reinhold/R-Kroeck-2.pdf↩︎ Ein Foto und die Namen der Gefallenen finden sich im Kapiel , ab Seite↩︎ Heute liegt das Dorf in Frankreich↩︎ Unsere Heimatvertriebenen ✍ Autor(en): Walter Schwenk (1975), Gerd Hasselbach (2025), David Diefenbach (2025) Nach Beendigung des 2. Weltkrieges haben die Siegermächte Amerika, Russland, England und Frankreich durch den Vertrag von Potsdam Millionen von heimatlos gemacht. In den Jahren von 1945 - 1953 wurden deutschstämmige Bewohner zu Hunderttausenden aus der Tschechoslowakei (Sudetenland), Ungarn, Rumänien und Ostdeutschland von Haus und Hof vertrieben, wo sie seit Jahrhunderten sesshaft waren. Mit brutaler Gewalt wurden sie aus ihrer Heimat vertrieben und mussten in den Westen flüchten. Niemals werde ich vergessen, wie damals die Flüchtlingsfamilien, die uns vom Kreis zugewiesen wurden, mit ihrem Bündel noch gebliebener Seligkeiten auf dem Bürgermeisteramt ankamen. Mit Tränen in den Augen warteten sie verängstigt, wo man sie wohl hinbringen würde, und ob sie nur als geduldete Gäste oder von mitfühlenden Deutschen aufgenommen würden, was leider nicht immer der Fall war. Es waren 228 Männer, Frauen und Kinder die in den Jahren 1945 - 1953 der Gemeinde Mensfelden zugewiesen wurden. Eine schwere Aufgabe war es, sie in den Häusern unterzubringen, zumal die meisten Familien selbst wenig Platz hatten. In der ehemaligen Fliegerhalle fanden zirka acht Familien Unterkunft. Obwohl die Wohnverhältnisse dort ziemlich primitiv waren, hatten sie doch vorerst eine Unterkunft gefunden. Auch den Dorfbewohnern sei Dank, die sich einschränkten und die Flüchtlinge aufnahmen. Etwa 80 % der angekommenen Vertriebenen stammten aus dem Sudetenland (Fischer, Finger, Böhm), aber auch ungarndeutsche (Schöttl) und Ostpreußen (Kanigowski, Narewski) sind in Mensfelden sesshaft geworden. Durch Fleiß, Sparsamkeit und ihren Unternehmergeist haben sich die meisten über die Jahre ein eigenes Heim geschaffen und hier im Ort eine zweite Heimat gefunden. So wurden die ehemaligen Heimatvertriebenen zu vollwertigen Bürgern und übernahmen Verantwortung in Firmen (Kurt Finger – Fliesen Biebricher) oder in Vereinen (Willi Narewski – 12 Jahre Vorstand).Im Lauf der Jahre sind auch viele ausgezogen, weil sie in der Nähe ihrer Arbeitsstätte eine Wohnung fanden. Heute sind sie vollgültige Bürger von Mensfelden. Die junge Generation weiß nur wenig von ihrer alten Heimat, aber die Alten trauern immer der Heimat ihrer Kindheit nach. Das Unglück, die Heimat zu verlieren kann nur der ermessen, der mit ihr verwurzelt war. Qualvoll ist der Gedanke, niemals mehr an die Stätte seiner Kindheit zurückkehren zu dürfen. Zur Erinnerung an verlorenen deutschen Boden haben wir die erste Straße in unserem Neubaugebiet, Königsberger Straße benannt. Man kann wohl überall Heimat finden, aber nicht überall daheim sein. Foto: Die Wohngemeinschaft der Fliegerhalle nach der Vertreibung, (von: Ingrid Böhm), zwischen 1945 und 1953 2 Otto Langer Erhard Friedrich Heini Wotrupez Fritz Langer Bruno Langer Belo Karpf ? Friedrich Otto Finger sen. Johann Schöttl Franz Diesterwall Elsi Friedrich ? Riedel Anna Finger ? Langer Maria Schöttl Johann Klamert Elli Riedel Anni Hanke ? Lenzer Johann Paus Liesel Tauber Otto Finger jun. Hertha Wotrupez Elisabeth Friedrich Pepi Hanke ? Paus ? Lenzer Kurt Finger Jonni Schöttl Emil Paus Johann Paus Alois Friedrich ? Riedel Micki Hanke ? Hanke Anna König ? Diesterwall Anton Paus Walter Finger Tibor Schöttl Ingrid Finger Heinrich Wotrupez Rudi Finger Marianne Paus Herbert Wotrupez Herti Wotrupez5 Das Gefallenendenkmal ✍ Autor(en): Walter Schwenk (1975) Den Opfern der beiden Weltkriege zum Gedächtnis, uns Lebenden zur Mahnung 1914 - 1918 Wilhelm Nilges 1914 Karl Reinhardt 1916 Joh. August Völker 1914 Adolf Völker 1917 Wilhelm Schumann 1914 Wilh. August Lieber 1917 Karl Aug. Schwenk 1915 Karl Zollmann 1917 Karl Aug. Helfrich 1915 Karl Crecilius 1917 Karl Wilh. Lieber 1915 Wilhelm Schnatz 1917 Karl Fr. J. Häuser 1915 Wilhelm Volk 1918 Hermann Biebricher 1915 Wilhelm August Müller 1918 Wilh. Hermann Schumann 1916 Karl Lieber 1918 August Ph. Deußer 1916 Rudolf Volk 1918 Adolf Reinhardt 1916 Emil Th. A. Bernhard 1918 Karl Chr. Völker 1916 Wilhelm Zollmann 1918 Ph. August Zollmann 1916 Karl August Zollmann 1918 Friedrich Wilh. Lieber 1916 Adolf Leuckel 1918 1939 - 1945 August Schumann 1941 Karl Schumann 1944 Wilhelm Deußer 1941 Willi Schwenk 1944 Karl Glitsch 1941 Wilhelm Zollmann 1944 Wilhelm Mohr 1941 Willi Nilges 1944 Kurt Borschert 1941 Karl Herm. Schumacher 1945 Karl Deußer 1942 Otto Diefenbach 1945 Karl Zollmann 1942 Albert Schwenk 1945 Heinrich Krahulik 1942 Adolf Kröller 1945 Wilhelm Dietrich 1942 Wilhelm Hohlwein 1945 Wilhelm Karl Schwenk 1942 Willi Schwenk 1945 Wilhelm Schumacher 1942 Karl Wilhelm Schwenk 1945 Hermann Lieber 1943 Alfred Weber 1945 Franz Riedel 1943 Wilhelm Weier 1945 Kurt Schwindt 1943 Wilhelm Kees 1945 Richard Schmidt 1943 Werner Volk 1945 August Wilhelm Schumann 1944 Wilhelm Alb. Schwenk 1945 Albert Kees 1944 Walter Borschert 1945 Alfred Völker 1944 Friedrich Zollmann 1945 Vermisste 1939 - 1945 Paul Werner Otto Crecelius Walter Münzenberg Karl Wilh. Völker Erich Diefenbach Karl Schmidt Wilhelm Girm Rudolf Deußer Albert Girm Erich Fuchs Albert Schwenk Karl Lieber Heinrich Klaus Walter Zollmann Willi Schwenk Karl Ohl August Lanz Friedrich August Schumann Albert Motz Franz Rutschek Walter Schermuly Josef Karpf Foto: Ehrenmal auf dem Friedhof, David Diefenbach, 2023